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	<title>Arbeit und Struktur</title>
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	<description>Wolfgang Herrndorf</description>
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		<title>Achtunddreißig</title>
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		<pubDate>Tue, 07 May 2013 23:10:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[21.3. 2013 12:57 Ich bin nicht auf Facebook, ich war nie auf Facebook, ich werde nie auf Facebook sein. Unbelehrbarer Betreiber der in diesem verrotteten Drecksladen unter meinem Namen erstellten Seite ist der Hamburger Internetirre Gerhard Bangen. Nur so zur Information. 25.3. 2013 13:50 Auf dem vereisten Kanalufer nach Mitte zum MRT. Hinterm Bundesministerium für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>21.3. 2013 12:57</p>
<p>Ich bin nicht auf Facebook, ich war nie auf Facebook, ich werde nie auf Facebook sein. Unbelehrbarer Betreiber der in diesem verrotteten Drecksladen unter meinem Namen erstellten Seite ist der Hamburger Internetirre Gerhard Bangen. Nur so zur Information.</p>
<p>25.3. 2013 13:50</p>
<p>Auf dem vereisten Kanalufer nach Mitte zum MRT. Hinterm Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie zwischen Invalidenfriedhof und Naturkundemuseum:</p>
<p>GESUCHT!!!</p>
<p>Am 09.03. 2013 ist unsere Hündin in Berlin-Mitte entlaufen. Sie hört auf den Namen Pupsi und hat eine Schulterhöhe von ungefähr 42 cm und ist 6 Jahre alt. Unsere Pupsi ist krank und braucht dringend ihre Medikamente. Die kleine Maus hat am rechten Oberschenkel eine lange Narbe. Sie könnte auch noch ihr Halsband und Leine haben. Pupsi ist eine ganz liebe, aber ängstliche Hündin.</p>
<p>Essen beim Thai, Apotheke, Arbeit, Warten. Ein oder  zwei Tage schreibt  der Radiologe an dem Befund, das Ergebnis erfahre ich Donnerstag von Dr. Vier. Das ist Standard. Nur wenn es einen auf den Bildern auf Anhieb erkennbaren und sofortiges Eingreifen erfordenden Notfall gibt, kriege ich einen Anruf. Ich arbeite.</p>
<p>25.3. 2013 15:50</p>
<p>Telefonat mit C., der ich nichts gesagt hatte und der ich auf die Frage, was ich den ganzen Tag gemacht hätte, nun das MRT gestehen muß. Aber kein Problem, sage ich. Wenn was wäre, hätte ich doch Bescheid, Praxisschluß war ja schon, behaupte ich.</p>
<p>Erst spät sehe ich das rote Blinklicht auf dem Telefon, fünf Anrufe während meiner Abwesenheit: Mutter, C., eine Münchner Vorwahl, Berlin und noch was Unbekanntes. Ich vergleiche die Nummern im Display mit der Nummer der radiologischen Praxis: Nein, der Radiologe hat nicht angerufen. Ich kontrolliere die Nummern noch einmal und der Akalkulie halber noch einmal. Ein Rest Unsicherheit bleibt.</p>
<p>Nach einer nicht ganz kleinen Weile komme ich auf die Idee, die Nummern zurückzurufen. München behauptet, nicht angerufen zu haben und kennt mich nicht. Der Unbekannte nimmt nicht ab, und unter Berlin meldet sich der Anrufbeantworter der onkologischen Praxis. Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an.</p>
<p>Ich könnte jetzt natürlich die Notfallrufnummer der Gemeinschaftspraxis meiner drei Onkologen anrufen und alle verrückt machen, am meisten mich. Wenn was passiert wäre, hätte man mich doch sicher ein zweites Mal angerufen. In der  Nacht schlafe ich wie immer. Erst am Morgen wird mir mulmig, die Praxis öffnet um halb neun. Um 8:31 geht jemand ans Telefon: Nein, wir haben Sie nicht angerufen, nein, eine Nachricht haben wir nicht für Sie, Dr. Vier kommt um zwölf. Noch fast drei Stunden. Ich versuche es weiter mit Arbeit. Eine Stunde geht es noch. Dann nicht mehr.</p>
<p>Kurz nach zwölf ruft Dr. Vier an. Nein, er war das nicht mit dem Anruf, Befund liegt auch nicht vor. Sollte der schon vorliegen? War das MRT nicht erst Montag? Dann bis Donnerstag.</p>
<p>Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.</p>
<p>28.3. 2013 4:31</p>
<p>Noch früher aufgestanden als sonst, um das Morgenrot zu sehen, wenn es eines gibt, aber es gibt keins. Wolkendecke, dünner Schneefall. Schwarzer Tee und Lektüre: Last Day of the Last Furlough. Wie er auf dem Boden sitzt zwischen seinen Büchern: Sir, I&#8217;ve brought my books. I won&#8217;t shoot anybody just yet. You fellas go ahead. I&#8217;ll wait here with the books.</p>
<p>28.3. 2013 9:10</p>
<p>Im Infusionszimmer protokolliere ich die Minuten, sinngemäß den Vorgang des Protokollierens selbst. Blutdruck, Nadel, Blutbild, welcher Arm, 130 zu 105, und wie fühlen Sie sich? Ausgezeichnet, und Sie? Das genau vorgeschriebene rituelle Gespräch vor jeder Infusion. </p>
<p>Wobei der wichtigste Wert noch fehlt: Wenn das Avastin keine oder nur minimale Wirkung gezeigt hat, und auch wenn der Angiogenesehemmer das Gliobastom quer durchs Hirn gestreut hat oder anderswo eine Rakete gestartet ist, kann man sich die Infusion auch sparen und die 7000 Euro gleich dem Kinderhilfswerk spenden.</p>
<p>28.3. 2013 9:40</p>
<p>Das Fax liegt vor Dr. Vier auf dem Tisch. Der Gesichtsausdruck meldet sofort: keine Katastrophe. Das Avastin wirkt. In diesem Teil mehr, dort weniger. Um die Resektionshöhle, wo die Schrankenstörung von MRT zu MRT größer geworden war &#8211; von zuletzt fünf bis über sechs Zentimeter &#8211; ist ein Rückgang im Bereich Dreikommairgendwas bemerkbar, Ventrikel weitgehend unverändert usw.</p>
<p>Der spiegelbildlich zum Glioblastom gelegene Tumor links parietal hingegen &#8211; wir nennen ihn jetzt zum ersten Mal Tumor &#8211; ist langsam weiter gewachsen und hat nun eine Ausdehnung von sechs mal drei bis vier Zentimeter erreicht, der Wachstumsgeschwindigkeit nach zu urteilen ein Astrozytom Grad II oder III. Ja, vielleicht operabel, sagt Dr. Vier, aber wozu, macht doch keine Probleme, oder? Von der Lage her müßte das in die Motorik rechts eingreifen, tut es aber nicht. Und solange es das nicht tut, kann es uns &#8211; Ihnen &#8211; egal sein.</p>
<p>Eine Prognose gibt es nicht, eine allgemeine Statistik auch nicht mehr. Nach drei OPs, zwei Bestrahlungen, drei verschiedenen Chemos ist man seine eigene Statistik. </p>
<p>Vor drei Jahren noch war ich ein winziger Punkt in einer Punktwolke, reine Mathematik, kein Individuum, das hatte mir gefallen. Jetzt weiß ich nicht mehr. Keiner weiß.</p>
<p>Avastin hilft manchmal ein paar Wochen, manche hält es Monate stabil. im Virchow gibt es eine Frau, die Avastin seit vier Jahren bekommt. Das ist möglich. Und morgen mit Kopfschmerzen aufwachen und übermorgen tot sein, auch.</p>
<p>Die mediane Ansprechdauer von Avastin beträgt fünf oder sechs Monate.</p>
<p>28.3. 2013 15:56</p>
<p>Ich arbeite, ich schreibe. Dann rufe ich C. an, weil mir bewußt geworden ist, was der Befund bedeutet. Ich habe Käsekuchen für uns gekauft, sage ich heulend. Leider mag sie keinen Käsekuchen. Wußte ich nicht, in solchen Sachen war ich nie gut. Ich habe auch ein Stück Mohnkuchen gekauft, sage ich. Sie mag auch keinen Mohnkuchen. Ich kann dir ein Stück Nußkuchen auftauchen, sage ich, ja, Nußkuchen mag sie.</p>
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		<title>Siebenunddreißig</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Mar 2013 13:59:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[22.2. 2013 9:11 Eine Bekannte, deren per SMS, Telefon und Mail wiederholt geäußerte Hilfs- und Besuchsangebote der letzten Wochen ich immer und immer wieder mit Hinweis auf meine zunehmende Soziophobie und Zeitknappheit abgelehnt hatte, steht unangekündigt vor meiner Tür, zwei Pappbecher mit dampfendem Kaffee in ihren Händen. Ich bitte sie zu gehen. Ich arbeite, ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>22.2. 2013 9:11</p>
<p>Eine Bekannte, deren per SMS, Telefon und Mail wiederholt geäußerte Hilfs- und Besuchsangebote der letzten Wochen ich immer und immer wieder mit Hinweis auf meine zunehmende Soziophobie und Zeitknappheit abgelehnt hatte, steht unangekündigt vor meiner Tür, zwei Pappbecher mit dampfendem Kaffee in ihren Händen. Ich bitte sie zu gehen. Ich arbeite, ich habe keine Zeit. Nein, ich kann dich nicht reinlassen, nein, ich will mich nicht unterhalten, nein, ich kann nicht noch einmal frühstücken. Nein. Sie will den Kaffee dalassen. Ich bitte sie, ihn mitzunehmen. Ja, ganz sicher. Nein. Letztes Bild: Sie steht vor der Fahrstuhltür und drückt den Knopf.</p>
<p>Wenige Minuten später informiert eine SMS mich, daß vor meiner Wohnungstür nun eine Kleinigkeit zu essen liegt, dazu ein Kaffeebecher, dessen Inhalt kalt wird. &#8220;Ich bleibe im Auto und warte, bis du es dir überlegt hast, wenn du willst, den ganzen Tag! Komm schon, ich hab ein leckeres Frühstück dabei! Dein Kaffee steht vor deiner Tür!&#8221; </p>
<p>Nach längerer Zeit, in der ich immer unruhiger, ruhiger und wieder unruhiger werde, öffne ich die Tür, um die Gegenstände vor meiner Tür, die auf meiner Türschwelle, auf meiner Grenze stehen und mich bedrohen, vorsichtig zu entsorgen. Der Kaffee spritzt durch die Küche, der Becher rollt über den Fußboden, ich putze die Küche.</p>
<p>Nachdem ich halb epileptisch, halb sprachlos in das Handy gestammelt habe, sie möge vor meinem Haus bitte auf keinen Fall stehenbleiben, sondern nach Hause fahren, kommt eine SMS, sie fahre jetzt und habe mich lieb.</p>
<p>Für den Abwehrzauber des Weiterarbeitens sind meine Nerven zu gespannt. Wie bei der Jana-Krise vor drei Jahren laufe ich im Kreis  durch meine Wohnung. Stunden vergehen, bevor ich mich traue, C. anzurufen. Lieber riefe ich sie nicht an. Ich weiß, daß aus meiner Stimme Panik und Irrsinn sprechen, und ich fürchte, daß sie Maßnahmen ergreift, wenn ich mich nicht verständlich machen kann.</p>
<p>22.2. 2013 14:31</p>
<p>Aus Angst vor weiterer Grenzverletzung aus dieser Richtung schließe ich die Mailingliste für Aktuelles, auf der viele, eigentlich alle  meine Bekannte und Freunde mitlesen. Ich weiß nicht, ob ich paranoid bin. Keine Fragen, schreibe ich, keine Mails, keine SMS, don&#8217;t call us we call you.</p>
<p>Okay, ich bin paranoid.</p>
<p>22.02. 2013  21:30</p>
<p>Überstürzte Verabredung im Deichgraf. Drei Freunde, die ich ewig nicht gesehen habe, vier. Seit Wochen kein Sozialleben gehabt. Außer C., Ärzten und Supermarktkassiererinnen niemanden gesehen.</p>
<p>Cornelius ist der Schnellste. Unverzüglich stellt Normalität sich ein. Caroline, Kirk und Larry. Gruppensituation funktioniert überraschend gut, toll, Riesenfreude mit Schlagseite zur Manie.</p>
<p>23.2. 2013  4:41</p>
<p>Traum: Ich sitze am Abend mit Cornelius im Deichgraf, um ihm eine Geschichte zu erzählen, in deren Verlauf meine persönlichen Grenzen von außen, bildlich gesprochen, mit einem Bulldozer planiert werden, und ich erwarte, daß er mir zustimmt, daß dieser entsetzliche Vorgang tatsächlich genau so zu werten sei, wie ich es tue.</p>
