Zwei

11.3. 2010 15:00

Sitze im Garten in der Sonne mit Dostojewskij, Der Spieler. Mein bester Freund Rolf Müller empfahl mir das Buch, als ich noch irgendwo zwischen Enid Blyton und Karl May steckte. Als ich es dann mit Mitte zwanzig las, fand ich es deutlich schwächer als die anderen Dostojewskijs. Jetzt bin ich so begeistert von den ersten acht Sätzen, daß ich nicht weiterlesen kann. Die superelegante und indirekte Mitteilung der Informationen, das perfekte Handwerk. Wer es übersetzt hat, steht leider nicht dabei. Kunstleder, seinerzeit im Billigangebot: Sieben Russen zum Preis von einem.

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Das ist alles, und das alles war wichtiger als der Übersetzer. Während ich lese, verzweifeltes Schluchzen aus dem Gebäude neben mir. Das Gefühl, es könne jemand von unserer Station sein, jemand, dessen Gesicht ich aus dem Gemeinschaftsraum, vom Essen, kenne, ist zutiefst deprimierend.

Dann sich verdichtende Angst, es könne X. sein. Ich gehe auf Station, um Tee nachzuholen, begegne der Ärztin-Praktikantin und stelle so neutral wie möglich die Frage (nachdem ich darauf hingewiesen habe, daß mich das Schluchzen beim Lesen störe), ob es jemand von unserer Station sein könnte. Die Ärztin-Praktikantin verneint und fügt hinzu: “X. ist es jedenfalls nicht. Die ist ausgegangen.”

11.3. 2010 20:00

Abends ist es ruhig. Wer wach ist, sieht im Gemeinschaftsraum fern, über das Programm wird abgestimmt. Ich trinke Tee und lese. Raise High the Roof Beam, Carpenters.

11.3. 2010 20:11

Einer geht immer auf und ab. Das ist der Traurigste.

12.3. 2010 2:30

Zolpidem reduziert. Mache im Bett Yoga-Übungen in Erinnerung an die einzige Stunde Yoga, die ich vor 27 Jahren im Rahmen einer Projektwoche am Gymnasium bei der Mutter von Anja Kranz machte. Jedes Körperteil einzeln ansprechbar. Konzentriert entspannen. Danach zwar immer noch schlaflos, aber entspannt und schwer wie Blei. Unser Projekt damals hieß Gesundheitswoche, und ich hatte mich dafür gemeldet, weil ich dachte, daß B. daran teilnehmen würde, die sich das ausgedacht hatte. Sie machte dann aber Skifahren, und ich ernährte mich eine Woche von Gemüse und lernte Yoga.

12.3. 2010 4:50

Was macht mein Zimmernachbar da eigentlich? Zähneknirschen?

12.3. 2010 5:00

Wach. Aufstehen. Draußen Schnee. SCHNEE. Eine dünne, weiße Schicht über dem Garten zwischen den roten Ziegelbauten aus wilhelminischer Zeit. Arbeite im Gemeinschaftsraum. Sonst ist keiner wach.

Muß für die Ärzte Stimmungstagebuch führen, jeweils um 8, 13, 19 Uhr Check: Bin ich sehr fröhlich, fröhlich, mittel, bedrückt, sehr bedrückt? Durchgehend “sehr fröhlich” und ein durchgestrichenes und durch “sehr fröhlich” ersetztes “fröhlich” bisher. Da die Kategorie “hocheuphorisch” fehlt, die ich während jener Tage hätte ankreuzen müssen, vermute ich, daß sich hinter dem Begriff “sehr fröhlich” eine Falle verbirgt. Wenn ich durchgehend “sehr fröhlich” ankreuze, lassen sie mich nie wieder raus. Deshalb das versuchsweise Kreuz bei “fröhlich”. Dann aber entschieden, ehrlich zu antworten. Die Ärzte sind ja nicht blöd.

12.3. 2010 6:46

Im Gemeinschaftsraum der Neuropsychiatrie gibt es:

1 Fernseher
1 VHS-Gerät
7 VHS-Kassetten (Blockbuster)
1 Computer (Windows XP, kein Internet)
17 Bücher

Von Frl. Smillas Gespür für Schnee übers Moppel-Ich bis Tzvetan Todorov (Die verhinderte Weltmacht, Reflexionen eines Europäers) ist es genau das Zusammengewürfelte, das man erwartet. Überraschung: “Frei erfunden” von Jochen Reinecke. Hey, Jochen! Du auch hier!

