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	<title>Arbeit und Struktur</title>
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	<description>Wolfgang Herrndorf</description>
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		<title>Sechsundzwanzig</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 13:23:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[18.3. 23:32 Ein schattenhafter, unwirklicher Tag. Sonne von morgens bis abends, Fahrt zum See. Die Bäume ändern ihre Farbe, die Dinge sind wie keine Dinge. Tex wollte kommen und schwimmen, aber Tex kommt nicht. Dann habe ich zu lange gewartet und schwimme auch nicht. Im Deichgraf zwischen Lars und Cornelius fühle ich mich wie ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>18.3. 23:32</p>
<p>Ein schattenhafter, unwirklicher Tag. Sonne von morgens bis abends, Fahrt zum See. Die Bäume ändern ihre Farbe, die Dinge sind wie keine Dinge. Tex wollte kommen und schwimmen, aber Tex kommt nicht. Dann habe ich zu lange gewartet und schwimme auch nicht. Im Deichgraf zwischen Lars und Cornelius fühle ich mich wie ein Mensch, und auf dem Weg nach Hause wieder wie ein Schatten. Neben C. liegend wie ein Mensch, und als sie geht: ein Schatten.</p>
<p>21.3. 9:02</p>
<p>Traum: Mit sechs oder acht anderen nehme ich an einer Medikamentenstudie teil. Hinter einem Pult stehend erklärt Lukas die Modalitäten. Jeder bekommt eine Tablette, ich schlafe ein. Beim Erwachen merke ich, daß alle anderen Betten schon leer sind. Lukas schaut im Raum umher und sagt: Oh, da ist ja noch einer. Er tritt an mein Bett und betastet die Luft über dem Kissen, auf dem bis eben noch mein Kopf gelegen hat, die Stelle, wo meine Stirn gewesen war, und macht ein nachdenkliches Gesicht.</p>
<p>22.3. 16.54</p>
<p>Lektüre: Imperium. Stilblüten, Redundanzen, Adjektive. Kein Lektorat, wie man hört, und das zuletzt auf welchen Wegen auch immer in Druck gelangte Syntaxmassaker macht es schwer zu entscheiden, ob darunter tatsächlich ein Roman verborgen ist. Nach zehn Seiten die Frage, ob das Absicht sein könnte &#8211; aber was für eine? -, nach fünfzig Seiten weggeworfen. Hin und wieder ein Satz wie früher, ein gutes Bild, aber zu 95 Prozent zweitklassige Parodie eines viertklassigen Autors der vorletzten Jahrhundertwende. Oder wie Kracht nun vermutlich sagen würde: Ein in einem aufs Allerärgste fidel und famos mißlungenen Stile verfaßtes Palimpsest, welches auch der wohlweisliche Gebrauch eines lustig in der Luft vor des Protagonisten blaßbewimperten Augen wippenden Federkiels zur Verfertigung gleichsam nicht habe salvieren können. Hätte habe hat. Cum grano salis dergestalt indessen. Das Erstaunlichste an alledem vielleicht, was das Feuilleton sich offenbar noch immer für einen Begriff von Thomas Mann macht.</p>
<p>Wenig hat mich so geprägt wie Faserland vor fünfzehn Jahren.</p>
<p>23.3. 8:51</p>
<p>Bleib, mein goldener Vogel<br />
Und tanze durch die Tränen<br />
Und flüstere mir vom Leben<br />
Im Himmel warten Bäume auf Dich<br />
Man sagt sich mehr als einmal Lebewohl<br />
Rückruf ins Leben<br />
Malt Mami jetzt den Himmel bunt?<br />
Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann<br />
Mut und Gnade<br />
Wunder sind möglich<br />
Arbeit und Struktur</p>
<p>25.3. 15:00</p>
<p>Forsythien und Teppiche von Blaustern auf dem Weg zum Plötzensee.</p>
<p>25.3. 18:07</p>