<p>Ohne Frage, ja, erklärt er sofort in der corneliustypischen Weise, emphatische Zustimmung immer noch einmal signalisierend, ein regelrechter Exzeß der Zustimmung, ja, entsetzlich in der Tat, wiederholt er, um die Zustimmung jedoch sogleich einzuschränken: Denn <em>eines</em> hätte ich bei alledem doch nicht bedacht: Daß arschlange, blonde Haare und blaue Augen schon <em>sehr</em> geil seien.</p>
<p>Ja, zweifellos, richtig, beeile  ich mich beizupflichten, seine Zustimmung nachahmend, jawohl, wobei ich meinerseits nun auch einschränken müsse, wie auch er, Cornelius, mit Recht einschränkte, daß er bei seiner Argumentation außer acht gelassen habe, daß nämlich er, Cornelius, einen ganz anderen Typ bevorzuge als ich, mein Typ sei doch bekanntlich der dunkle, nicht der helle, was von meinem Gegenüber mit einem begeisterten Kopfnicken abermals sogleich bestätigt wird, womit auch dieses Problem, die Beurteilung der Vorgänge des Vortags betreffend, zur allgemeinen Zufriedenheit aus der Welt geschafft sein dürfte und auch im Traum noch einmal und endgültig ad acta gelegt werden kann.</p>
<p>23.2. 2013 12:47</p>
<p>Weiter psychotisch, weiter keine Arbeit, was praktisch dasselbe ist. Zutiefst erschöpft, aber zurück ins Bett kann ich nicht. Im Liegen zucken die Beine wild, der ganze Körper, keine Epilepsie, keine Aura, keine Sprachblockade, einfach nur Panik. Aufstehen, rumlaufen, hinlegen, zucken, aufstehen. Kurz davor, in meinem imaginären Pinguinkostüm rüberzugehn in die Notfall, aber die Gefahr, nicht wieder rauszukommen, ist zu groß. Oder verursacht mir noch mehr Angst. Am Telefon mit C. entschieden, ich müsse weiterarbeiten, denn nur Arbeit hilft. Alle Panik ja immer nur dem Gedanken an die verlorene Arbeitszeit geschuldet.</p>
<p>23.2. 2013 14:47</p>
<p>Würde die Arbeit am Blog am liebsten einstellen. Das Blog nur noch der fortgesetzte, mich immer mehr deprimierende Versuch, mir eine Krise nach der anderen vom Hals zu schaffen, es hängt mir am Hals wie mein Leben wie ein Mühlstein. Ich weiß aber nicht, was ich sonst machen soll. Die Arbeit an Isa tritt auf der Stelle.</p>
<p>24.2. 2013 17:30</p>
<p>Mit Textausdruck im Deichgraf, um beim Essen Korrekturen zu machen, nichts geht. Meine vor wenigen Sekunden aufs Papier geworfenen Gedanken mir selbst komplett unnachvollziehbar, alles dunkel, nicht zum ersten Mal. Beim Spaziergang um den See dann zum ersten Mal gecheckt, daß diese auch mit äußerster Willensanstrengung und Konzentration nicht in den Griff zu kriegenden Zustände keine Folge unwiderruflicher Hirnauflösungsprozesse überm Text in Verbindung mit extremer Schlappheit sind, sondern von mir selbst unbemerkte und von keiner Aura eingeleitete lautlos vorbeireitende Anfälle. </p>
<p>Scheint mir jedenfalls so und wird zur Gewißheit, als der Versuch, deutsche Gedichte zu memorieren, nur noch Fetzen und sowas Ähnliches wie englische Liedtexte produziert.</p>
<p>Gedichte und Englisch ja immer mein Maßstab, scheinen aus welchem Grund auch immer im Zentrum meiner Anfälle zu liegen. Über den Gipfeln ist nobody, dings über den Wipfeln die Vögel im Wald, da &#8211; am Ende Ruhe.</p>
<p>1.3. 2013 19:18</p>
<p>C. holt etwas in ein rot und weiß kariertes Mäntelchen Gehülltes aus ihrer Tasche. Ich betrachte es, C. betrachtet mich. Wahrscheinlich erwartet sie eine Reaktion. Aber ich kann nicht reagieren, weil ich nicht weiß, was das ist. </p>
<p>Ratlos drehe ich es hin und her. Erst beim Anblick einer sonderbaren Falte im Mantel hinten beginnt sich in das Gefühl der Fremdheit langsam etwas anderes mit hineinzuschleichen, etwas nicht mehr ganz so Fremdes, geradezu grauenvoll Vertrautes: Zwei Arme, zwei Füße, kleine Zunge, schwarze Augen, und im Bruchteil einer Sekunde zerfallen vier Jahrzehnte zu Staub. Da muß ein Druckknopf sein, sage ich, und da ist ein Druckknopf: Der Bär. Willkommen, alter Gefährte.</p>
<p>Fassungsloser und entsetzter könnte ich nicht sein, hätte sich direkt neben mir statt des Bären der über alle Zeit unverändert gebliebene siebenjährige Stefan Büchler wie aus dem Nichts materialisiert, braungebrannte Beine, kurze Hosen, eine kleine Deutschlandfahne in der erhobenen Hand.</p>
<p>5.3. 2013 13:14</p>
<p>So könnte ich ewig sitzen. Zum ersten Mal in meinem Leben eine richtige Wohnung, schön und groß und licht und still. Ein Fenster mit Blick über die Stadt, und alles, was man durch dieses Fenster sieht, ist groß wie großes Kino. Ein Liter Tee, ein Buch, blauer Himmel, Sonne.</p>
<p>&#8220;Die Frevler aber holen winkend und rufend den Tod herbei und sehnen sich nach ihm wie nach einem Freund; sie schließen einen Bund mit ihm, weil sie es verdienen, ihm zu gehören. Sie sagen: Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Arznei und man kennt keinen, der aus der Welt des Todes befreit. Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Der Atem in unserer Nase ist Rauch und das Denken ist ein Funke, der vom Schlag des Herzens entfacht wird; verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche und der Geist verweht wie dünne Luft. Unser Name wird bald vergessen, niemand denkt mehr an unsere Taten. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt und keiner kommt zurück.&#8221; (Weish 1,16;2,1-5)</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2013/03/morgen7.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2013/03/morgen7.jpg" alt="" title="morgen#7" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-4440" /></a></p>
<p>6.3. 2013 5:53</p>
<p>Guten Morgen, Sterne<br />
Guten Morgen, schwarzer Kanal<br />
Guten Morgen, Schornsteine, Brücken, Hochhäuser und Kräne<br />
Guten Morgen, Viertelmond<br />
Guten Morgen, goldschimmernde Viktoria<br />
Guten Morgen, S-Bahn<br />
Guten Morgen, andere Bahn<br />
Guten Morgen, weißer Kanal<br />
Guten Morgen, Morgenröte<br />
Guten Morgen, Berlin</p>
<p>12.3. 2013 13:26</p>
<p>Kaum wieder auf den Füßen, die nächste Irre. Über einen alten, längst gesperrt geglaubten und ihr vor Jahren bereits mehrfach verbotenen Zugang klickt Jana via Dropbox durch meine persönliche Dateien. Sie schreibt, sie hätte mich vorher wahrscheinlich fragen müssen: &#8220;Darf ich reinschauen, ohne irgendwas zu ändern oder zu kommentieren, oder ist dann Chaos?&#8221;</p>
<p>Kein Chaos, nur Riesentobsuchtsanfall, Mailingliste dichtgemacht, Kontakt zu allen Freunden abgebrochen, Nervenzusammenbruch. Abbruch Stunden später wieder rückgängig gemacht, jedenfalls teilweise. Jetzt halten mich wieder alle für verrückt, nur weil Verückte mich belagern. Neben meiner Tür nun ein 35 cm langes Brotmesser. C. dagegen, aber ich stehe auf dem gleichen Standpunkt wie Horst Fricke: Die oder ich.</p>
<p>12.3. 2013 21:35</p>
<p>Spaziergang zum See, die Steinstufe ist verschwunden. Ohne den Hauptweg zu verlassen, verirre ich mich. Ich entdecke einen verborgenen Zugang zur Bucht. Ich kralle mich an einem Zaun fest. Das Eis braucht nur noch drei oder vier Nächte. Ich renne weiter den Weg, wenn man das, was ich da mache, noch rennen nennen kann, verfolgt von meiner Angst und einem Fuchs im Schnee.</p>
<p>14.3. 2013 9:07</p>
<p>Neben mir sechs ältere Patienten im Infusionszimmer. Das Radio spielt Gloria Gaynor, I will survive. Ohrstöpsel. Lektüre, Arbeit.</p>
<p>16.3. 2013 14:45</p>
<p>Eiskalt,  Schnee auf der Terrasse, in der Sonne 14 Grad. Mit einem Becher Tee und in warme Decken gehüllt, halte ich das Gesicht der Sonne entgegen, die ein Drittel ihres Lebens bald auch schon hinter sich hat.</p>
<p>17.3. 2013 6:39</p>
<p>Zum ersten Mal die Maus bei Licht gesehen. Sie sitzt auf einer Schneeinsel, sieht sich nach Vogelfutter um und findet auch welches.</p>
<p>18.3. 1013 20:30</p>
<p>Im Deichgraf alle der Meinung, es müsse mit Winter nun auch mal ein Ende haben, sei doch scheiße, Joachim will im Trockenen joggen. Flocken vor dem Fenster. Find ich nicht, ich find&#8217;s toll. Der Schnee ist toll, es soll weiter schneien, immer weiter, der Winter soll nie enden.</p>
<p>19.3. 2013 10:17</p>
<p>Und es schneit. Zu Fuß die vier  Kilometer zu Dr. Fünf am Kanal lang. Wege teils geräumt, teils jungfräulich. Ich trample über die aufgetürmten Seitenränder, ich nehme jede Abkürzung, rutsche über die Uferböschung hinab, ich stapfe durch die größten Wehen wie ein Fünfjähriger, Gedanke immer: Es ist vielleicht das letzte Mal, das letzte Mal, vielleicht ist es das letzte Mal. Das habe ich bei den Schuhen allerdings auch schon gedacht. Die letzten Schuhe, die letzte Hose, die letzten Johannisbeeren.</p>
<p>Zwischen Hauptbahnhof und Psychiatrie hindurch. Der Schnee pappt. Im Laufen mache ich einen Schneeball und werfe ihn mit einer halben Drehung nach einem Laternenmast, an dem ich gerade vorbeigegangen bin, um herauszufinden, ob ich zu den 0,5 % Zehn-Jahre-Überlebenden gehöre. Ein Meter vorbei. Man hat nur einen Versuch, oder? Oder darf ich nochmal? Nein, wie im richtigen Leben, immer nur einmal.</p>
<p>20.3. 2013 4:42</p>
<p>Traum: Meine Freunde haben zusammengelegt und mir ein Cabrio geschenkt. Am Morgen steht es im großen Zimmer wie in einem Autosalon. Kein Alfa, aber genau das Modell, das ich im Sinn hatte, als ich die Szene des Wüstenromans schrieb, wo die vier Idioten Cetrois verfolgen, cremefarben, rote Sitze.</p>
<p>Ich frage mich, wie meine Freunde das Auto in meine Wohnung gekriegt haben. Sie müssen es unten auseinandergeschraubt, Teil für Teil mit dem Fahrstuhl hochgefahren und in meiner Wohnung wieder zusammengesetzt haben. Ich freue mich sehr darüber, auch wenn ich nicht weiß, wie ich es wieder auf die Straße kriegen soll. Es wird wahrscheinlich hierbleiben müssen, was mich nicht beunruhigt, da ich als Epileptiker ja sowieso nicht mehr fahren darf. Und nach einer Weile des Freuens fällt mir auch ein, wie ich doch damit fahren kann: Vorsichtig bis zur Wand, dann im Rückwärtsgang zur anderen Wand und immer hin und her. Mein erstes Auto.</p>
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		<title>Sechsunddreißig</title>
		<link>http://www.wolfgang-herrndorf.de/2013/02/sechsunddreisig/</link>
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		<pubDate>Sat, 02 Feb 2013 12:44:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[25.1. 2013 8:19 In den Schild aus Eisschollen, der sich von Tag zu Tag weiter und bis hinter die Signalbrücke zurückstaute, schiebt der Eisbrecher eine schmale Fahrrinne. Sie wird immer schmaler, über Nacht schließt sie sich. Morgens kann ich kaum sprechen. Wörter mit vier oder mehr Silben kann ich nicht sagen, oft nicht denken. Prognositizieren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>25.1. 2013 8:19</p>