12.3. 2010 7:30

Arbeite an drei Textstellen, frühstücke und unterhalte mich mit Pfleger und Patienten gleichzeitig, ohne irgendwo den Faden zu verlieren. Auch nicht normal.

Fünf Männer auf der Station teilen sich Toilette und Dusche. Außer mir: Der Zimmernachbar, der Geher, der Küchenaufräumer, der Zucker. Einer von ihnen hat offenbar ein Problem mit dem Klopapier. Er zieht nie die Spülung, und jedesmal, wenn ich in die Kabine komme, liegt ein Muster aus (meist unbenutzem) Toilettenpapier am Boden: geheime Botschaften aus einer anderen Welt.

Eine einzige Patientin entspricht dem Hollywood-Klischee der Irren: Nachlässige Kleidung, schlappe Haltung, wirre Haare. Nun sitzt sie zusammengesunken auf dem Sofa und starrt auf den nicht eingeschalteten Fernseher, während vor dem Fenster große Flocken fallen.

Jack-Nicholson-Momente:

- der Bällekorb in der Psychiatrie, insbesondere der fast braune, abgegriffene Basketball
- die Diskussion des Fernsehprogramms
- der Duschraum
- Einladung zum Gesprächskreis
- Einladung zum Töpfern und Basteln
- Einladung, am Ausflug in die Stadt teilzunehmen (sehe mich schon den Bus zum Hafen steuern, wo Max’ Boot liegt)

Was fehlt: Mildred Ratched.

12.3. 2010 8:08

Jemand hat den Fernseher eingeschaltet. Der Hollywood-Irren ist es egal. Sie guckt trotzdem hin.

12.3. 2010 10:00

Ganzen Tag geschrieben. Die Visite kommt, der Stationsärztin Dr. Eins macht mein haltbar fröhlicher Affekt Sorgen. Hypomanie ist das Wort. Sie würde mich gern länger hierbehalten, und das ist genau das, was ich mir auch wünsche. Ich nenne meine Gründe, Räumlichkeiten hier vs. Ein-Zimmer-Loch zu Hause, fantastisches Essen, Ruhe, konzentriertes Arbeiten und ein Garten praktisch für mich allein; füge hinzu, daß es wie Urlaub für mich sei, ich es aus demselben Grund für Verschwendung von Steuergeldern hielte, und habe mit dieser Gesamteinschätzung ihre Diagnose der Hypomanie offenbar befestigen können. Merkwürdiger Rat: Man hält meinen Aktivismus für ein gefährliches Symptom, rät jedoch zur Aktivität, da Stillstand eine Rückkehr des noch Schlimmeren bedeute.

Für das Wochenende erkläre ich vorauseilend mein Einverständnis, mich mit Zyprexa abzuschießen, falls die Manie wiederkäme. Wochenende gefürchtet wegen Ärztemangel. Manie mein Arsch.

12.3. 2010 12:20

Ich darf nirgends allein hin. Mit der Praktikantin bei der Strahlentherapeutin Dr. Zwei, Bilder abholen. In der Angst, die ich noch vom letzten Mal her verspüre (“Sie haben da einen zweiten Herd, falls Sie’s nicht wußten”), klammere ich mich am Arm der Praktikantin fest. Befund nach MRT weiter unklar, Dr. Zwei macht mir einen Termin am PET-CT, das ich selbst bezahlen muß, die Rede ist von 1000 Euro. Meine Frage, ob ich nächstes Jahr noch da bin, bleibt ohne Antwort. Natürlich will keiner falsche Prognosen abgeben, aber sie sagt weder Ja noch Nein, sagt auch nicht “Ich weiß es nicht” oder “Das kann man nicht wissen”, ignoriert einfach die Frage, so daß ich in der Nacht abermals damit beschäftigt bin, mich auf drei Monate, wahlweise dreißig Tage runterzurechnen. Meine spätere Vermutung, daß die richtige Antwort gewesen wäre: “Ich weiß es nicht, weil ich beim Glioblastom inkompetent bin und meine Strahlen auf alles richte, was da kommt zwischen Prostata und Frontallappen, weshalb ich Ihnen auch ein Faltblatt in die Hand drücke, auf dem erklärt wird, wie Sie währenddessen mit einer Magensonde ernährt werden”, wird sich noch als falsch herausstellen.