<p>&#8220;Lange Zeit schon will ich mich bedanken für das Frühstück im Hotel am Meer&#8221;, beginnt der Brief einer Frau, die ich nicht kenne, nie getroffen habe, nur vor sehr langer Zeit einmal bei Alexander Kluge sah und sofort in meinen ersten Roman hineinschrieb, wo sie dem betrunken heimkehrenden Protagonisten aus dem Fernseher heraus äußerst Charmantes und Gescheites über Proust zu sagen weiß. Zehn Jahre ist das nun her, und was für ein reizender Brief.</p>
<p>30.3. 18:00</p>
<p>Seit gestern sind die Gespenster zurück, die nach der letzten OP vor einem halben Jahr in meinem Sichtfeld aufgetaucht und dann bald wieder verschwunden waren. Damals Reizung des Hirns nach der Operation, jetzt Narbenbildung oder das Naheliegende.</p>
<p>Fußball, auch deshalb, Test, ob&#8217;s noch geht. Geht. Nicht gut, aber für eine Torvorlage reicht&#8217;s.</p>
<p>31.3. 15:36</p>
<p>Hagel und Schnee und Gewitter.</p>
<p>Die Arbeit am im November gestarteten Science Fiction aus Kompliziertheitsgründen seit langem abgebrochen. Stattdessen Isa, Roadmovie zu Fuß. Mit etwas Rumprobieren einen Ton gefunden, schreibt sich wie von selbst. Und praktisch: Kein Aufbau. Man kann Szene an Szene stricken, irgendwo einbauen, irgendwo streichen, irgendwo aufhören.</p>
<p>1.4. 19:30</p>
<p>Young Adult, Take Shelter, der Junge mit dem Fahrrad. Am Urteil der anderen merke ich, daß ich von allem viel zu begeistert bin, Kino schaltet mein Hirn komplett aus. Nach Take Shelter kommt es qua Einfühlung in den Protagonisten sogar zu einem kurzen Moment der Geisteskrankheit, als mir, während ich umständlich meine Jacke anziehe, plötzlich einfällt, daß in meinem Kopf ja auch etwas nicht in Ordnung war, ich mich aber ums Verrecken nicht erinnern kann, was. Dasselbe wie bei Michael Shannon? Was anderes? Gar nichts? &#8211; Ach nein, ach nein, ich weiß es wieder.</p>
<p>8.4. 3:02</p>
<p>Traum: Mit Philipp und Kathrin steige ich ein dunkles Treppenhaus hinab. Ein Geschoß über uns tritt Natascha aus einer Tür, als habe sie uns gerade verabschiedet, und sagt: Und übrigens, Robert ist tot. Das stimmt doch nicht, sage ich, und der flüsternde Ton meiner Stimme scheint mir sofort unangemessen in zweierlei Hinsicht. Erstens kann mich niemand hören, und zweitens weiß ich, daß Natascha mit so etwas nie scherzen würde. Ich renne die Stufen hinauf, gehe vor ihr in die Knie und umschlinge mit beiden Armen ihre Taille. Irritierenderweise ist ihr T-Shirt bis unter die Brust hochgeschoben. Natascha, flüstere ich, und die Situation bekommt etwas immer Unechteres, Theatralischeres durch mein Verhalten und den Klang meiner Stimme. Ich überlege, ob mein falsches Benehmen eine Folge meiner Erschütterung sein könnte, und weiß, daß die Vernünftigkeit dieses Gedankens sich selbst widerlegt. Natascha, wiederhole ich, aber sie ist mit in den Nacken gelegtem Kopf erstarrt, den Blick zur Decke erhoben, man sieht das Weiße in ihren Augen. Natascha, sage ich, Natascha, Natascha, Natascha, Natascha. Ratlos warte ich auf Kathrin und Philipp, die nicht erscheinen. Ich überlege, in die unbeleuchtete Wohnung hineinzugehen, in der, wie ich weiß, ein Computer stehen wird, auf dem ich im Internet nachschauen kann, ob Robert wirklich tot ist, denn woher sollte Natascha die Information sonst haben?</p>
<p>Dann hole ich das Macbook ins Bett, um den Traum sofort ins Internet zu schreiben.</p>
<p>9.4. 15:12</p>
<p>Der erste Brustschwimmzug des Jahres im Plötzensee. Schlüsselbein steht komisch hoch, sonst kein Problem.</p>