<p>In den Schild aus Eisschollen, der sich von Tag zu Tag weiter und bis hinter die Signalbrücke zurückstaute, schiebt der  Eisbrecher eine schmale Fahrrinne. Sie wird immer schmaler, über Nacht schließt sie sich.</p>
<p>Morgens kann ich kaum sprechen. Wörter mit vier oder mehr Silben kann ich nicht sagen, oft nicht denken. Prognositizieren &#8211; im dritten Versuch macht Google einen passenden Vorschlag. Problem immer Verteilung der Konsonanten. </p>
<p>26.1. 2013 19:42</p>
<p>Allein auf dem See. Weiß das Ufer, schwach orange der Vollmond, hinten ist eine Fläche für Eishockey freigeschoben.</p>
<p>27.1. 2013 15:30</p>
<p>Leichter Schneefall, herrlicher Tag, Eine Aufregung wie als Kind. Mit vier hatte ich meine ersten Schlittschuhe. Seitdem immer gelaufen, jeden Winter, jeden Tag, wenn Eis war. Im Winter Eishockey, im Sommer Rollhockey, manchmal zehn oder elf Stunden am Tag, bis Arthrose beide Knie auflöste und mich für lange Jahre zum Fußgänger machte.</p>
<p>Aber zwanzig Jahre habe ich immer Schlittschuhe und Rollschuhe bei jedem Umzug mitgeschleppt. Alles andere weggeschmissen, meine Bilder, Möbel, Bücher, Papiere, alles. Die Schuhe nicht.</p>
<p>Nun sitze ich mit getapeten Knien am Rand des Plötzensees, schnüre die Eishockeystiefel und weiß, es ist das letzte Mal.<br />
Mit dem Aufstehen kehrt sofort das alte Selbstvertrauen zurück, und ich weiß, es wird gehen. Ich habe nichts vergessen und nichts verlernt. Aber es geht nicht. Ich schliddere nur so rum.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2013/02/stehend-klein.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2013/02/stehend-klein.jpg" alt="" title="stehend klein" width="500" height="464" class="aligncenter size-full wp-image-4099" /></a></p>
<p>Der rechte Fuß funktioniert einigermaßen, der linke ist taub und teilt seine Gelenkstellung nicht mit. Die gut geölten Bewegungsroutinen, die das Hirn nach unten meldet, finden keinen Empfänger. Ich kann es nicht mal beschreiben. Analog zum Phantomschmerz vielleicht: Phantomkontrolle. Wenn ich noch einige Stunden übte &#8211; aber meine Freunde wollen nach Hause. Wayne Gretzky ist nicht mehr.</p>
<p>30.1. 2013 19:00</p>
<p>Im Dunkel versucht, auf einem mir vorher auf Google Earth genau eingeprägten Weg zu C. zu gelangen. Nach vierstündigem Fußmarsch,  von Schnellstraßen und Autobahnzubringern umzingelt, aufgegeben und mit dem Taxi zurück. Zu Hause auf der Karte gesehen, daß ich nur 150 Meter von der Schneckenbrücke entfernt gewesen war.</p>
<p>31.1. 2013 17:19</p>
<p>Lektüre: Nadja von Breton, 1928 geschrieben, 1963 überarbeitet, 20 Auflagen, neu übersetzt, Nachwort von Karl Heinz Bohrer, Meilenstein der Moderne, Rezensionen, FAZ, SZ, ich versteh&#8217;s nicht. Perlentaucher dazu, deutsche und französische Wikipedia, ich verliere fast den Verstand, Riesenangst, wieder verrückt geworden zu sein. Eine Stunde  nachgedacht, ob es nicht besser wäre, niemanden zu informieren, Gesundheit zu simulieren, ob die Simulation von Gesundheit nicht ebensogut sei wie normalmäßige Normalität, ob diese aus jener sich nicht von selbst über kurz oder lang zwangsläufig ergebe, dann in Panik Reiber angerufen, um auf der Stelle beruhigt zu werden, ah ja, ok, ja, denkt er auch, kann ich nicht überprüfen, irre, jetzt vorbei, Buch in den Müll geworfen, Teufelswerk.</p>
<p>Für Hirngeschädigte, die in jedem Geräusch, in jedem Knistern, Schaben und Schleifen, im Singen eines Autoreifens, im Sprudeln des Wassers Gedanken glauben ausgesprochen zu finden: nicht nachmachen. Nicht kaufen. Für alle anderen: Auch nicht kaufen.</p>
<p>Als Jugendlicher mit Dada sozialisiert worden, rätselhaft. Aber exakt so sieht es über weitere Strecken des Tages in meinem Hirn aus, das brauch ich nicht noch als Buch.</p>
<p>2.2. 2013 3:25</p>
<p>Ich stehe in der Steppe, ein Löwe schleicht um mich herum, aber ich habe keine Angst. Ich habe eine großkalibrige Flinte und einen sechsschüssigen Revolver. Als das Tier nahe genug ist, schieße ich,  Kugel für Kugel geht fehl. Erst mit der letzten Patrone treffe ich, und der Löwe kippt auf die Seite und ist tot.</p>
<p>Hinter dem Löwen her schleppt sich ein tollwütiger Fuchs auf mich zu. Ich wechsle zum Revolver. Der Fuchs ist schwieriger zu treffen, weil er dünner ist. Er hat Schaum vorm Maul und taumelt. Ich habe keine Munition mehr. In Panik flüchte ich in ein Haus und verschanze mich im Bad. Wie ein Geist weht der Fuchs durch eine Ritze in der Wand zu mir herein und versteckt sich hinter der Tür. Ich habe nur noch eine Gabel. Damit stochere ich blind hinterm Türblatt herum. Endlich spüre ich einen fellüberzogenen weichen Widerstand. Die Gabel steckt zwischen den Rippen des Fuchses. Er verendet. Ich werfe den Kadaver ins Waschbecken. Das ganze Bad ist blutbesudelt. Beim Putzen frage ich mich, ob ich mich infiziert habe. Ich kann keinen Notarzt erreichen.</p>
<p>Tollwütige Füchse sind eine Kinderangst von mir. Kühe, tollwütige Füchse, durch das Fensterglas schwebende Gespenster, Einbrecher, Mitschnacker (Pädophile). In dieser Reihenfolge.</p>
<p>Nach meinem Umzug nach Berlin sprang ich nachts noch einmal aus anderthalb Metern Entfernung auf mein Bett, weil ich nicht wußte, was darunter war. Ein Mann von 33 Jahren.</p>
<p>6.2. 2013 5:50</p>
<p>Der Sonnenaufgang verschiebt sich immer weiter in die Nacht. Ich muß jeden Tag früher aufstehen, um mit einem Tee in der Hand auf den ersten Lichtstrahl am dunklen Himmel zu starren. Ich will im Winter sterben. Das haben die letzten Sommer gezeigt, im Sommer geht es nicht. Im Winter ist es leicht.</p>
<p>7.2. 2013 18:18</p>
<p>Unter der Brücke loht ein haushohes Feuer, wahrscheinlich die Baustelle. Sattes Orange, vom warmen Blaulicht bedrängt und gelöscht, Naturalismus, frühes 19. Jh., Turner vielleicht, dann schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund.</p>
<p>Demnächst an dieser Stelle: Nichts vor Nichts (o. Abb.).</p>
<p>11.2. 2013 15:48</p>
<p>Papst zurückgetreten, Name vergessen.</p>
<p>11.2. 2013 17:00</p>
<p>Ein dünner epileptischer Firnis überzieht meine Tage, immerzu Stimmen.</p>
<p>Und Selbstmord doch nicht so schwierig, wie ich lange dachte. Es reicht, die Föhrer Straße bei Grün zu überqueren. Weder Linksabbieger noch Geradeausfahrer erkennen in den verschieden bunten  Lichtern etwas anderes als einen unverbindlichen Vorschlag der Behörden.</p>
<p>15.2.2013 19:00</p>
<p>Kleine Brouillerie mit Lottchen. Über Tscheljabinsk ist ein Zehn-Tonnen-Meteorit explodiert, etwa tausend Verletzte durch die Druckwelle. In einem zugefrorenen See ein Loch, aus dem sich für einen Moment ein schleimig-grüner Arm heraustastet, von den Kameras nicht bemerkt.</p>
<p>C. ist deutlich weniger begeistert als ich, und auch mein Versuch, den nur wenige Stunden später an der Erde so nah wie lange nichts mehr, auf Satellitenhöhe, vorbeischrammenden 13.000-Tonnen-Asteroiden 2012 DA 14 mit meinen Gedanken zu uns hinunterzulenken, findet nicht ihren Beifall.</p>
<p>18.2. 2013 12:33</p>
<p>Man rät mir zum GPS-Handy, hilft nichts. Ich kann C. doch anrufen, das mache ich ja, ich lese die Straßennamen und sage, ich stehe an der und der Kreuzung, rechts geht es in den Tegeler Weg. C.s Informationen kann ich nicht auf die Landschaft übertragen. Ich kann den Tegeler Weg nicht runtergehen, denn er hat zwei Richtungen. Man kann mir ein Gerät in die Hand drücken, auf dem ein grüner Pfeil die Richtung zeigt, in die  ich muß: Ich kann dem Pfeil nicht folgen. Lars hab ich das mal vorgemacht, wie ich mit einem Kompaß in meiner Wohnung Norden suche, um aus dem Fenster in die Richtung gucken zu können, aus der das Gewitter kommen wird &#8211; funktioniert nicht. Ich weiß immer noch nicht, wo Norden ist. Norden ist ein 180-Grad-Winkel etwa.</p>
<p>Zahlen sind komplett weg. Das Kleine Einmaleins ist noch da, weil es nicht Rechnen ist, sondern Erinnerung. Aber Zahlen: Null.</p>
<p>Einfache Multiplikation nicht im Kopf, nicht auf Papier und auch nicht anders. Wenn ich was rechnen muß, benutze ich den Taschenrechner des Macbooks, was auch Schwierigkeiten macht.</p>
<p>Meistens mache ich vier oder fünf Versuche und entscheide mich für das häufigste Ergebnis. Vier identische Zahlen untereinander: Okay, das überweise ich dann jetzt mal an das Finanzamt.</p>
<p>Ich lerne nichts Neues mehr. Weil ich nicht will. Es ist wie mir Bücher zu schenken: Erinnert mich an den Tod. Neues braucht man für später, Bücher liest man in der Zukunft. Das Wort hat für mich keine Bedeutung. Ich kann den heutigen Abend in Gedanken berühren, dahinter ist nichts. Ob ich nachher noch C. treffe, ob wir verabredet waren, weiß ich nicht. Sie wird mich anrufen, um mich daran zu erinnern oder nicht.</p>
<p>19.2. 2013 7:00</p>
<p>Drei Jahre.</p>
<p>84% derer, die Bestrahlung und Chemo hatten, sind tot, 95.6% derer mit Bestrahlung allein (UCLA, 2009). Wobei das noch die optimistischste Studie ist, die ich finden konnte. Da überleben zum Beispiel 9.8% fünf Jahre, während andere Studien durchschnittlich weniger als 2% Fünfjahresüberlebende ausweisen. Zum Vergleich: Leute mit nur Biopsie und Bestrahlung sind nach vier Jahren noch zu 0% am Leben (optimistischste Studie), was das Erreichen der Fünfjahresmarke selbst für überzeugte Gemüsekostler zu einer Herausforderung macht.</p>
<p>Unsterblich duften die Linden -</p>
<p>20.2. 2013 11:29</p>
<p>Lektüre schon wieder Duve, Liebeslied, bereits zum zweiten Mal seit meiner Diagnose. Und wie oft zuvor schon, weiß ich nicht mehr. Trotzdem habe ich wieder Sachen vergessen. Die Bootstour mit Hemstedt, wie sie sich an den Tag erinnert, wie die Erinnerung zerhackt wird, und wie das gemacht ist. Auch der Goethe-Aufsatz: Wie sie Werther erst für sein empfindsames Gewinsel beschimpft und dann heimlich zitiert &#8211; vergessen.</p>
<p>Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß sie dem Armleuchter, Thor-Kunkel-Bejubler und Goetz-zu-kühl-Finder Volker Weidermann spätestens in den Neunzigern die Hauptplatine rausgelötet haben, reichte sein Urteil: &#8220;Der Roman ist kein Roman, sondern eine entwicklungslose Leidensgeschichte, eine Selbstmitleidsgeschichte, der selbst Duves böser Blick von einst verlorengegangen ist. Leidverbissen, hoffnungslos.&#8221; Am Arsch, Mann. Am Arsch. Wie das Kohelet auch sollte man Dies ist kein Liebeslied (beschissener Titel leider) mindestens alle fünf Jahre einmal lesen, bis man hundert ist, um keine Sekunde zu vergessen, was das hier ist und was es bedeutet: Nichts. Und insbesondere: Nichts Gerechtes. Und wieder kriegt Anne Strelau die Fresse voll. Und wieder. Und wieder und wieder.</p>