Auch hat Dr. Zwei etwas nicht ganz und gar Unbewundernswertes an sich, etwas von einer mittelalterlichen Rüstung und Waffe. Sie schenkt mir einen Kugelschreiber.

13.3. 2010 10:07

Erster Besuch zu Hause ohne Begleitung, der beruhigende Anblick vertrauter Gegenstände. Die Waschmaschine, die meine Eltern beim Aufenthalt in meiner Wohnung zerstört zu haben glaubten und die mehrere Waschgänge lang nicht tat, was sie tun sollte -, tut es wieder. Einfach so. Miele. Die Maschine wurde noch von meiner Großmutter erworben, ein Waschautomat der 1968er-Baureihe, also aus einer Zeit, als der Mond noch nicht betreten, Borussia Neunkirchen noch in der Bundesliga und das elektronische Signallämpchen nicht erfunden war.

Das mechanische Äquivalent zum Signallämpchen ist die Überschwemmung des Fußbodens, die den Besitzer darauf hinweist, daß das Flusensieb voll ist. Man muß das Sieb dann rausnehmen und entflusen, etwa alle fünf Jahre, was bedeutet, daß dies im Leben des Automatens sieben oder acht Mal geschah, und ich erinnere mich, wie gerührt ich immer beim Entflusen war: wie die Zeit vergeht. Die Maschine wurde nie gewartet und war nie defekt. Die vollständige Aufschrift lautet: MIELE AUTOMATIC W 429 S.

13.3. 2010 10:12

Summe von mir selbst unbemerkt seit Tagen “Bunte Schlangen, zweigezüngt, Igel, Molche, fort von hier! Daß ihr euren Gift nicht bringt in der Königin Revier!” Text kannte ich nur bis zweigezüngt, mußte ich googeln. Seit dem Aufenthalt im Bundeswehrkrankenhaus laufen in Endlosschleife zwei Kassetten bei mir, Kassette 1: Dowland, Handford, Rosseter, Lawes, Monteverdi, Bachchoräle. Aufgenommen von Calvin, meinem besten Freund aus der Nürnberger Zeit, der sich mit Holm die Figur des Desmond in den Plüschgewittern teilt (ohne die Zwielichtigkeiten, die erfunden sind). Jetzt Orchestermusiker in Christchurch, NZ. Seit Jahren nicht gesehen. Schrieb zuletzt gegen Weihnachten, lud mich wie immer ein, ihn zu besuchen.

Weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll. Wahnsinnig empfindlicher Mann, kann nicht mal Blut sehen.

Kassette 2, Seite A: Campian, Marchant, Corkine, Dowland, Morley, Parrichon, Hume, Anne Boleyn. Seite B: Mendelssohn-Bartholdy, Sommernachtstraum, von mir selbst aufgenommen zu Zeiten, als ich in A. verliebt war. Fünfzehn Jahre gräßlicher Liebeskummer um einer Frau willen, die ich in all den Jahren, seit ich sie zum ersten Mal besuchte, nicht länger als acht Stunden gesehen habe. Nie ein Bild von ihr besessen. Hunderte Briefe geschrieben, entsetzliche Briefe. Sie vor Beginn meines Studiums einmal besucht, um sie zu zeichnen: komplett mißlungen. Schwärzester Tag meines Lebens. Abends ihren Vater mit dem Auto abgeschleppt, der liegengeblieben war und anrief. Dann im Haus übernachtet, weil schon spät. Keine Sekunde geschlafen, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Vernunft. Am nächsten Tag peinliches Geständnis, mit dem ganzen Furor meiner sozialen Inkompetenz. Dann mit 150 km/h zurück nach Hamburg, über die kurvigen Landstraßen der Schleswig-Holsteinischen Schweiz, und ich erinnere mich noch genau, wie überrascht ich war, festzustellen, daß Autos seitlich gleiten können wie Schlittschuhläufer, und an das Gefühl in meinem Magen. Daß man es danach noch ein Vierteljahrhundert aushält in dieser Welt, auch eine Leistung.

Übrigens bin ich völlig unmusikalisch. Daß Emma Kirkby fantastisch singt, weiß ich von Calvin. Glaube auch, hören zu können, daß sie fantastisch singt, weiß aber aus Erfahrung, daß ich mittelprächtige Ausübung von Musik nicht von guter unterscheiden kann. Ähnlich schwach ausgeprägte Sinne: Geschmack, Geruch. Der Rest ist okay.

Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten.

13.3. 2010 10:20

Wenige Minuten, nachdem ich über meine Waschmaschine schrieb, trete ich in meinem Badezimmer in eine Pfütze. Das Flusensieb ist voll. Es ist nicht der einzige Zufall der letzten Tage. Die Begegnung mit X., der Entschluß, am Jugendroman weiterzuarbeiten auf den Tag genau sechs Jahre, nachdem ich ihn begonnen hatte, heute morgen die Lektüre der Blume von Tsingtao, die auf der Irrenstation der Charité spielt und lauter Sätze enthält, die ich im Wahn auch sagen mußte etc. Die Häufung der Zufälle offensichtlich die Folge eines überwachen Zustandes, in dem alles genau miteinander verglichen wird. Ich kenne das sonst nur aus den Phasen starker Verliebtheit. Trotzdem verwirrt es mich.

13.3. 2010 11:00

Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem. (geweint)

13.3. 2010 14:00

Die anzugtragenden Türsteher oder Gäste vor dem BABALU halten Sektgläser auf Bauchhöhe und schauen stumpf gen Reinhardstraße. Da geht’s mir doch vergleichsweise gut.

13.3. 2010 16:15

Nach Blume von Tsingtao auch Diesseits des Van-Allen-Gürtels noch mal korrekturgelesen. Um zu gucken: Lohnt sich das überhaupt? Kann ich das? Oder mache ich lieber eine Weltreise? Aber die Geschichte ebenfalls völlig okay, sogar gut (und überraschenderweise ziemlich genau das, was ich schreiben wollte, während ich während der Fahnenkorrektur immer dachte: das ist nicht zu zehn Prozent das, was es sein soll). Mir schleierhaft, wie ich damit in Klagenfurt gegen den handwerklich grotesken und pathetischen Tellkamptext verlieren konnte. Entweder bin ich immer noch vollkommen größenwahnsinnig und dies wird ein Helmut-Krausser-Journal (sagt Bescheid, nebenan gibt’s noch Zyprexa) oder -

14.3. 2010 11:00

Arzttermin bei Gott, er versteckt sich hinter dem nom de plume Prof. Drei. Kurz vor der Rente oder drüber, Jahrzehnte Erfahrung, arbeitet zwölf Stunden am Tag, jeden Tag, schiebt mich am Sonntag in der Sprechstunde dazwischen. Wartezimmer voll mit Hirntumoren, die sein Loblied singen. Inoperable Gliome, die er operiert hat, vor neun Jahren. Der erste Arzt, der redet, wie mir das gefällt: In Zahlen, in Prozenten, in Wahrscheinlichkeit und Wirkungsgrad. Auch in Graden der Wirkungslosigkeit (80% der Bestrahlten zeigten überhaupt keine Wirkung, null, lediglich Spätfolgen in zwei bis vier Jahren). Daß er überhaupt mit Spätfolgen rechnet: Bis heute morgen war ich nicht sicher, ob ich im Sommer noch da bin. Weitere Zahlen, die ich nicht kannte: Tumor war acht Zentimeter groß, gewachsen in ca. sechs Monaten. Prof. Drei empfiehlt Angiogenesehemmer (Hypericin = Johanniskraut), Apoptoseauslöser (Resochin), EGFR-Blocker, spricht von einer Studie in Denver und einem Mann, der mit Hypericin geheilt wurde. Geheilt? Widerspricht das nicht der Wissenschaft? Er nimmt sich Zeit, erklärt alles, gibt mir zum Abschied die Hand und zieht mich gleichzeitig mit dem Händedruck aus dem Sprechzimmer: Nächster Patient.

In der U-Bahn vor Glück außer mir.

15.3. 2010 12:00

Entlassung aus der Psychiatrie, poststationäre Behandlung. Adresse einer Psychologin, an die ich mich ggf. wenden kann. Ich glaube sicher, es nicht nötig zu haben, behalte diese Einschätzung aber lieber für mich.

Zu Hause begeistertes Auf- und Umräumen der Wohnung, zentimeterdicke Staubschichten, stelle den Computer ans Fenster und frage mich, warum ich fünfzehn Jahre in der dunklen Ecke gesessen habe. Ach ja: Damals hab ich noch gemalt. Da brauchte ich auch Licht.