<p>15.4. 20:10</p>
<p>Recherche: Unter den Brücken von Helmut Käutner.</p>
<p>17.4. 21:46</p>
<p>Morgen MRT. C. ruft an, um zu sagen, daß ihr Vater die Nacht vielleicht nicht überlebt. Nein, du mußt nicht kommen. Nein. Bayern gegen Real. Anschließend Dokumentation über ugandische Kindersoldaten. Von Rebellen verschleppte Mädchen, die in einem Heim auf ihren HIV-Test warten. Ihr größter Wunsch ist es, eine Schule zu besuchen und lesen und schreiben zu lernen, ohne daß erkennbar wäre, warum. Nichts deutet darauf hin, daß es ihnen in ihren Dörfern etwas helfen würde. Ihren Familien sind sie entfremdet, Geister müssen ausgetrieben werden. Ein Mädchen möchte lieber zu den Rebellen zurück, in das ihr besser bekannte Leben. Jungen verbringen die Nächte auf den Straßen, wo es sicherer ist als in den Häusern, die immer wieder überfallen werden. Einem haben sie Nase und Lippen abgeschnitten. Er war zu unrecht bezichtigt worden, Soldat gewesen zu sein, und die Rebellen haben ihn an einen Baum gebunden und beide Ohren, Nase und Lippen abgeschnitten. Dann wurde eine Hand abgehackt. Er bat, ihm die andere zu lassen, um leben zu können, und sie haben sie auch abgehackt. Ich habe geweint, sagt er.</p>
<p>18.4. 9:39</p>
<p>Teetrinken, lesen und arbeiten an einem herrlichen Morgen mit blauem Himmel über der Zivilisation und den sich heute sehr stark materieähnlich gebärdenden, gelben Häusern vor meinem Fenster.</p>
<p>19.4. 14:11</p>
<p>Befund liegt dem Onkologen nicht vor, nicht auf dem Schreibtisch und auch sonst nirgends. Anruf beim Radiologen, dann verschwindet Dr. Vier Richtung Empfangszimmer, wo sich hinter drei freundlichen Empfangsdamen in weißen Kitteln für gewöhnlich das Faxgerät versteckt.</p>
<p>Ausblick über Berlin und die Plattenbauten. Ein Stethoskop. Ein oranger Notizblock. Eine grüne Kaffeetasse mit Teelöffel. Eine Brille, eine schwarze Tastatur, eine schwarze Schreibtischunterlage. Eine exotische Pflanze. Eine Blutdruckmanschette. Drei Stühle. Dunkelgrauer Nadelfilz. Ein bunter Porzellanelefant auf dem Boden. Das polierte Holz der Tischplatte, auf der Rücken an Rücken mit dem Arztrechner mein Macbook steht, in das hineingehackt wird. So, sagt Dr. Vier, setzt sich und liest. Aha, aha. Schrankenstörung, Strukturstörung, Balken, kennen wir ja. Leukenzephalopathie und immer wieder das Wort progredient. 5,3 Zentimeter hinten links, mehr oder weniger stabil. Besser geht&#8217;s doch kaum, behaupte ich. Dr. Vier widerspricht. Aber erstmal drei Monate? Ja, das wohl.</p>
<p>Und ab.</p>
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		<title>Fünfundzwanzig</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Mar 2012 10:31:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[22.2. 20:00 Immer die gleiche Überraschung, wie viele meiner Freunde und Bekannten Psychotherapeuten, Psychologen und Analytiker beschäftigen. Wann hat das angefangen? Und für was für Probleme? Die Ansicht, jemand, der einmal in der Woche ein anderthalbstündiges Gespräch mit mir führt, könne etwas über mich herausfinden, was ich, der ich seit vier Jahrzehnten mit mir zusammenlebe, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>22.2. 20:00</p>
<p>Immer die gleiche Überraschung, wie viele meiner Freunde und Bekannten Psychotherapeuten, Psychologen und Analytiker beschäftigen. Wann hat das angefangen? Und für was für Probleme? Die Ansicht, jemand, der einmal in der Woche ein anderthalbstündiges Gespräch mit mir führt, könne etwas über mich herausfinden, was ich, der ich seit vier Jahrzehnten mit mir zusammenlebe, nicht weiß, teile ich nicht. Glaube ich nicht. Läßt mein Stolz nicht zu. Außerdem hab ich keine Probleme.</p>