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		<title>Fünfunddreißig</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Jan 2013 16:02:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[21.12. 2012 8:51 Trockenes Laub weht auf meiner Terrasse im Kreis, was mich beim Arbeiten immer zum Aufschauen zwingt, weil ich jedesmal denke, es sei die Maus, die sich schon seit zwei Tagen nicht mehr blicken ließ. Terrasse gefegt. 21.12. 2012 22:39 Agota Kristofs Trilogie zum dritten Mal nacheinander in Folge gelesen, das Personal verirrt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>21.12. 2012 8:51</p>
<p>Trockenes Laub weht auf meiner Terrasse im Kreis, was mich beim Arbeiten immer zum Aufschauen zwingt, weil ich jedesmal denke, es sei die Maus, die sich schon seit zwei Tagen nicht mehr blicken ließ. Terrasse gefegt.</p>
<p>21.12. 2012 22:39</p>
<p>Agota Kristofs Trilogie zum dritten Mal nacheinander in Folge gelesen, das Personal verirrt sich schon in meine Träume. Einer der eineiigen Zwillinge, Klaus, Schriftsteller wie im Buch, steht von Gaffern und Polizisten umringt auf dem Nürnberger Hauptmarkt und hält ein Manuskript mit dem Titel Die glückliche Stadt hoch, dessen sofortige Publikation er verlangt. Es handle von Ungeheuerem, Skandalösem, Verborgenem. Doch niemand, scheint ihm, nimmt ihn ernst; man behandele ihn wie einen Wahnsinnigen. Ein Polizist sagt: Warum bringen Sie es nicht zur Zeitung, um es dort veröffentlichen zu lassen?</p>
<p>Klaus betritt ein Gebäude, dessen Flure und Räume an einen vor Jahrzehnten stillgelegten Bürokomplex der Deutschen Post erinnern, und gibt sein Manuskript zusammen mit einem kleinen Zettel an der zuständigen Stelle ab. Beim Verlassen der Redaktion bemerkt er, daß alle ihm mitleidig nachschauen. Er kehrt um. Ein junger Mann erklärt: Sie kommen jedes Jahr einmal mit Ihren Dokumenten hierher und geben sie zusammen mit einem Zettel ab, auf dem steht: &#8220;Bitte nehmen Sie mein Manuskript entgegen, tun Sie so, als ob Sie es drucken, und lassen Sie mich niemals wissen, was auf diesem Zettel steht.&#8221;</p>
<p>Das große Heft.<br />
Der Beweis.<br />
Die dritte Lüge.</p>
<p>Die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts in einer Nußschale, die die Dimensionen eines Riesentankers hat, ungeheuer, wahnsinnig, maximal kaputt.</p>
<p>24.12. 2012 22:16</p>
<p>Spaziergang allein am Kanal, Invalidenfriedhof, Charité-Mitte, Torstraße, die alte Wohnung, uninteressant, Kastanienallee komplett ausgestorben, keine Säufer, keine Familie, zwei Weihnachtsmänner, eine Currywurst, mit dem Taxi zurück, Klassikradio, speech arrest, todmüde.</p>
<p>25.12. 2012 2:32</p>
<p>Nächtlicher Anruf, niemand dran, dann Kopfschmerzen, die auch mit Ibuprofen nicht verschwinden, Stunden wach, Möglichkeiten durchgespielt, alles ordnen, raus hier. Erstmals eine Nacht, die  schlimmer ist als ein Morgen.</p>
<p>28.12. 2012 18:22</p>
<p>Erneuter Antrag auf Avastin erneut abgelehnt mit exakt demselben Textbaustein, ein positiver Einfluß von Avastin bei rezidividierendem Glioblastom sei nicht ersichtlich. Daß mit der PCV-Therapie auch die letzte Möglichkeit ausgeschöpft wurde, interessiert den Medizinischen Dienst der Krankenkassen einen Scheiß. Genausowenig die erfolgreiche Phase-III-Studie aus den USA. Bleibt nur Klagen, dauert Monate oder Jahre &#8211; und dann? Wird der positive Bescheid vom Sozialrichter persönlich Wort für Wort in den Schnee über mein Grab gepinkelt?</p>
<p>3.1. 2013 9:48</p>
<p>Zwei Stunden lang läuft das Avastin in mich rein, eine glasklare Flüssigkeit, Patient zahlt. Zwei Zyklen, ein Monat, kosten 7000 Euro. Davon habe ich früher ein Jahr gelebt.</p>
<p>6.1. 2013 12:22</p>
<p>Inschrift auf dem Grab Duchamps: D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent.</p>
<p>10.1. 2013 4:00</p>
<p>Die irre Stalkerin wieder. Diesmal: Was ist Ihre Lieblingsfarbe? Rest der Nacht ohne Schlaf, das Festnetz endgültig unbenutzbar. Bisher immer noch rangegangen, weil C.s Vater weiter im Sterben liegt. Bestimmt vor zehn Jahren schon die Telekom gebeten, die Nummer zu streichen. Wenn ich auf Arztanrufe warte oder gerade mit C. gesprochen habe, vergesse ich oft hinterher, den Stecker zu ziehen.</p>
<p>Außer Stalkern und Irren auch noch eine wachsende  Gruppe von Hilfesuchenden, die sich in der Regel brieflich meldet.  Aber nicht nur.</p>
<p>Sind Sie <em>der</em>?</p>
<p>Ja, bin ich.</p>
<p>Sie müssen drei Fragen beantworten.</p>
<p>Wer spricht da, bitte?</p>
<p>Deneb. Die Hausaufgabe ist nämlich der Lebenslauf, Heirat zum Beispiel. Da steht nichts auf Wikipedia.</p>
<p>Ich beantworte keine Fragen.</p>
<p>Schweigen.</p>
<p>Am Ende meine Bitte an Deneb, der verantwortlichen Lehrkraft auszurichten, sich die Hausaufgabe in den verblödeten Arsch zu stecken. Sag ihr, daß ich das gesagt habe, sage ich. Und vergiß nicht das mit dem Arsch.</p>
<p>Bitten um eine Inhaltsangabe kommen häufiger. Aber im Moment scheint irgendwo ein Formular zu kursieren, das so beknackt ist, daß es eigentlich nur aus einem dieser Bücher für geistig unbeschenkte Lehrer stammen kann: Wie sieht das Leben des Autors aus? Biografie? Und hier die für das Textverständnis besonders wichtige Frage: Familienstand?</p>
<p>18.1. 2013 8:00</p>
<p>Morgens vom Tod Jakob Arjounis gelesen und mit sonderbar unpassender Beschwingtheit das Haus verlassen und auf den Weg zu Dr. Vier gemacht.</p>
<p>18.1. 2013 11:50</p>
<p>Wieder Gespenster, wieder Stimmen im Kopf. Hier, sagt die Apothekerin, hier bin ich.</p>
<p>18.1. 2013 16:37</p>
<p>Die sehr gute Geschichte &#8220;In Frieden&#8221; von Arjouni auf Youtube angehört. Blumen. Erde. Und der ganze Scheiß.</p>
<p>18.1. 2013 19:07</p>
<p>Das Radio spricht mit mir. Neben mir im Bett liegt der Stoffhase. Wir sind fast genau gleich alt, und gemeinsam kämpfen wir gegen den Anfall. Die Uhr zählt die Minuten.</p>
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		<title>Vierunddreißig</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Dec 2012 21:18:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[19.11. 2012 22:17 Themenwoche Sterben auf der ARD. Komplett Enthirnte wie Margot Käßmann versuchen, ein freies Leben gelebt habenden Menschen das Recht auf Freiheit im Tod zu bestreiten. Die Position der Vernunft wie immer dünn besetzt. Ein Mann, der seine alzheimerkranke Frau beim Suizid unterstützte, sitzt neben einer Zumutung namens Kapuzinermönch Bruder Paulus, dem sein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>19.11. 2012 22:17</p>
<p>Themenwoche Sterben auf der ARD. Komplett Enthirnte wie Margot Käßmann versuchen, ein freies Leben gelebt habenden Menschen das Recht auf Freiheit im Tod zu bestreiten. Die Position der Vernunft wie immer dünn besetzt. Ein Mann, der seine alzheimerkranke Frau beim Suizid unterstützte, sitzt neben einer Zumutung namens Kapuzinermönch Bruder Paulus, dem sein ihm das Gesicht verwüstet habender zweistelliger IQ befiehlt, eine Stunde lang mit zusammengekniffenen Augen angestrengtes Nachdenken simulierend in die Runde zu schauen und seinen Vorredner anzublaffen, warum er seiner Frau denn nicht gleich die Pulsadern aufgeschnitten habe. Lang lebe Berlin-Mitte.</p>
<p>Nicht geladen wie immer einer, der das Naheliegende erklärt, nämlich daß in einem zivilisierten Staat wie Deutschland einem sterbewilligen Volljährigen in jeder Apotheke ein Medikamentenpäckchen aus 2 Gramm  Thiopental und 20 mg Pancuronium ohne ärztliche Untersuchung, ohne bürokratische Hürden und vor allem ohne Psychologengespräch &#8211; als sei ein Erwachsener, der sterben will, ein quasi Verrückter, dessen Geist und Wille der Begutachtung bedürfe &#8211; jederzeit zur Verfügung stehen muß.</p>
<p>19.11. 2012 22:45</p>
<p>An welche angesprochenen Medikamente man übrigens weder mit Rezept noch sonst legal rankommt. Wer es darauf anlegt, versucht, sich beizeiten mit einem Tierarzt gutzustellen (mühsam) oder bricht gleich in die Praxis ein. Dort heißen die Medikamente Eutha 77 bzw. mittlerweile Esconarkon, kleinste Packungsgröße 100 ml, damit lassen sich größere Säugetiere ohne Probleme einschläfern.Thiopental kann man sich selbst spritzen (Narkose), Pancuronium muß von einer zweiten Person zugeführt werden (Atemstillstand). </p>
<p>19.11. 2012 22:49</p>
<p>In meinem Freundes- und Bekanntenkreis damals, als der Gedanke auftauchte, an Leuten, die mich ins Jenseits befördern wollten, zum Glück sofort kein Mangel, an erster Stelle meine Mutter. Klar.</p>
<p>19.11. 2012 22:53</p>
<p>Zeugnisverleihung und Abi-Ball vor dreißig Jahren: Ich wollte eigentlich überhaupt nicht hin, und wenn dann auch nur in meinem maximal komplettkaputten Lieblings-T-Shirt, und auf keinen Fall wollte ich meine Eltern dabei haben (Spätpubertät), ganzer Tag Diskussion, schließlich sagte meine Mutter den schönen Satz: Ich hab dich da reingebracht, ich hol dich da auch wieder raus. Da ließ sich nicht viel gegen sagen.</p>
<p>19.11. 2012 23:01</p>
<p>Wobei an die Medikamente, wie gesagt, gar nicht ranzukommen war. An überhaupt nichts Sicheres. Nichts Einfaches, nichts Hundertprozentiges. Erschießen ist in 76 bis 92 Prozent der Fälle tödlich, bei Schüssen in den Kopf liegt die Quote noch etwas höher. Aber auch da überleben 3 bis 9 Prozent, und die haben dann Hirnschäden und sind entstellt. Erhängen fühlt sich schätzungsweise an, wie es aussieht, und hat wie die meisten anderen Methoden den Nachteil, daß man Erfahrung damit bräuchte und nur einen Versuch hat. Man kann aus dem zwölften Stock springen und überleben. Man kann aus dem zwölften Stock springen und noch dreißig Minuten als blutiger Matsch auf dem Trottoir die Passanten erschrecken, und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewußtsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisieren.</p>
<p>25.11. 2012 5:50</p>
<p>Traum: Am See, wo wir immer Rollhockey spielten, übe ich Double Kickflip, was sonst nur Bernd übte, dann zurück Richtung Westtor, so schnell und schwebend wie damals, und schon lange vor dem Erwachen weiß ich: Mehr Sport. Ich brauche mehr Sport für meine Psyche, wo Fußball aus Gründen der Lebensgefahr gerade gecancelt ist.</p>
<p>25.11. 2012 18:30</p>
<p>Spaziergang zum Plötzensee. Um den Fastvollmond herum bricht die Wolkendecke auf. Erst von einer Bank aus der Natur bei ihrer unangestrengten Nachbildung Deutscher Romantik zugesehen, dann auf dem kleinen Weg, den wir im Sommer zum Tegeler See fuhren, den Kanal runter bis zu der schmalen Brücke und den Traversen, wo eine schöne Stelle ist.</p>
<p>Blase gelaufen.</p>
<p>28.11. 2012 13:00</p>
