Vierundzwanzig
21.1. 13:55
Michalzik entreißt Hünniger die Krone, Willmann nur noch unter ferner liefen. Bin kurz davor, hundert Euro auszuloben für jeden losen Faden, den ein Rezensent benennt und nicht nur behauptet.
23.1. 16:34
Telefonat mit K., die ein Oligodendrogliom hat und schon weiß, wo ihr Grab sein wird. Sehr vernünftig, sehr angenehm. Über das Treffen der Selbsthilfegruppe: “Diese Hirnis sind ja alle völlig desorientiert.”
27.1. 14:14
Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.
28.1. 18:00
Als wir aus dem Kino kommen, liegen drei Zentimeter Schnee. Spannendste Verfolgungsjagd seit langem: Wie Ryan Gosling hinter dem Laster parkt und wartet.
29.1. 15:45
Spaziergang zum Plötzensee. Weiße Fläche, Mond darüber, rosa Nachmittag. Drei Setzrisse quer über den See, der Schnee rechts und links davon dunkel mit Wasser vollgesogen. Ganz vorn eine einzelne Schlittschuhspur, die zwischen verwirrtem Kaninchengehoppel dreißig, vierzig Meter weit auf den See führt.
1.2. 16:05
Der Befund zum gestrigen MRT ist noch nicht eingetroffen oder verlorengegangen und muß neu gefaxt werden. Im Durcheinander drückt die Schwester ihn zuerst mir in die Hand. Eine halbe Stunde Zeit, die zermanschten Buchstaben im Wartezimmer zu entziffern.
“Im Vergleich zur MRT-Voruntersuchung vom 20.10.11 besteht ein Z.n. Rezidivresektion eines Grad IV Glioms rechts parietooccipital mit einer unregelmäßig berandeten Resektionshöhle. Im umgebenden Randbereich sind in TIRM-Wichtung weiterhin diffuse Signalvermehrungen nachzuweisen, die im hinteren Balken über die Mittellinie nach links reichen bis links parietal. Im dorsalen Resektionsbereich rechts paramedian / parasagittal finden sich im Verlauf zum frühpostoperativen MRT nun geringflächige Schrankenstörungen bis insgesamt 15 mm axialen Durchmesser (im 43-81/169). Auch um die Resektionshöhle selbst diskrete randständige Schrankenstörungen. Diffuse Signalanhebungen im Marklager links periventrikulär, längerfristig sind diese eindeutig progredient. Bekannte unscharfe TIRM-Signalvermehrung links temporoparietal mit verplumpter Hirnoberfläche weitgehend konstant (maximal 6 cm), eine Schrankenstörung ist hier weiter nicht nachzuweisen. Mehrere kleinfleckige Marklageränderungen links parietal sind konstant. Das Ventrikelsystem ist mittelständig und gering asymmetrisch. Die internen und externen Liquorräume sind bis auf die Operationsregion sowie links temporoparietal normal weit. Z.n. erneuter osteoplastischer Trepanation rechts parietooccipital. Beurteilung: Gegenüber dem MRT-Vorbefund vom 20.10.11 finden sich nach Rezidivresektion eines Glioblastoma multiforme WHO IV° geringe Schrankenstörungen …” usw. usf.
Erster Eindruck: Katastrophe. Zweiter Eindruck: Nicht so gut, aber auch nicht allzu schlimm. Was mich bedrückt, ist das Wort Balken.
Dr. Sechs, der Dr. Vier vertritt, klickt sich durch die Bilder und wirkt unbeeindruckt. Irgendwas sei halt immer, und einem Radiologen eine klare Aussage abzuringen der Versuch, einen Wackelpudding an die Wand zu nageln. Diffus, suspekt und längerfristig progredient – egal. Blutbild okay, Therapie weiter wie gehabt.
4.2. 20:37
Meine Mutter (68) kündigt an, diesen Winter kein Eishockey spielen zu wollen wegen Arm kaputt. Nun steht der Vater allein mit dem Schläger auf der Kieskuhle, weil die dicken Kinder von Landau seit zwanzig Jahren immer weniger geworden und zuletzt ganz verschwunden sind.
Als ich Schlittschuh laufen lernte, sah es auf allen Seen noch aus wie seit hunderten von Jahren, wie auf Bildern Averkamps, und man mußte warten, bis einer vor Erschöpfung zusammenbrach, ertrank oder sein mit Isolierband nicht ausreichend umwickelter Schläger zersplitterte, damit man seinen Platz einnehmen konnte.
5.2. 14:30
Zehn Grad minus auf dem See, Forumstreffen. Schulter mittel, die nächste Goldkrone rausgebrochen, Mütze verloren. Das mit der Mütze bedrückt mich irgendwie am meisten.
11.2. 18:45
Tinker, Taylor, Soldier, Spy. Gary Oldman nicht erkannt, Colin Firth nicht erkannt. Eine Stunde lang versucht, die alten Männer auseinanderzuhalten. Aber toll. Funktionsabläufe, Funktionssprachen, Hierarchien, Sackgassen, Bürokratie, Berechtigungsscheine auf Aktentaschen, all das Armselige, Kleinkarierte und Erbsenzählerische der Realität, von dem der deutsche Krimi nichts wissen will. Lakonischer Agent über die Russen: “They worked me.”
14.2. 18:45
The Artist, hinterher Ines zu ihrer Familie ausgefragt. Zwanzig Kinder im Block, Spree nebenan, Schlamm und Dreck. Facebook ja, interessiert sie aber nicht.
Vor einiger Zeit schon mit Cornelius diskutiert, ob ein Stöckchen ins Wasser werfen, auf die andere Seite der Brücke rennen und auf das Stöckchen warten eine unersetzbare Lebenserfahrung ist, oder ob man mit dieser Ansicht bereits zum von der Welt und der Wii keine Ahnung habenden Kulturpessimisten wird. Wußten wir beide nicht. Einigkeit nur, wie wichtig dieses Stöckchen in unserer Biographie gewesen war.
15.2. 14:08
INTERESSANTES FÜR MEINE PATIENTEN ZUM MITNEHMEN
Brustkrebs
Lungenkrebs
Hautkrebs
Darmkrebs
Magenkrebs
Hodenkrebs
Blasenkrebs
Krebs der Speiseröhre
Krebs im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich
Rachen- und Kehlkopfkrebs
Krebs der Gebärmutter und Eierstöcke
Fatigue bei Krebs
Sport bei Krebs
Kinderwunsch und Krebs
Krebs bei Kindern
Gehirntumoren
Ihr Krebsrisiko
Leukämie
Multiples Myelom
Krebs der Bauchspeicheldrüse
Krebs der Leber und Gallenwege
Hodgkin-Lymphom
Strahlentherapie
Hospiz- und Palliativberatung in Ihrer Praxis
Hilfen für Angehörige
Belle Madame
Perücken
Wigs
17.2. 14:14
Traum: Urlaub in Marokko, und mir fallen der Reihe nach die Goldzähne aus.
19.2. 10:20
Zwei Jahre.
73% derer, die Bestrahlung und Chemo hatten, sind tot, 90% derer mit Bestrahlung allein (UCLA, 2009).