<p>23.2. 11:34</p>
<p>Eine Frau &#8211; ein Mädchen, muß man wohl sagen -, mit der ich zusammen die erste Klasse der Grundschule besuchte, schreibt mir, wie wir morgens den Weg oft gemeinsam gingen. Am Holunder vorbei, in dem eine Höhle war, in die die Bauarbeiter pinkelten, dahinter die alte Frau Naujoks, bei der man Erdbeeren pflücken durfte, das Haus, wo ein Kind wohnte, das man nicht kannte, Schuster Bonhof, die Eiche, Fußpflege Wagner und das Renault-Zeichen von Lüdemann &#038; Sens. Soweit ich mich erinnere. Dann die Broscheits, wo man lieber nicht zu nahe ranging.</p>
<p>Auch an das Mädchen erinnere ich mich, aber nicht an den gemeinsamen Weg zur Schule. Immer nur an den Rückweg. Sie hat bei Klever Kaugummi auf die Klingel geklebt, ihr Bruder bei Bretfeld Bumerangs geschnitzt.</p>
<p>25.2. 9:22</p>
<p>Lektüre: Agota Kristof, Cormac McCarthy, Goethes Hymnen, Müllers <a href="http://www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/gerta%20mueller.html">Interview</a> mit seiner Mutter, Psalm 88.</p>
<p>Kerouac: But then they danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I&#8217;ve been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes &#8220;Awwww!&#8221; What did they call such young people in Goethe&#8217;s Germany?</p>
<p>25.2. 9:28</p>
<p>Da ich ein Kind war,<br />
Nicht wußt&#8217;, wo aus, wo ein,<br />
Kehrte mein verirrtes Aug&#8217;<br />
Zur Sonne, als wenn drüber wär&#8217;<br />
Ein Ohr, zu hören meine Klage,<br />
Ein Herz wie meins,<br />
Sich des Bedrängten zu erbarmen.</p>
<p>Seit Nächten derselbe Traum: Ich bin doppelt, eine Art eineiiger Zwilling, Männer verfolgen mich, Türken, Männer mit Messern. Sie töten einen von uns. Der andere schaut zu. </p>
<p>25.2. 19:30</p>
<p>Die Kriegerin, altes Thema, bißchen schematische Nazis, aber die sind ja auch in Wirklichkeit gern mal schematisch. Und Alina Levshin als Hauptdarstellerin Wahnsinn. Selbst ein Dialogsatz wie &#8220;Warum erwiderst du meine Liebe nicht?&#8221;, der im Trailer noch nach Drehbuchversagen aussieht, wirkt in der Vergewaltigungsszene wie exakt der Vorabendserienquark, der einem beschränkten Hirn hier situationsangemessenerweise entfährt.</p>
<p>1.3. 19:00</p>
<p>Heute morgen Krankenhaus, Vollnarkose, keinen Arzt gesehen, abends nach Hause. Ein Stück Stahl, das in meiner Schulter war und aussieht wie eine in der Behindertenwerkstatt aus einem riesigen Nagel zusammengedrehte Büroklammer, in der Tasche. Schon im Aufwachzimmer, dann in der Tram und schließlich zu Hause liest C. aus dem Spiegel Georg Diez&#8217; zweiten Anlauf zu einer vier Seiten langen Selbstexekution vor: &#8220;Ich bin erschöpft von soviel Dummheit.&#8221;</p>
<p>Nachdem er vor Jahren bereits einmal völkische Tendenzen bei ausgerechnet Jens Friebe entdeckt hatte, kann ich das alles leider nur mit großer Schadenfreude betrachten.</p>
<p>4.3. 21:00</p>
<p>Sonnenschein, See. Abends zu Fuß zurück unter den überm Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal sehr hellen Venus und Jupiter. Ganz oben Capella, in den Sträuchern Sirius.</p>
<p>5.3. 19:31</p>