<p>Wirkung der PCV-Chemo im MRT nicht erkennbar, Progredienz wie gewohnt. Das vor 16 Monate beschriebene, vier mal vier Zentimeter große möglicherweise Strahlenschaden, möglicherweise niedriggradiger Tumor seiende Gebilde hat sich nun in Hochgradiges verwandelt, mindestens Astrozytom Grad III. Zweiter Versuch, bei der Krankenkasse Avastin zu beantragen.</p>
<p>1.12. 2012 8:17</p>
<p>Es schneit, es schneit, es schneit, es schneit, Schnee! Leuchtend hebt sich die Sonne über der Fennbrücke hinauf.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2012/12/morgen-vom-03-12-2012-um-08.09.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2012/12/morgen-vom-03-12-2012-um-08.09.jpg" alt="" title="morgen vom 03-12-2012 um 08.09" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-3888" /></a></p>
<p>3.12. 2012 10:00</p>
<p>Dr. Badakhshi, kein regulärer Arzttermin, will nur mal gucken, wie es dem dreimal operierten, zweimal bestrahlten Hirn und dem dazugehörigen Patienten geht. Gut geht es dem. Jedenfalls besser, als die Bilder erwarten lassen: gut.</p>
<p>6. 12. 2012 5:50</p>
<p>Keine Morgengymnastik, um die Schneewehen auf der Terrasse nicht zu zerstören. Ich muß nachdenken, wie lange es her ist, daß ich in der Psychiatrie vor Sonnenaufgang vorm Fenster des Gemeinschaftsraums meiner Schneebegeisterung freien Lauf ließ, fünf Uhr morgens, neben mir eine Schwester, die mich, so nachsichtig, wie sie mich behandelte, offenbar für geisteskrank hielt.</p>
<p>Die kleinen Schlingpflanzen, die sich mit winzigen Saugnäpfen am Fensterrahmen festhielten und aussahen wie Invasion from Outer Space &#8211; und die grüne Kuppel da rechts, was ist das? Kirche, Ministerium oder Naturkundemuseum? Wußte sie auch nicht. Zwei Jahre und neun Monate.</p>
<p>8.12. 2012 20:01</p>
<p>Winterfutter in die Jacke geknöpft, die ich 1992 mit Arbeitshose und Käppi zusammen auf der Post bekam, Hilfsarbeiter, Zugverladung. Seitdem die Jacke Jahr für Jahr getragen, jeden Sommer, jeden Winter. Zwanzig Mal habe ich das Futter im Frühjahr rausgeknöpft und zwanzig Mal im Winter wieder rein. Sensationelle Qualität, begrabt meine Jacke an der Biegung des Flusses.</p>
<p>9.12. 2012 12:17</p>
<p>Es schneit von unten nach oben, der Kanal ist verschwunden.</p>
<p>10.12. 2012 18:01</p>
<p>Mit Elina auf beschneiten Wegen unter den dick beschneiten Bäumen, es staubt auf unsere Mützen und Gesichter, am See und den Kanal entlang wieder bis zu der Mauer aus übermannsgroßen Traversen, zwischen denen hindurch man auf ein im Schnee noch fremder und nicht von dieser Welt wirkendes, weites Gelände dahinter sieht, dunkel waldumstanden, Weiß, aus dem ockerfarbenes Gras rausbüschelt, das Jenseits. Elina trägt Sommerschuhe, ich Stiefel, von denen rechts und links die Sohlen abgefallen sind, wir kehren um. Zwei Stunden lang keinem einzigen Menschen begegnet, erst an der Föhrer Straße ein Mann mit Hund.</p>
<p>13.12. 2012 18:50</p>
<p>Mit C. durch die Rehberge, wegen Epilepsie meistenteils schweigend. Ein Kleinwagen parkt, Tür auf, Schäferhund raus. C. stellt sich  zwischen mich und den Hund, er zerreißt ihre Hose und zerfetzt ihre Jacke. Als ein Schatten nach meinen Füßen faßt und in meinem Sichtfeldausfall hochspringt, lasse ich mich fallen und liege da wie ein Insekt auf dem Rücken im Schnee, bis es vorbei ist. Austausch von Telefonnummern und ein Berliner, der seinen Hund böser Hund nennt, sehr böser Hund.</p>
<p>15.12. 2012 18:30</p>
<p>Das Verfallsdatum auf dem beim Kaiser&#8217;s gekauften Ciabatta zum Aufbacken ist der 17. Februar.</p>
<p>17.12. 2012 18:00</p>
<p>C. angeschrien, weshalb nochmal, weiß nicht, vergessen, wegen nichts. Ich verändere mich. Normal, findet Dr. Vier, Gereiztheit, aber so bin ich nicht, und ich will derselbe sein bis zum Ende. Mit geübter Handbewegung holt der Arzt eine Packung Kleenex von unterm Tisch hinauf.</p>
<p>19.12. 2012 16:53</p>
<p>Dr. Badakhshi hat mit den Neurochirurgen und anderen Hirnleuten nochmal eine Konferenz anberaumt. Avastin, ja, engmaschig kontrollieren, hinten links könnte auch ein viertes Mal operiert werden. Und ein drittes Mal bestrahlt.</p>
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		<title>Dreiunddreißig</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Oct 2012 08:53:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[22.10. 2012 8:31 Mädchenschönschrift, liniertes Papier, Realschule, Baden-Württemberg: &#8220;Eigentlich hasse ich es Bücher zu lesen, aber das hier hat mir Spaß gemacht. Das ist auch das Beste was ich gelesen habe, aber ich habe eh nur 2 gelesen. Das andere war aber scheiße.&#8221; Die Lieblingsstellen der Vierzehnjährigen sind die Schimpfwortorgie von Tschick und Isa auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>22.10. 2012 8:31</p>
<p>Mädchenschönschrift, liniertes Papier, Realschule, Baden-Württemberg: &#8220;Eigentlich <em>hasse</em> ich es Bücher zu lesen, aber das hier hat mir Spaß gemacht. Das ist auch das Beste was ich gelesen habe, aber ich habe eh nur 2 gelesen. Das andere war aber scheiße.&#8221;</p>
<p>Die Lieblingsstellen der Vierzehnjährigen sind die Schimpfwortorgie von Tschick und Isa auf der Müllkippe (von Gymnasiasten immer wieder kritisiert, &#8220;weil wir dann dieselben Worte benutzen&#8221;) und die Szene, wo der Mann sich einen runterholt, während Isa die Haare geschnitten bekommt.</p>
<p>Ihre Klassenkameradin A. schreibt: &#8220;Ich konnte mich sehr gut in Maik hinein versetzen, da er im gleichen Alter wie ich ist und ich so ähnliche Sachen machen würde.&#8221;</p>
<p>Im nachhinein bedauere ich, die Autoknack- und Fahranleitung nicht so ausführlich behandelt zu haben wie ursprünglich geplant.</p>
<p>22.10. 2012 15:57</p>
<p>Hier bittet gleich der nächste um Entzug der Approbation:</p>
<p>Sehr geehrter Herr Herrndorf, es gibt außerhalb der klassischen Medizin einen Ansatz zur Heilung von Glioblastomen: Erzeugung einer Ketose durch eine spezielle Diät, kombiniert mit Omega-3-Fettsäuren und schwefelhaltigen Aminosäuren. Dazu liegen Berichte vor.</p>
<p>Mit freundlichem Gruß, Dr. Siegfried Jedamzik, Facharzt für Allgemeinmedizin, Ingolstadt.</p>
<p>Und damit endet die kleine Dokumentation auch schon wieder. Diese Irren sind eh nicht aufklärbar, ich bin schon froh, meinen Briefkasten nicht mehr von Anhängern Ryke Geerd Hamers verstopft zu finden.</p>
<p>24.10. 2012 10:15</p>
<p>Nach der Gabe von CCNU und Vincristin hat man noch zwei, drei Stunden, den Kalorienbedarf zu decken, bevor man in die Horizontale sackt. Wie immer laufe ich vom Onkologen direkt zum Burger King. Der Hamburger schmeckt noch, der Junior Whopper bereits wie Pappe. Und das liegt nicht am Burger King. Großer Panoramablick über die riesige Straßenkreuzung, Landsberger, Tram, Großstadt. Die Bedienungen sind freundlich, sehen alle aus, als sparten sie auf ein Tattoo, und werden ihre Welt nie verlassen.</p>
<p>Zum ersten Mal war ich hier vor genau zweieinhalb Jahren, als ich mit dem Fahrrad zum Kienberg fuhr, um die Straßen in der Umgebung des Hauses von Maik Klingenberg abzufahren. Ich erinnere mich an den herrlichen Tag, den Sonnenschein und an das Mädchen, das in der gegenüberliegenden Ecke über ihrem Tablett saß. Unglaublich, wie ich seitdem abgebaut habe, körperlich und geistig.</p>
<p>29.10. 2012 15:35</p>
<p>Meine Gedanken werden zunehmend laut in mir, in allen Geräuschen schwimmen Silben und Sätze. Der gleichmäßige Atem C.s schwillt an wie Meeresbrandung und treibt mich auf, zwischen sich selbst sagenden Sätzen und Sprachverlust, zwischen innerer Stimme und Epilepsie ist kaum noch ein Unterschied.</p>
<p>4.11. 2012 5:50</p>
<p>Liegestütze unter dem Dreiviertelmond, Orion und Jupiter, Osten hinter schweren Wolken.</p>
<p>4.11. 2012 8:16</p>
<p>Zwei langgezogene Vogeldreiecke und -schnüre auf dem Weg nach Süden.</p>
<p>4.11. 2012 8:25</p>
<p>Die erste Blaumeise.</p>
<p>8.11. 2012 15:30</p>
<p>Wenn C. mich besucht, fragt sie immer, ob ich was brauche. Heute brauchte ich Klopapier und bekam die ZEIT.</p>
<p>8.11. 2012 16:04</p>
<p>Meine alte Kunstprofessorin, die schlimmste, menschlich unangenehmste Person, die mir in meinem Leben begegnet ist, hat nun auch ihren von kleinen Navigationssackgassen begleiteten, gut gelungenen Internetauftritt. Erst freue ich mich am großzügig über die Seite verteilten künstlertypischen Nonsens &#8211; &#8220;Geht es darum, ein Material (Farbe) zu nobilitieren oder es als das zur Geltung zu bringen, was es eigentlich ist?&#8221; &#8211; dann überfällt Traurigkeit mich. Zwanzig Jahre sind vergangen seit unserer letzten Begegnung, und sie hat ihre Zeit mit komplett sinnlosem Quatsch vertan, genau wie ich.</p>
<p>Einer ihrer letzten Sätze, an den ich mich erinnere, geäußert auf einer der letzten Klassenbesprechungen: &#8220;Jesus hat die Welt erlöst, das ist bewiesen.&#8221; Auf meine Frage &#8220;Wie?&#8221; erhielt ich nie eine Antwort.</p>
<p>9.11. 2012 21:51</p>
<p>Ein Schatten huscht über die Terrasse im fünften Stock. Als ich das Licht lösche, um besser sehen zu können, verschwindet die Maus in der Öffnung für das Regenwasser.</p>
<p>12.11. 2012 21:45</p>
<p>Aufstehen, schlafen, Gymnastik, kalt duschen, frühstücken, lesen, schlafen. Vögel füttern, Versuch, nicht zu schlafen, schlafen, C. anrufen. Gespräch über den Tod, über das Weinen, über das Sterben im Alter, wenn man der Letzte ist und keiner mehr da, der eine Erinnerung hat an den Jungen, derfünfzehn Meter über dem Erdboden einhändig im Baum hängt, an das Mädchen, das seinen Schulranzen auf einen fahrenden Laster wirft, das Kind unterm Sofa, das, während unbekannte Stiefel durch die Wohnung poltern, mit der flachen Hand zentimeterdicken Staub zusammenschiebt, zitternd.</p>
<p>14.11. 2012 12:30</p>
<p>Die Asche kriegen Sie unter Umständen ausgehändigt, sagt Dr. Vier, aber Sie müssen einen Bestattungsnachweis erbringen, so wie in The Big Lebowski geht es nicht.</p>
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		<title>Zweiunddreißig</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Oct 2012 06:40:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[23.9. 2012 15:25 Baden im von Angelika Maisch mit einer Flasche Lourdes-Wasser komplett durchgesegneten See. Fische treiben kieloben, Hirntumore verschwinden, durch Herbstlaub scheint die Sonne. 24.9. 2012 9:24 Lektüre: Werther. Auf dem Titelblatt steht Oktober 1985, Februar 1996 und &#8211; September 2012. 1985 war ich Zivildienstleistender und lag im Krankenhaus Barmbek, weil nach einer mißglückten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>23.9. 2012 15:25</p>
<p>Baden im von Angelika Maisch mit einer Flasche Lourdes-Wasser komplett durchgesegneten See. Fische treiben kieloben, Hirntumore verschwinden, durch Herbstlaub scheint die Sonne.</p>