16.3. 2010 20:00

Bunnyshow. Fantastisch. Bunnys gut, Gäste gut, keine Hänger, alles richtig. Erkundige mich bei anderen, die die Show auch okay fanden, aber nicht so okay. Bin offenbar deutlich kritikloser als sonst, sollte also weiter vorsichtig sein, was den Schwanzvergleich mit Tellkamp angeht.

Die letzten Tage Loslabern von Goetz. Bizarrer Text über Tellkamps Turm, er habe jetzt endlich Thomas Mann begriffen oder in Tellkamp Thomas Mann gelesen oder begriffen. Vermute, daß er weder das eine noch das andere wirklich gelesen hat, wenn er schon bei Kracht nur bis zu dem Wort Menschentalg kam. Wobei er mit dem Feuilleton ja übereinstimmt. Wenn man in Deutschland Geschichten schreibt, kommt man um Carver nicht herum, Adoleszenz immer Salinger, und beim ganz großen Wurf rauscht das alte Doppelgespann zum Einsatz: “Uwe Johnson: nur mit Proust und Joyce vergleichbar.” Aber am schlimmsten erwischt es immer Thomas Mann. Alles über 600 Seiten und Familie: Thomas Mann. Ja, richtig, der hat mal diesen einen Roman über eine Familie geschrieben. Gesellschaft kommt auch vor. Und? Ich kann mich nicht erinnern, schon mal einen einzigen Mann-Vergleich gelesen zu haben, der darauf hinauswollte, daß der zu Vergleichende ein unfaßbar großartiger Trickser sei. Schlagt mich tot mit der Hans-Carossa-Gesamtausgabe, aber ich halte die Trickserei für die Hauptsache bei Mann.

Letztes Jahr hab ich Buddenbrooks und Zauberberg wiedergelesen im Rahmen des Projekts: Ich überprüfe mein Urteil mit zwanzig. Da gab es in diesem Fall ausnahmsweise nicht viel zu korrigieren, nur die Reihenfolge hatte sich geändert: Jetzt waren mir die Buddenbrooks noch lieber. Aber was mich killt an Mann und immer gekillt hat, sind seine formalen Tricks, diese kleinen Hebel zum Beispiel, die er im Text einbaut, um hunderte Seiten später mit einem einzigen Ruck und Satz und Wort ganze Figuren, Handlungsstränge und Lebenskonzepte im Abgrund zu versenken, Desillusionsmaschine aus der Hölle. Und ich erwarte nicht, daß das einer genauso macht oder kann, Desillusion ist vielleicht auch nicht jedermanns Sache, obwohl ich nicht weiß, wie man über 300 Seiten gehen soll ohne das. Aber eine wenigstens spürbare, wie auch immer geringe Aufmerksamkeit der Form und Struktur widmen und meinetwegen scheitern, das sollte doch wohl drin sein, bevor man den Mann-Vergleich rausholt. Und Tellkamp hat ihn ja selbst rausgeholt, im Doppelpack mit dem Goethe-Schwingschleifer, und wenn man dann diesen – ja – Familienroman liest: Himmel. Nichts. Nada. Nicht mal der Versuch zu irgendwas. Dieses ganze Gedödel um Uhren und Brötchen ist ja das Eigentliche, der existentielle Kern dieses sprachlich verlotterten Scheißdrecks. Uhren und Brötchen und Mädchen hätte ich am liebsten geschrieben, aber selbst das Mädchen, den Selbstläufer einer wie auch immer vermurksten Adoleszenzgeschichte kriegt er nicht hin, versackt im Nichts. Der Flugzeugbauer versackt im Nichts. Die Familie, die in den Westen ausreist, versackt im Nichts. Was man ja im Fall dieser Ausreisenden, wenn’s einen nur für fünf Pfennig interessieren würde, zu einem spürbaren Nichts auszubauen versucht haben würde. Aber die Familie wird vorher nicht eingeführt und hinterher nicht vermißt, und das Ganze darf man jetzt vergleichen mit einem – Entschuldigung – Zauberer, der Clawdia Chauchat 120 Seiten vor Schluß in einem Nebensatz aus dem Roman eskamotiert, um das Elend ihrer Nichtanwesenheit, den Liebeswahnsinn und die fiebrige Erwartung ihrer Rückkehr gezielt aus Hans Castorp hinaus- und in den Kopf Lesers hineinzuprügeln. Und während man noch vergeblich auf ein Lebenszeichen der Angebeteten wartet, flackert ein Schwarzweißfilm vom Ersten Weltkrieg über die Leinwand. Als ich das das erste Mal gelesen hab, bin ich fast gestorben.