<p>Auf youtube einstündige Dokumentation Choosing to Die. Der alzheimerkranke Terry Pratchett begleitet den an Amyotropher Lateralsklerose leidenden Hotelier Peter Smedley zum Sterben in die Schweiz. Fahrt durch Zürich, häßliche Häuser, Baustellen, kahle Bäume. A lovely place.</p>
<p>Smedley trinkt Kaffee in einem schmerzlich genau einem Wohnzimmer nachgebildeten Raum, dessen Mobiliar und an den Wänden verteilte Blumen- und Landschaftsgemälde nicht weit über die Geschmacklosigkeit eines Arztwartezimmers hinauskommen. Rundum sehr entspannte Atmosphäre, der Papierkram kommt auf den Tisch. Yes, I&#8217;m sure. Yes. No, that&#8217;s fine. It all makes perfect good sense.</p>
<p>Eine Mitarbeiterin mit schulterlangem weißen Haar und rotem Schlabberpulli bringt etwas Magenberuhigendes, bietet eine weitere Tasse Tee an, Smedley lehnt ab. Schnitt. Man sieht die Frau Besteck abtrocknen in der Küche. Ein Dignitas-Mitarbeiter raucht auf dem Balkon. Schnitt.</p>
<p>Smedley mit Frau und Pratchett am Tisch: The next one ist the, is the, uh &#8230;</p>
<p>Smedleys Frau: The killer?</p>
<p>Oh, yes.</p>
<p>Smedley sucht eine Praline aus. Er erkundigt sich nach der Uhrzeit. Not that I&#8217;m in a hurry. But I&#8217;m just, uh, interested to know.</p>
<p>Sie setzen ihn aufs Sofa. Seine Frau setzt sich neben ihn. Frage, ob sie wirklich da sitzen will. No, I need some care, sagt Smedley. That would be the case. Sie küssen sich.</p>
<p>Peter Lawrence Smedley &#8211; die Dignitasfrau spricht die Formel im Tonfall eines Priesters bei der Trauung &#8211; are you sure that you want to drink this medicament with which you will sleep and die?</p>
<p>Yes, I&#8217;m quite sure. That&#8217;s what I want to do.</p>
<p>I give you the medicament. You&#8217;re sure?</p>
<p>I&#8217;m sure. Thank you.</p>
<p>Er nimmt das Glas mit der weißlichen Flüssigkeit, schaut einige Sekunden hinein und trinkt. Gibt das Glas zurück, die Frau stellt es ab. Hinter ihr auf der Fensterbank eine kupferne Blumengießkanne, an einem Kleiderständer ein verlassenes schwarzes Jackett. Jemand hält eine kleine Kamera ins Bild, um zu dokumentieren, was auf dem Sofa geschieht.</p>
<p>Smedley steckt das ausgewählte Stück Schokolade in den Mund, stöhnt, führt eine Hand unter sein Herz. Ghastly taste. Er trinkt etwas Wasser.</p>
<p>Die Kamera schwenkt über den Raum zu Pratchett, der den Kopf in die Hand gestützt hatte und sie jetzt herunternimmt.</p>
<p>Schwer zuzuordnende Stimme: Bye-bye.</p>
<p>Thank you for looking after me. I would like to thank everybody else. Thank you. First class, too.</p>
<p>Pratchett gibt Smedley die Hand. Taschentücher werden über Smedleys Schoß hinweg gereicht, seine Frau streichelt seine Finger. Be strong, my darling, sagt er. Just relax, sagt die Dignitasfrau.</p>
<p>Smedley hustet, sein Kinn wird abgewischt. Großaufnahme Pratchett, Smedley stöhnt im Off. Er verlangt nach Wasser. Das Wasser wird ihm verweigert. Die Dignitas-Mitarbeiterin hat einen Arm um seinen Kopf gelegt, hält ihn fest und streicht ihm übers Haar, während seine Hand sich vergeblich nach dem Glas ausstreckt. Smedleys Frau tupft sich ein Taschentuch unter die Nase und schaut in die andere Richtung. Smedley nuschelt Unverständliches, er knattert, er stöhnt, er grummelt. He&#8217;s sleeping now, erklärt die Dignitasfrau, very deep. No pain at all. He&#8217;s snoring, he&#8217;s sleeping very very deep. He feels in a unconsciousness, and then afterwards, uh, the breathing will stop. And then the heart.</p>