<p>24.9. 2012 9:24</p>
<p>Lektüre: Werther. Auf dem Titelblatt steht Oktober 1985, Februar 1996 und &#8211; September 2012.</p>
<p>1985 war ich Zivildienstleistender und lag im Krankenhaus Barmbek, weil nach einer mißglückten Mandeloperation und anschließendem CT eine ringförmige Struktur in meinem Hirn sichtbar geworden war. Damals sagte man noch Tumor, nicht Raumforderung. Zahlreiche Untersuchungen folgten.</p>
<p>Während ich auf der Neurologie lag, wurden zwei Leute in schwarzen Kisten rausgefahren. Ein Mädchen öffnete sich erfolglos die Pulsadern. Mein Zimmergenosse hatte einen IQ von 75. Nachts spielten wir auf der Station Ben Hur, den gelbgestrichenen Gang entlang und um die Säulen herum und zurück, mangels Pferdewagen in Rollstühlen.</p>
<p>Der Arzt stellte Fragen wie: Wieviele Selbstmörder hatten Sie in der Familie? Und ich mußte nachzählen. Es wurde festgestellt, daß ich beim Gehen auf der Stelle mit geschlossenen Augen den rechten Arm etwas mehr bewegte als den linken. Meine Freundin kam zu Besuch und weinte, ich mußte sie trösten. Ich mußte meine Eltern und meine Großmutter trösten. Das war anstrengend.</p>
<p>Sonst gefiel es mir gut auf der Station. Ich las viel. Ich hatte Liebeskummer und wollte sowieso sterben, da erwischte Goethe mich richtig.</p>
<p>Schließlich schickte man mich in den ersten Kernspintomographen Hamburgs. Ich öffnete die Aufnahmen im Taxi und konnte nichts entdecken. Die ringförmige Struktur war, wie sich herausstellte, die Folge eines fehlerhaften ersten CT gewesen. Um das zu bemerken, hatte das Barmbeker Krankenhaus anderthalb Monate gebraucht.</p>
<p>Bei der zweiten Lektüre zehn Jahre später hatte der Werther nachgelassen, der Ossian-Quatsch in der zweiten Hälfte verdarb mir auch die erste. Nun killt es mich.</p>
<p>Am Anfang, wo er gerade angekommen ist in seinem lieblichen Tal &#8211; habe ich das früher überhaupt gelesen? Jetzt liege ich im Gras und spüre ich jeden Halm.</p>
<p>30.9. 2012 16:00</p>
<p>Baden im schon kalten See, zwanzig Minuten schaffe ich. Der vom letzten Winter bekannte Schmerz zwischen den Schulterblättern. Viele Freunde anwesend, viele Stimmen, ich halte mich fern.</p>
<p>3.10. 2012 21:55</p>
<p>Sehr epileptischer Tag. Jedes Geräusch hallt als Wort und Brei aus Silben wider in meinem Hirn, das vergeblich den Sinn darin enträtseln will. Arbeit unmöglich.</p>
<p>6.10. 2012 15:40</p>
<p>Sturm und Wolkenbruch. Ich laufe in meiner Wohnung herum, um der Reihe nach durch alle Fenster zu sehen und mich zu freuen.</p>
<p>9.10. 2012 10:41</p>
<p>Die Spatzensituation ist nicht optimal. In der Frühe schon rotten die Vögel sich auf der Terrasse zusammen, picken in meinen Frühstückskrümeln aber nur lustlos rum. Sonnenblumenkernbrot geht so, Brötchen kaum, Schwarzbrot gar nicht. Aus sympathetischen Gründen hatte ich eine Weile angenommen, was mir schmeckt, müsse auch ihnen schmecken. Aber um die zerbröselten Pfeffernüsse hopsen sie nur einäugig herum. Mein Supermarkt führt kein Vogelfutter. Fünf Kilo auf Amazon bestellt.</p>
<p>11.10. 2012 13:36</p>
<p>Halsschmerzen, extreme Schlappheit und unkontrollierbarer Putzzwang, keine gute Kombination. Von unter der Bettdecke heraus erblickt der Proband die Andeutung einer Staubschicht auf dem Laminat im Flur seiner Wohnung. Aufstehen? Liegenbleiben? Wohnung komplett durchsaugen? Die Neurose siegt. </p>
<p>12.10. 2012 8:28</p>
<p>Sehr geehrter Herr Herrndorf, ein Kollege heilte [unleserlich] Neoplasmen mit folgender Diät:</p>
<p>1. Darmreinigung mit Movieprep (wie vor der Darmspiegelung).</p>
<p>2. So lange Sie es aushalten: Nur schwarzer Kaffee ohne Zucker und Wasser mit Apfelessig und alle 2 Stunden frisch gepressten Gemüsesaft von Biogemüse.</p>
<p>3. Gegen den Hunger: gekochte Kartoffeln.</p>
<p>Wenn Sie diese Therapie interessiert und Sie noch Fragen haben, rufen Sie mich bitte an, oder schreiben Sie mir. Biopsie u. / o. OP sind beim Glioblastom absolut tabu. Entstehung häufig im Kindesalter durch Kopfverletzung.</p>
<p>Schreibt Dr. H. G. Fritz, Kieferorthopäde aus Bietigheim-Bissingen. Nachdem ich mit exzessiven Beschimpfungsorgien die Zahl briefeschreibender Esoteriker halbieren konnte, melden sich nun wieder vermehrt Ärzte zu Wort.</p>
<p>14.10. 2012 11:30</p>
<p>Unter dem großen Fenster, das die Welt am meisten zeigt, wie sie ist, also wie sie sein soll, sitze ich nur noch so da. Zum Lesen sind die Augen zu zugeschwollen, zum Schreiben auch.</p>
<p>16.10. 2012 8:31</p>
<p>Traum: Ich fahre zu einem Treffen mit Passig die Friedrichstraße runter und überlege mir eine Reihe von Wörtern, bei denen sie sagen soll, wo sie sie zum ersten Mal gehört hat (was sie bekanntlich kann), aber ich kann mir die Worte nicht merken, und ich habe kein Notizbuch dabei. </p>
<p>Immer wieder erwache ich, um mich nach dem Kugelschreiber neben meinem Bett umzudrehen, er ist nicht da. Da kommt Friederike, die neuerdings in der Anstalt arbeitet, mit einer Mappe voller Behindertenzeichnungen angeradelt. Der Wind reißt ihr die Mappe aus der Hand. Die Zeichnungen wirbeln über die Weidendammer Brücke davon, ich kriege eine zu fassen und schreibe auf die Rückseite:</p>
<p>morganatische Ehe<br />
Hapaxlegomenon<br />
Behuss<br />
Prosopagnosie<br />
Diaphanie<br />
Rist</p>
<p>Mit Behuss, stellt sich nach dem Erwachen heraus, war Buhurt gemeint.</p>
<p>17.10. 2012 13:21</p>
<p>Zweiter Zyklus wegen schlechter Blutwerte (Leukozyten) verschoben. Die Hälfte der Patienten im Infusionszimmer sieht aus wie Seniorenheim, die andere: tot.</p>
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		<title>Einunddreißig</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Sep 2012 08:06:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[21.8. 2012 23:59 Spaziergang um den Plötzensee in die wetterleuchtende Nacht hinein. Auf den Steinstufen ein Pärchen, das sich im Nieselregen auszieht, um zu baden, es donnert. Ich biege rechts in den Park, die bekannte Baumgruppe, seitlich Grabsteine, Grablichte, eine schwach erleuchtete Villa. Ich laufe matschige Wege, laufe durch Gras, das höher wird, dann kniehoch. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>21.8. 2012 23:59</p>
<p>Spaziergang um den Plötzensee in die wetterleuchtende Nacht hinein. Auf den Steinstufen ein Pärchen, das sich im Nieselregen auszieht, um zu baden, es donnert. Ich biege rechts in den Park, die bekannte Baumgruppe, seitlich Grabsteine, Grablichte, eine schwach erleuchtete Villa.</p>
<p>Ich laufe matschige Wege, laufe durch Gras, das höher wird, dann kniehoch. In der Ferne Reste eines Tores, dahinter eine Lichterreihe, die eine unbefahrene Straße zu säumen scheint, von der mich ein hoher Zaun trennt. Ich gehe hin und her, die Baumgruppe folgt mir wie ein Schatten, jetzt will ich zurück. Nachdem ich zum fünften Mal vor der Villa stehe, weiß ich, daß ich mich verlaufen habe. Ich stapfe durch Unterholz und Morast und versuche, es unter Recherche für den neuen Roman zu verbuchen.</p>
<p>In unregelmäßigen Abständen ein schwacher Schein in den Sträuchern, eine Art Bach, eine betonierte Abflußrinne, ist das der See?</p>
<p>Handy hab ich dabei, aber was soll ich damit? Hallo, einen Notfallhelikopter mit Wärmebildkamera zum Plötzensee bitte, Herrndorf hier, ja, nicht weit vom Ufer des Plötzensees entfernt unter einem großen Busch, Hartriegel, ja, nein, das könnte Hartriegel sein, natürlich ist das mein Ernst, Hirnschaden, Heinrich Emil Richard Richard Nordpol, D, Dorf wie Dorf -</p>
<p>Endlich ein Radfahrer, den ich fragen kann. Falls er nicht bremst, plane ich, mich mit ausgebreiteten Armen auf den Weg zu stellen, und wenn er versucht, um mich herumzufahren, bin ich entschlossen, ihn am Gepäckträger festzuhalten, so groß ist die Angst mittlerweile. Aber er hält, und extrem freundlich weist er mir den Weg: einfach da geradeaus.</p>
<p>Der Klang seiner Stimme und der im Nullwinkel gehobene Arm verraten mir, daß wir uns keine zwanzig, dreißig Meter vom See entfernt befinden können. Also einfach geradeaus. Zur Sicherheit strecke ich beide Arme vor, um den Sektor, innerhalb dessen mein Ziel liegt, noch einmal zu markieren. Daß das mit den Armen nicht funktioniert, wird mir nach drei Schritten klar, und stattdessen einen Baum anzupeilen, funktioniert genauso wenig. Die Bäume sehen alle gleich aus, und wenn ich um einen herum bin, weiß ich nicht, woher ich komme und wohin ich muß.</p>
<p>So irre ich zwischen Parkanlagen, Wiesen und Friedhöfen immer weiter im Kreis, bis ich im Licht eines explodierenden Blitzes plötzlich etwas durch das Laub aufblinken sehe, und das ist der See.</p>
<p>Zu Hause steige ich mit Jeans und Schuhen unter die Dusche, und ein halber Kubikmeter Sand, Gras und Schlamm spült von mir herunter in den Abfluß.</p>
<p>31.8. 2012 18:30</p>
<p>Die Schwester führt mich in den Raum mit dem Magnetresonanztomographen. Auf dem Untersuchungstisch liegt eine nackte Frau mit weit gespreizten Beinen. Da ist schon jemand, sage ich, und die Schwester führt mich in den nächsten Raum. Aus Angst, es könnte nun jeder mitkriegen, daß der Arzt seine Patientinnen vor dem MRT vögelt, versuche ich, so leise wie möglich aufzutreten; aber das ungenierte Gebaren der Belegschaft macht mir klar, daß es ohnehin längst alle wissen.</p>
<p>Das ist der Traum, den ich habe in der Nacht vor dem MRT. Kurz vor Mittag liege ich in der Röhre, und bis zum Abend warte ich zu Hause auf den Anruf des Radiologen. Normal erfahre ich den Befund von ihm nie, aber es ist Wochenende, und wenn das Glioblastom in meinem Kopf zufällig gerade explodiert sein sollte, kriege ich aus naheliegenden Gründen heute schon Bescheid.</p>
<p>Ich warte. Am späten Nachmittag eine unbekannte Nummer im Display, und ein Mann fragt, wer ich bin. Ich frage, wer <em>er </em>ist, und er spricht von wissenschaftlichen Methoden, nach denen nun vorgegangen wird. Erst nach einer Minute Gerede wird mir klar, daß er fürs Forsa-Institut arbeitet, und ich verabschiede ihn mit den leider viel zu schwachen Worten, er solle aus meiner Leitung gehen &#8211; gehen Sie aus meiner verdammten Leitung, ich sterbe, Sie verblödeter, im Leben nichts gelernt habender Callcenterarsch von Ihrem Scheiß-Forsa-Institut -</p>
<p>2.9. 2012 11:25</p>