Drei Sachen, die Tellkamp hinkriegt: Unterwasserfahrt des Panzers (wo er sich dankenswerterweise auch sprachlich dem B-Picture nähert), Chirurgenszene (“der Operateur setzt den Haken” o.s.ä.), die Reden vorm Schriftstellerverband. Wo ich wirklich gern wüßte, inwieweit die recherchiert oder selbst ausgedacht sind. Weil, wenn selbst ausgedacht: groß.

Zum Schluß der Bunnyshow einen Kompaß gewonnen, “showing direction of al-kaaba”. Der Kompaß teilt den Umkreis in 40 Abschnitte zu 9 Grad, ein Begleitheft informiert über die Kennzahl des jeweiligen Standorts auf der Weltkugel, nach dem sich die Qibla errechnet. Schwer zu sagen, ob man mit seinem Körper so präzise hinbeten kann. Die Frage, ab wieviel Grad Abweichung das Gebet ungültig wird, bleibt unbeantwortet. Vierkommafünf?

Auf Recherche zum Wüstenroman immerhin gefunden: “Wenn ein Hase, eine Ziege oder ein anderes Tier sich vor einem Betenden bewegen, bleibt das Gebet gültig. Die Rechtsgelehrten sind sich darüber einig, dass nur drei Wesen das Gebet ungültig machen: Eine erwachsene Frau, ein schwarzer Hund und ein Esel.” (Abd al-Aziz ibn Baz)

Tatsächlich brauche ich dringend einen Kompaß, wenn ich nachts durch Berlin laufe, kein Mond und keine Sterne zu sehen sind und ich nicht weiß, ob ich nach Ost oder West unterwegs bin: Ich bin unglaublich orientierungslos. Vom NBI zu mir nach Hause sind es zwei lange gerade Straßen, die im rechten Winkel zueinander stehen. Letztes Jahr versuchte ich das mit der Diagonalen Richtung Südwesten abzuschneiden, anderthalb Stunden später stand ich nördlich vom NBI. Thema der Bunnyshow übrigens Buchvorstellung Passig / Scholz: Verirren.

17.3. 2010 00:45

Vier Ratten auf dem Bürgersteig. Sie laufen nicht weg, als ich stehenbleibe, sie laufen nicht weg, als betrunkene Passanten vorbeikommen. Sie laufen nicht weg, als ich mich nähere, als ich mich niederknie und die Hand ausstrecke. Eine schnuppert an meinem ausgestreckten Finger und trottet zurück in ihre Wohnung: Torstraße 203.

17.3. 2010 15:00

Letzter Termin in der Psychiatrie. Ja, es geht mir gut, ja. Bringe X. wie versprochen Nine Stories in der Tagesklinik vorbei.

Unten eine Ausstellung der Bildhauerin Dorothea Buck, die Psychose für unter anderem Selbstfindung hält und Psychoseinhalte als religiöse Erfahrungen verstanden wissen will. “Könnte es sein, dass Schizophrene manchmal die vom christlichen Glauben eigentlich begabten Menschen sind? Welches Wissen über den Menschen, über seine Abgründe, über seine Sehnsucht und Religiosität ginge verloren, wenn es die Schizophrenie nicht gäbe?” Wohl wahr. Aber für alle reichen die Medikamente halt nicht.

18.3. 2010 14:30

Erster Sommertag, ganzen Tag Kopfschmerzen. Drei Tage kein tierisches Eiweiß, heute überhaupt nichts gegessen wegen PET-CT. Kostet 2000 Euro: “Zahlen Sie bar oder mit Karte?” Tut mir leid, könnte man mir das vorher sagen, daß ich jetzt mit Plastiktüten voller Geld in die Arztpraxis kommen muß? Jetzt kann ich morgen wieder hin und meinen Befund kaufen. Erster relativer Scheißtag, wegen Kopfschmerz. Um acht bringt mich C. ins Bett. Bin allerdings nicht hypochondrisch genug, es auf etwas anderes als das Wetter zu schieben.

19.3. 2010 6:50

Wache von allein um 6:50 auf. 73 Kilo, sechs bis sieben Kilo unter normal. Sieht gut aus.

Schon der Lerche Morgensang. Hüpfen wir denn, Königin, schweigend nach den Schatten hin!