<p>Smedley, oder was er einmal war, sitzt umgesunken neben seiner Frau. Man hört ihn schnorcheln. Die Mitarbeiterin entfernt sich. Niemand verliert die Fassung.</p>
<p>That&#8217;s what he wanted. And he was ready to go. Yes. Now you are allowed to cry. Let it come out. It does you good. Everything you kept inside until now, let it out. </p>
<p>Am Küchentisch werden Formulare ausgefüllt. Der Blick durchs Fenster zeigt schneebedeckte Fichten.</p>
<p>5.3. 19:59</p>
<p>So will ich nicht sterben, so kann ich nicht sterben, so werde ich nicht sterben. Nur über meine Leiche. Der Film hat 8,4 Punkte auf IMDB, und lustig: &#8220;This review may contain spoilers.&#8221;</p>
<p>9.3. 13:17</p>
<p>Der Versuch, den immer wiederkehrenden vierzehntägigen Zyklus aus Frei- und Chemowoche tabellarisch zu untersuchen in den Kategorien Kopfschmerz, Schlafdauer, Fatigue, Arbeit und Epilepsie Querstrich Aura, hat sich als vergeblich erwiesen. Gearbeitet werden konnte praktisch immer, Wachheit und Stimmung korrelieren, wenn überhaupt, mit dem Erfolg der Arbeit, nicht mit der Einnahme der Medikamente, und gegen Arbeitsmüdigkeit hilft Arbeit. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Was einerseits schön ist. Andererseits scheint auch die Aura arbeitsgebunden.</p>
<p>Wurden die Anfälle zunächst durch optische, dann durch auditive Reize, durch Musik, laute Geräusche, Stimmen und Gespräche &#8211; insbesondere durch inhaltslose Gespräche, die dem Hirn formal das Signal gaben, daß hier ein Inhalt prozessiert werden müßte, der dann aber nicht prozessiert werden konnte, da er nicht existierte, was jedes Mal äußerst mühsam und das Gehörte immer wieder neu ordnend umständlich festgestellt werden mußte -, getriggert, ist es nun das Lesen, Schreiben und Sprechen selbst, das die sich im Hirn verhakenden, schlangenhaften, in sich selbst verbissenen, schleifenden Schleifen und Gedanken, die von anfänglicher Unsicherheit über Wirrnis bis zur Sprachblockade führen, hervorzubringen scheint. Punkt, neuer Absatz.</p>
<p>11.3. 23:06</p>
<p>Start in die Badesaison. Nicht geschwommen, linke Schulter nicht belastbar, aber immerhin schon im See gestanden und auch irgendwie gelegen, toter Mann gespielt, dann an den Steinstufen einarmig aus dem Wasser gestützt. Herrlicher Tag, acht oder zehn Grad, man riecht den Frühling. Bald werden die Bäume grün, lindgrün und maigrün und dunkelgrün vielleicht, aber lindgrün auf jeden Fall schon mal. </p>
<p>15.3. 12:52</p>
<p>Den wie immer auf englisch, wie immer mit einem Rhythmus oder einer Melodie unterlegt sein erscheinenden Text während des Status epilepticus erstmals zu fassen gekriegt, zuerst ein Wort, dann die ganze Zeile: I see a red door and I want it painted black. Nicht ganz so interessant, wie ich gedacht hatte.</p>
<p>18.3. 11:29</p>
<p>Die Zahl der Irren nimmt nicht zu, aber auch nicht gerade ab. Brief, Mail, Telefon, guten Tag, mein Name ist Cohn, ich bin Heilpraktiker. Ja, auf Wiederhören. Und wieder ist mein Tag unterbrochen, wieder ist meine Arbeit unterbrochen, wieder stehe ich in meiner Wohnung und weiß nicht, wo ich war. Ich wünsche ihnen allen Hirnkrebs an den Hals, auf daß sie sich ihr informiertes Wasser zu Testzwecken mal selbst ins Ohr spritzen dürfen, wahlweise an ihren von gesegneten Händen zusammengepanschten Natursäften ersticken, der halbe Liter zu hundert Euro. Und der Herr mit seinen christlichen Streifbandzeitungen steckt sie sich bitte auch in den Arsch. Ich bin kein Atheist, der missioniert werden muß. Ich bin überhaupt kein Atheist. Ich glaube, und wenn Sie mein Blog gelesen hätten, wüßten Sie das, nicht allein nicht an die Existenz eines Gottes in, über oder jenseits dieser Welt, ich glaube nicht an diese <em>Welt</em>. Das verstehen Sie nicht? Ja, sehen Sie, ich Ihren Quark ja auch nicht.</p>