<p>Während des Studiums in Nürnberg bin ich manchmal bei Karstadt einkaufen gegangen, ein Nobelschuppen mit goldenen Einkaufswagen. Da hatten sie einen jungen, schwindenden Mann, der an der Kasse angelernt werden sollte. Das ging nicht, also räumte er eine Weile die Regale ein. Das ging auch nicht, also schob er hinter der Kasse die Wagen zusammen. Monatelang. Es brauchte nicht unbedingt einen Einkaufswagenschieber, aber da schon mal einer da war, ließen die Leute ihre Wagen sofort hinter der Kasse los, ein Chaos war die Folge. Nach einiger Zeit drehte der junge Mann durch. Sein Gesichtsausdruck wurde freudig erregt, sein Mund formte lautlose Schreie. Wenn er einen Einkaufswagen geschnappt und in die Schlange der wartenden Wagen geschoben hatte, machte er die Säge. Er lief zwischen hochtoupierten Seniorinnen mit Gleitsichtbrillen hindurch, sein Blick suchte niemanden. Manchmal riß er beide Arme hoch, wenn ihm ein besonderer Coup des Wagenzusammenschiebens gelungen war. Irgendwann sah ich ihn nicht mehr.</p>
<p>Neben dem Dauergrinsen, das meinem Körper signalisiert, daß in meinem Leben alles nach Plan läuft, ist die Beckerfaust nun meine Standardgeste, wenn mir wieder ein besonderer Coup beim Sätzezusammenschieben gelungen ist.</p>
<p>5.9. 2012 8:30</p>
<p>Linke Seite trotz Rückbildung des Ödems immer irgendwie wie verschwunden wirkend, der linke Fuß ist oft taub und eiert beim Gehen, im Bett weiß ich nicht, ob der Arm, den ich streichle, C. gehört oder mir.</p>
<p>5.9. 2012 10:04</p>
<p>Neue Chemo nach dem PCV-Schema, das vor der Entdeckung des Temozolomids gebräuchlich war und dessen Versagen an mir für die Krankenkasse noch einmal erwiesen werden soll, um Genehmigung und Kostenübernahme für Avastin zu erhalten.</p>
<p>Heute eine Spritze Vincristin plus fünf Kapseln CCNU, Procarbazin folgt nächste Woche, kotzen bei Bedarf.</p>
<p>Befund: Neu nachweisbare temporale Schrankenstörung auch in der vorbekannten kortikalen Strukturstörung links temporoparietal, so daß (neben im Verlauf weitestgehend konstanten niedergradigen Tumoranteilen) nun auch dort höhergradiges Tumorgewebe dringlich zu verdächtigen ist. Neu angrenzende Leptomeningen akzentuiert, verdächtig auf beginnende Infiltrationen DD Aussaat.</p>
<p>9.9. 2012 17:30</p>
<p>Im See im Nichtschwimmerbereich, C. am Ufer. Hinterher alles zu laut, zu viele Leute. Unter meine Jacke und drei Decken versteckt liege ich auf irgendwessen Oberschenkeln.</p>
<p>12.9. 2012 18:37</p>
<p>Und Himmel, könnt ihr euch das mühevoll zusammenrecherchierte Epitheton für den krebskranken Schriftsteller mal in den verblödeten Arsch stecken, Freunde der Henri-Nannen-Behindertenschule? Ich nenn euch doch auch nicht dauernd behindert, nur weil ihr es seid.</p>
<p>15.9. 2012 6:56</p>
<p>Wie neun Jahre lang jeden Tag, während ich das Gymnasium besuchte, weckt mich der Wecker &#8211; es ist noch derselbe &#8211; um 6 Uhr 50. Dann trete ich barfuß auf die Terrasse, greife das verzinkte Geländer und beginne mit Blick über Berlin meine mittlerweile ans Lächerliche grenzende Gymnastik.</p>
<p>Hätte ich als Kind auf meinem Schulweg am Friedrichsgaber Weg einen alten Mann auf seinem Balkon so herumturnen sehen, ich hätte Ekel empfunden.</p>
<p>Hier gibt es zum Glück keine Schulkinder, ich muß mich nicht schämen. Ich schäme mich trotzdem. Das von der Herde getrennte, sich versteckende, seine Verletzungen zu verbergen suchende Tier; als wäre der Leopard mit ein paar Liegestützen, Kniebeugen und Dehnübungen zu täuschen.</p>
<p>Zwei Krähen streichen von Süd kommend über mich, meine Terrasse und das hinter mir liegende Dach in den dunkleren Himmel. Links das älteste, unvergeßlich schönste Schauspiel der menschenbewohnten Welt: Seine Klauen durch die Wolken sind geschlagen, er steiget auf mit großer Kraft.</p>
<p>16.9. 2012 16:30</p>
<p>Baden im morgens baumgrünen, nachmittags blaugrünen Plötzensee. Fast keine Leute mehr. Gerutscht im Wechsel mit einem fünfjährigen Mädchen, das beim Ersteigen der Aluleiter weniger Probleme hat als ich. Vier Meter Schwerelosigkeit, Wasser in der Nase und ein Spaß, der hauptsächlich die Erinnerung an Spaß ist.</p>
<p>18.9. 2012 2:03</p>
<p>Traum: In einem Dresdner Museum führe ich eine Gruppe meiner Freunde vor zwei Werke, über die sie ein vergleichendes Urteil abgeben sollen. Das eine ist eine Ölskizze mit schrägem Lichteinfall auf eine stehende Figur, schon an der Palette relativ leicht als Adolph von Menzel erkennbar, das andere eine naiv zusammengemanschte Tonskulptur eines kleinen, pummeligen Häuschens mit fröhlich grün glasiertem Garten drumrum. Niemand wagt sich hinaus in die Möglichkeit eines Fehlurteils. Nachdem die Mehrheit meiner Freunde dem Ölbild den Vorzug gibt, erkläre ich auftrumpfend die Schwächen des viel zu routiniert gemachten Menzels mit seiner fehlerhaften Komposition, während die Haus-mit-Garten-Skulptur Uwe Tellkamps ein Meisterwerk sei.</p>
<p>19.9. 2012 10:43</p>
<p>Zweieinhalb Meter von meinem Arbeitstisch  entfernt trapst und schlittert ein Spatz über das Laminat. Den Weg zurück durch das Labyrinth zweier Fensterfronten ins Freie findet er leicht. Wie befohlen schütte ich die Frühstückskrümel auf die Terrasse.</p>
<p>20.9. 2012 8:30</p>
<p>Jeden Morgen ist der Kanal von Salomon van Ruysdael gemalt.</p>
<p>23.9. 2012 8:45</p>
<p>Traum: In einem nordkoreanischen Lager wird ein Mann, der nur noch aus Haut und Knochen besteht, von Kim Jong-un persönlich hingerichtet. Eine Maschine schreddert den Verurteilten, preßt ihn zusammen und spuckt ihn in Form eines haarigen Bonbons wieder aus, der von seinem Zellennachbar gegessen werden muß. Der Zellennachbar bin ich.</p>
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		<title>Dreißig</title>
		<link>http://www.wolfgang-herrndorf.de/2012/08/dreissig/</link>
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		<pubDate>Wed, 22 Aug 2012 14:21:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[26.7. 2012 8:45 Ohne Operation wären Sie tot, erklärt Dr. Fünf und freut sich am guten Zustand des Patienten. War mir selbst zwar auch irgendwie klar, gesagt aber hatte das bisher keiner, und ich bin in diesen Phasen immer so gleichgültig gegen alles, daß außer der aktuellen Gegenwartssekunde in meinem Bewußtsein nichts Platz hat. Der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>26.7. 2012 8:45</p>
<p>Ohne Operation wären Sie tot, erklärt Dr. Fünf und freut sich am guten Zustand des Patienten. War mir selbst zwar auch irgendwie klar, gesagt aber hatte das bisher keiner, und ich bin in diesen Phasen immer so gleichgültig gegen alles, daß außer der aktuellen Gegenwartssekunde in meinem Bewußtsein nichts Platz hat. Der Ausblick auf die beiden grünen Kuppeln auf dem Nachbargebäude im frühen Morgenlicht, das Krankenhauskäsebrot, das meine Hände mit einer Gurkenscheibe garnieren, der Aufenthalt im ansteckenden Vitalismus einer Krawallspatzenwolke. Das ist mein Horizont.</p>
<p>27.7. 2012 10:49</p>
<p>Das Unangenehme an dieser ganzen Beschneidungsdebatte schon wieder, daß es genau wie beim Frauenwahlrecht, dem Schwulenparagraphen, dem Rauchverbot, der Sterbehilfe oder der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen eine von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft gibt, die sich am Ende auch durchsetzt. Was von der Querulantenfraktion Monate, Jahre oder Jahrzehnte verzögert, aber niemals verhindert werden kann. Es ist ermüdend.</p>
<p>28.7. 2012 2:00</p>
<p>Seit Anfang der Woche große Hitze, ich schwitze und habe Kopfschmerzen und Fieber, das ich nicht messen kann, weil ich nicht weiß, wo mein Thermometer ist. In der Nacht Umzug auf den Balkon, wo wenigstens ein leichter Wind weht und die Sterne blinken. Das ist schön, aber immer wenn ich eine Sekunde hochschaue, bin ich schon eingeschlafen.</p>
<p>28.7. 2012 14:00</p>
<p>Thermometer gefunden, 39,3°. Notfallonkologennummer angerufen. Dr. Sechs rät zum Krankenhaus, damit die mal draufschauen. </p>
<p>C. steht schon mit dem Taxi vor der Tür, da sage ich, schick&#8217;s wieder weg, schaff ich nicht, zu schlapp für sechs Stunden auf einem Stuhl im Krankenhaus sitzen und Formulare ausfüllen. Gib mir noch einen Tag. Und dann noch einen und dann noch einen.</p>
<p>Langsam geht das Fieber runter.</p>
<p>29.7. 2012 17:00</p>
<p>Besuch von Calvin, der zufällig in Deutschland ist. Ich hatte große Angst vor einer Begegnung, wollte erst nicht. War dann aber doch gut. Mein ältester Freund. Mach&#8217;s gut.</p>
<p>2.8. 2012 20:04</p>
<p>Donner, Sturm und Blitz, Hagelkörner so groß, daß sie in der Straße der Reihe nach die Autoalarmanlagen anschalten. Wir setzen uns raus, wir setzen uns rein. Kinder, die noch nie Hagel gesehen haben, sammeln die Klumpen ein, die über die Schwelle des Lindengartens springen und hüpfen und schießen. Ein Mädchen streckt die Hand aus und schlägt vor zu tauschen.</p>
<p>5.8. 2012 19:55</p>
<p>Mit dem Fahrrad zu C., als fahre man in die Vergangenheit. Der Geruch des Sommers drückt dunkel und breit aus den Flächen hoher Bäume, auf die es den ganzen Tag geregnet hat. Die vertrauten Ausblicke über Brücken, Kanäle und Wege sind nicht mehr so schön wie früher, als ich noch keine Terrasse hatte.</p>
<p>Zwei oder drei Anfälle. Sind die Kinder im Hof oder in meinem Kopf? Im Hof, sagt C.</p>
<p>5.8. 2012 23:30</p>
<p>Maximal schnell zurück und Usain Bolt gucken. Die unglaubliche Freude, das seltsamste  Wesen auf dem Planeten bei Höchstleistungen in Bereichen, für die es nicht ausgelegt ist, sich abmühen zu sehen, als ginge es um Leben und Tod, worum es wahrscheinlich auch geht &#8211; die gleiche Freude, wie sich Robert Koch über sein Mikroskop gebeugt vorzustellen, Einstein und Bohr in Kopenhagen, die Freude, sich unter das Messer des besten Neurochirurgen der Welt zu legen, der Enthusiasmus, Teil dieser der Evolution längst entglittenen und auf dem Weg ins Ungewisse befindlichen Art und ihres auf verschlungenen Pfaden geführten Kampfes gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und den immer wieder und in jedem Moment übermächtigen Impuls zur Selbstauslöschung zu sein &#8211; ich reiße die Arme hoch, Bolt reißt die Arme hoch, der schnellste Mann auf dem Planeten, Sieg! Sieg für Bolt! Sieg für uns alle!</p>
<p>9.8. 2012 19:30</p>
<p>Cornelius holt den Holtrop ab, der plötzlich in meinem Briefkasten steckt, und liest, während wir im Deichgraf sitzen, schnitzelkauend Stellen vor, Wahnsinn, sagt er, Wahnsinn, was ist das. &#8211; Und wann krieg ich das wieder?</p>
<p>16.8. 2012 21:55</p>
<p>Der Putzzwang, der nach meiner Erstdiagnose und in Verbindung mit meiner Manie zuerst auftrat, dann erneut beim Umzug in die neue Wohnung und noch einmal verstärkt nach der dritten OP, läßt wieder ein wenig nach, verschwindet aber nicht. Eine Staubflocke am Boden, und ich bin arbeitsunfähig.</p>
<p>17.8. 2012 17:29</p>
<p>Antrag auf Avastin von der Krankenkasse zum zweiten Mal abgelehnt.</p>
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		<title>Neunundzwanzig</title>
		<link>http://www.wolfgang-herrndorf.de/2012/08/neunundzwanzig/</link>