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		<title>Vierundzwanzig</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Feb 2012 09:48:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
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		<description><![CDATA[21.1. 13:55 Michalzik entreißt Hünniger die Krone, Willmann nur noch unter ferner liefen. Bin kurz davor, hundert Euro auszuloben für jeden losen Faden, den ein Rezensent benennt und nicht nur behauptet. 23.1. 16:34 Telefonat mit K., die ein Oligodendrogliom hat und schon weiß, wo ihr Grab sein wird. Sehr vernünftig, sehr angenehm. Über das Treffen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>21.1. 13:55</p>
<p>Michalzik entreißt Hünniger die Krone, Willmann nur noch unter ferner liefen. Bin kurz davor, hundert Euro auszuloben für jeden losen Faden, den ein Rezensent benennt und nicht nur behauptet.</p>
<p>23.1. 16:34</p>
<p>Telefonat mit K., die ein Oligodendrogliom hat und schon weiß, wo ihr Grab sein wird. Sehr vernünftig, sehr angenehm. Über das Treffen der Selbsthilfegruppe: &#8220;Diese Hirnis sind ja alle völlig desorientiert.&#8221;</p>
<p>27.1. 14:14</p>
<p>Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.</p>
<p>28.1. 18:00</p>
<p>Als wir aus dem Kino kommen, liegen drei Zentimeter Schnee. Spannendste Verfolgungsjagd seit langem: Wie Ryan Gosling hinter dem Laster parkt und wartet.</p>
<p>29.1. 15:45</p>
<p>Spaziergang zum Plötzensee. Weiße Fläche, Mond darüber, rosa Nachmittag. Drei Setzrisse quer über den See, der Schnee rechts und links davon dunkel mit Wasser vollgesogen. Ganz vorn eine einzelne Schlittschuhspur, die zwischen verwirrtem Kaninchengehoppel dreißig, vierzig Meter weit auf den See führt.</p>
<p>1.2. 16:05</p>
<p>Der Befund zum gestrigen MRT ist noch nicht eingetroffen oder verlorengegangen und muß neu gefaxt werden. Im Durcheinander drückt die Schwester ihn zuerst mir in die Hand. Eine halbe Stunde Zeit, die zermanschten Buchstaben im Wartezimmer zu entziffern.</p>
<p>&#8220;Im Vergleich zur MRT-Voruntersuchung vom 20.10.11 besteht ein Z.n. Rezidivresektion eines Grad IV Glioms rechts parietooccipital mit einer unregelmäßig berandeten Resektionshöhle. Im umgebenden Randbereich sind in TIRM-Wichtung weiterhin diffuse Signalvermehrungen nachzuweisen, die im hinteren Balken über die Mittellinie nach links reichen bis links parietal. Im dorsalen Resektionsbereich rechts paramedian / parasagittal finden sich im Verlauf zum frühpostoperativen MRT nun geringflächige Schrankenstörungen bis insgesamt 15 mm axialen Durchmesser (im 43-81/169). Auch um die Resektionshöhle selbst diskrete randständige Schrankenstörungen. Diffuse Signalanhebungen im Marklager links periventrikulär, längerfristig sind diese eindeutig progredient. Bekannte unscharfe TIRM-Signalvermehrung links temporoparietal mit verplumpter Hirnoberfläche weitgehend konstant (maximal 6 cm), eine Schrankenstörung ist hier weiter nicht nachzuweisen. Mehrere kleinfleckige Marklageränderungen links parietal sind konstant. Das Ventrikelsystem ist mittelständig und gering asymmetrisch. Die internen und externen Liquorräume sind bis auf die Operationsregion sowie links temporoparietal normal weit. Z.n. erneuter osteoplastischer Trepanation rechts parietooccipital. Beurteilung: Gegenüber dem MRT-Vorbefund vom 20.10.11 finden sich nach Rezidivresektion eines Glioblastoma multiforme WHO IV° geringe Schrankenstörungen &#8230;&#8221; usw. usf.</p>