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		<pubDate>Thu, 02 Aug 2012 09:35:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[25.6. 2012 13:59 Mosebach endgültig verrückt geworden. Rätselhafterweise wurde ich wegen des von Mosebach so vehement geforderten, seit Zeiten des Deutschen Reichs allerdings immer im Strafgesetzbuch existiert habenden Blasphemieparagraphen sogar mal angezeigt. Langweilige Geschichte, Kurzversion: Im Auftrag eines Satiremagazins Zeichnungen zum Kruzifixurteil gemacht, Witz mau, ich brauchte das Geld. Dann Behörden unfähig, den V.i.S.d.P. zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>25.6. 2012 13:59</p>
<p>Mosebach endgültig verrückt geworden.</p>
<p>Rätselhafterweise wurde ich wegen des von Mosebach so vehement geforderten, seit Zeiten des Deutschen Reichs allerdings immer im Strafgesetzbuch existiert habenden Blasphemieparagraphen sogar mal angezeigt. Langweilige Geschichte, Kurzversion: Im Auftrag eines Satiremagazins Zeichnungen zum Kruzifixurteil gemacht, Witz mau, ich brauchte das Geld. Dann Behörden unfähig, den V.i.S.d.P. zu ermitteln, also Zeichner und Layouter geladen, deren Namen zufällig drunterstanden. Ich verteidigte mich mit den Worten: &#8220;Ich habe doch nur meine Pflicht getan&#8221;, das Verfahren wurde niedergeschlagen. Amtsgericht Tiergarten, 1995.</p>
<p>Irgendwas ist da fundamental schief gelaufen in den letzten zwei Jahrzehnten, wenn die Sache der Aufklärung jetzt schon in der Frankfurter Rundschau mit Füßen getreten wird.</p>
<p>29.6. 2012 21:00</p>
<p>Morgens von der Waage seitwärts in den Umzugskarton gekippt, neben den Stuhl gesetzt. Linke Hand findet ihren Platz auf der Tastatur nicht. Pappschablone auf den Rechner geklebt, um dem Handballen Halt zu geben, vergeblich. Dann Hand am Tisch festgeklebt, ohne daß es hilft. Linker Fuß rutscht vom Fahrradpedal. Ausflug zum Tegeler See. C. verbietet Rausschwimmen. Gewitter.</p>
<p>30.6. 2012 16:30</p>
<p>Passanten am Nordufer gefragt, ob sie das auch röchen, ein entsetzlicher Gestank die ganze Straße runter. Nein, rochen sie nicht &#8230; obwohl, manchmal rieche es hier schon ein bißchen &#8230; hm &#8230; nach Fäkalien.</p>
<p>2.7. 2012 15:45</p>
<p>Auf dem Boden sitzend versucht, meine Socken anzuziehen. Die linke Hand hängt in der Luft, die rechte weiß nicht, wo der linke Fuß ist. Sehen kann ich ihn auch nicht, schließlich finde ich ihn unter meinem Schenkel.</p>
<p>3.7. 2012 13:50</p>
<p>MRT vorverlegt, Besuch C.</p>
<p>3.7 2012. 19:29</p>
<p>Links jetzt, als ob jemand die Nervenstränge büschelweise aus den Buchsen zieht.</p>
<p>4.7. 2012 7:30</p>
<p>Befund wie erwartet, Rezidiv. Ödem,  Dexamethason. Notaufnahme in der Neurochirurgie im Virchow, freundlicher Empfang, alte Bekannte.</p>
<p>Konferenz: Tumor näher am Balken, aber operabel.</p>
<p>Freue mich auf die OP, Hauptsache Entscheidung.</p>
<p>6.7. 2012 18:30</p>
<p>OP für sieben Uhr eingetaktet, kein Beruhigungsmittel, immer lieber wach, vier Stunden gewartet, dann sechs Stunden operiert. &#8220;Ist diese Scheißrealität immer noch da?&#8221; wollte ich eigentlich beim Erwachen zu C. sagen, sage aber nur, daß ich es sagen wollte. C. gibt mir Wasser. Ich sei halbseitig gelähmt, hat man ihr mitgeteilt, und der Patient liege aufgedeckt, mahnt die Ärztin, er möge sich bedecken (Penis). Der Patient hat allerdings gerade andere Probleme und macht neurologische Tests zur Funkion der linken Seite: Kraft da, Automatismen eingeschränkt, Zustand wie vor der OP, keine Lähmung.</p>
<p>Vom Aufwachraum zur Intensiv. Gewitterschwüle, ich rotiere die Nacht in schweißnassen Laken. Schweiß und Pisse, wie sich am Morgen herausstellt, der Katheter ist ausgelaufen.</p>
<p>7.7. 2012 11:00</p>
<p>Kontroll-MRT okay, aber das die Ausfälle verursachende Ödem möglicherweise durch krebsdurchsetztes Narbengewebe hinter dem entfernten Rezidiv verursacht, an das nicht näher heranzukommen ist.</p>
<p>7.7. 2012 18:30</p>
<p>C. wäscht mich. Erste Schreibversuche.</p>
<p>7.7. 2012 19:20</p>
<p>Kaum beherrschbares Down angesichts der Tatsache, daß ich mit links den Strohhalm nicht mehr in den Mund stecken kann, und beim Folgegedanken, bei Fortschreiten des Kontrollverlusts wahrscheinlich nicht mehr imstande zu sein –</p>
<p>Bitte C. am Handy, den ohnehin im Anmarsch befindlichen Cornelius zu bitten, noch schneller zu mir zu eilen. Er kommt, sofort Entspannung. Unterhaltung über Mosebach, Nina Hoss, Barbara, Yella, Petzold, Lentz, Villa Lysis, George, die Karlauf-Biographie, die so gut sein soll, das Forum, Klagenfurt, Sascha, Passig und ihr neues Buch, das allen Ernstes vom Internet handelt.</p>
<p>8.7. 2012 9:11</p>
<p>Weiter schwül, ganze Nacht geschwitzt und herumgewälzt, dazu im Halbschlaf unablässig Cornelius&#8217; Stimme in meinem Kopf, die mein Erleben in der bekannten Art noch einmal für mich zusammenfaßt und verdoppelt &#8211; alles naß hier, aha, linke Seite komplett naß, richtig naß, heißt unignorierbar, also Körper besser mal umdrehen, wobei auch gefährlich, gibt dann Probleme, weil später andere Seite naß, also vielleicht nicht zu früh drehen, am besten immer eine trockene Seite für Notfälle, und dabei gleich noch mal die Decke mit links nach rechts rübergezogen, quasi Funktionsprüfung, muß beübt werden, geht doch, das geht doch gut, das üben wir doch gleich nochmal, sagt Cornelius, und so Stunden schlaflos bis zum Morgen. Daß es ausgerechnet Cornelius&#8217; Stimme ist, wundert mich nicht, aber warum es mir nicht gelingt, auf meine eigene gewöhnlich alles halblaut mitredende Selbstgesprächsstimme zurück umzustellen, weiß ich nicht.</p>
<p>9.7. 2012 14:08</p>
<p>Besuch Julia.</p>
<p>9.7. 2012 18:00</p>
<p>Mit der Study Nurse Gespräch über Weiterbehandlung. Antrag bei der AOK auf das in Deutschland noch nicht zugelassene Avastin, dazu Irinotecan, danach hebt das Wort austherapiert das krause Haupt. Manche hält Avastin ein paar Wochen oder Monate stabil, manche ein Jahr, sogar zwei hat man hier schon erzielt. Dauerübelkeit hauptsächlich durch Irinotecan, kann bei Bedarf abgesetzt werden, spar ich mir dann, nicht mein Leben, definitiv nicht mein Leben.</p>
<p>Der aktuelle Champion in meiner Gewichtsklasse hat es hier auf vier Hirn-OPs gebracht.</p>
<p>10.7. 2012 17:05</p>
<p>Spatzenfüttertag vor der Krankenhauscaféteria. Die ungebremste Freude im Spatzenhirn und im die Spatzen beobachtenden Menschenhirn, das die taxonomische Grenze zwischen den von verwandten Anwandlungen vergleichbar aufgeregt wirkenden Arten am Ende eines langen Krankenhaustages nicht mehr klar erkennen kann und in romantischer Unordnung zu lassen sich geneigt fühlt.</p>
<p>Neben uns ein sehr tumbes, frisch am Kopf operiertes und möglicherweise behindertes Kind, das die von C. gereichten Krümel schwerfällig auf das Geflatter zu seinen Füßen schmeißt.</p>
<p>Die kreischenden Vögel, das Kind, die Bäume, die in ihren Rollstühlen zum Rauchen rausgeschobenen Greisinnen, die Schwangeren, der tote Stein &#8211; wo feuern die Spiegelneuronen und wie stark? Schiebe den Regler auf eine Zahl zwischen 1 und 5.</p>
<p>C. 5<br />
Spatzen 5<br />
Schwangere 4<br />
Greisinnen 2<br />
Kind 1<br />
Bäume 0</p>
<p>Stein etwa Nullkommafünf wegen des sich in der Form abbildenden und auf den Terrassenbenutzer klar und heute positiv einwirkenden Bewußtseins des Architekten.</p>
<p>13.7. 2012 12:33</p>
<p>Gestern Entlassung, meine Eltern überschwemmen mich mit Johannisbeeren. </p>
<p>14.7. 2012 9:43</p>
<p>Man kann nicht leben ohne Hoffnung, schrieb ich hier vor einiger Zeit, ich habe mich geirrt. Es macht nur nicht so viel Spaß. Hauptsächlich in den Knochen steckengeblieben das Erlebnis, nicht mehr tippen zu können. Sprachsoftware fürs nächste Mal bestellt.</p>
<p>Jetzt Blick über den Kanal, die Schiffe, die Brücken und die Baustellenkräne am regenverschleierten Berliner Horizont. Stille und Frieden. Und Arbeit.</p>
<p>14.7. 2012 23:22</p>
<p>Musik höre ich ja epilepsiebedingt schon lange nicht mehr, Musik fast immer falsch, fast jede Musik falsch. Richtig nur: Bach. Bach geht immer. Ging immer, war immer richtig. Hirnrichtige Strukturen, ahnte man ja schon lange. Auf Youtube über Gould kommend jetzt BRAHMS Piano Concerto no.1 in D minor. Geht auch.</p>
<p>Sie sind Redakteur einer Musikzeitschrift und wollen wissen, ob das Geräusch, das Sie berufsbedingt gerade hören, richtig oder falsch ist? Wenden Sie sich vertrauensvoll an Dr. epi. Herrndorf.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2012/08/Foto-am-16-07-2012-um-18.47-4.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2012/08/Foto-am-16-07-2012-um-18.47-4.jpg" alt="" title="Foto am 16-07-2012 um 18.47 #4" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-3767" /></a></p>
<p>17.7. 2012 13:27</p>
<p>In der Praxis klagt eine alte Frau zur auf moderate Lautstärke gedimmten Wartezimmermusik. Sie jammert zu Layla, stöhnt zu Downtown, sie weint und winselt zu Lady in Black, Lambada, Nachrichten und Werbung.</p>
<p>Und weiter mit Musik.</p>
<p>Eine Sprechstundenhilfe kommt und erklärt, daß es mit Jammern auch nicht schneller geht, und das Jammern wird leiser und verstummt. Derweil haben die Kumuluswolken vor dem im neunten Stock befindlichen Panoramafenster der onkologischen Praxis noch einmal die massiven, schwerelosen und strahlenden Lichtblöcke aufgetürmt, wie sie an einem Tag vor genau 350 Jahren auch schon einmal über den Häusern und Kirchen der Stadt Delft zu sehen waren und bezeugt wurden durch Johannes Vermeer.</p>
<p>Vielleicht auch kein Rezidiv, sagt Dr. Vier, kann man auf den Bildern nicht sehen, was man sieht, ist die Raumforderung. Kann aber auch eine Einblutung gewesen sein, bei dem Gemüse in Ihrem Kopf geht das leicht, da platzt ein Äderchen, einfach so oder durch einen Schlag auf den Kopf &#8211; aber ich habe doch einen Knockout gehabt beim Fußball? Ja, sehen Sie, und den histologischen Befund kennen Sie auch, nicht. Keine Glioblastomzellen. Das bedeutet nicht viel, ja, ich weiß, was das Krankenhaus sagt, sieht man öfter bei solchen OPs, Narbengewebe, frische und ältere Einblutungen, Strahlenschaden, Leukenzephalopathie, das ganze Geschmadder &#8211; nur ob die Ursache für das Ödem ein Rezidiv war oder nicht, wissen wir nicht. Können wir nicht wissen, das zeigt das Bild nicht. Und sonst geht&#8217;s Ihnen gut? Neurologische Defizite weg, Dexamethason ausgeschlichen, Resektionshöhle frisch durchgefeudelt? Das ist doch erfreulich, wir kommen zum Avastin. </p>
<p>Schrankenstörung mittlerweile Fünfkommadrei, nein, Fünfkommavier Zentimeter, im Vergleich deutlich progredient.</p>
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