<p>Erster Eindruck: Katastrophe. Zweiter Eindruck: Nicht so gut, aber auch nicht allzu schlimm. Was mich bedrückt, ist das Wort Balken.</p>
<p>Dr. Sechs, der Dr. Vier vertritt, klickt sich durch die Bilder und wirkt unbeeindruckt. Irgendwas sei halt immer, und einem Radiologen eine klare Aussage abzuringen der Versuch, einen Wackelpudding an die Wand zu nageln. Diffus, suspekt und längerfristig progredient &#8211; egal. Blutbild okay, Therapie weiter wie gehabt.</p>
<p>4.2. 20:37</p>
<p>Meine Mutter (68) kündigt an, diesen Winter kein Eishockey spielen zu wollen wegen Arm kaputt. Nun steht der Vater allein mit dem Schläger auf der Kieskuhle, weil die dicken Kinder von Landau seit zwanzig Jahren immer weniger geworden und zuletzt ganz verschwunden sind.</p>
<p>Als ich Schlittschuh laufen lernte, sah es auf allen Seen noch aus wie seit hunderten von Jahren, wie auf Bildern <a href="http://www.google.de/search?client=opera&#038;rls=de&#038;q=avercamp&#038;oe=utf-8&#038;channel=suggest&#038;um=1&#038;ie=UTF-8&#038;hl=de&#038;tbm=isch&#038;source=og&#038;sa=N&#038;tab=wi&#038;ei=KKItT76xIMPetAbl64iBDQ&#038;biw=1246&#038;bih=599&#038;sei=LaItT4CoHcaVswbokLiYDQ">Averkamps</a>, und man mußte warten, bis einer vor Erschöpfung zusammenbrach, ertrank oder sein mit Isolierband nicht ausreichend umwickelter Schläger zersplitterte, damit man seinen Platz einnehmen konnte.</p>
<p>5.2. 14:30</p>
<p>Zehn Grad minus auf dem See, Forumstreffen. Schulter mittel, die nächste Goldkrone rausgebrochen, Mütze verloren. Das mit der Mütze bedrückt mich irgendwie am meisten.</p>
<p>11.2. 18:45</p>
<p>Tinker, Taylor, Soldier, Spy. Gary Oldman nicht erkannt, Colin Firth nicht erkannt. Eine Stunde lang versucht, die alten Männer auseinanderzuhalten. Aber toll. Funktionsabläufe, Funktionssprachen, Hierarchien, Sackgassen, Bürokratie, Berechtigungsscheine auf Aktentaschen, all das Armselige, Kleinkarierte und Erbsenzählerische der Realität, von dem der deutsche Krimi nichts wissen will. Lakonischer Agent über die Russen: &#8220;They worked me.&#8221;</p>
<p>14.2. 18:45</p>
<p>The Artist, hinterher Ines zu ihrer Familie ausgefragt. Zwanzig Kinder im Block, Spree nebenan, Schlamm und Dreck. Facebook ja, interessiert sie aber nicht.</p>
<p>Vor einiger Zeit schon mit Cornelius diskutiert, ob ein Stöckchen ins Wasser werfen, auf die andere Seite der Brücke rennen und auf das Stöckchen warten eine unersetzbare Lebenserfahrung ist, oder ob man mit dieser Ansicht bereits zum von der Welt und der Wii keine Ahnung habenden Kulturpessimisten wird. Wußten wir beide nicht. Einigkeit nur, wie wichtig dieses Stöckchen in unserer Biographie gewesen war.</p>
<p>15.2. 14:08</p>
<p>INTERESSANTES FÜR MEINE PATIENTEN ZUM MITNEHMEN</p>
<p>Brustkrebs<br />
Lungenkrebs<br />
Hautkrebs<br />
Darmkrebs<br />
Magenkrebs<br />
Hodenkrebs<br />
Blasenkrebs<br />
Krebs der Speiseröhre<br />
Krebs im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich<br />
Rachen- und Kehlkopfkrebs<br />
Krebs der Gebärmutter und Eierstöcke<br />
Fatigue bei Krebs<br />
Sport bei Krebs<br />
Kinderwunsch und Krebs<br />
Krebs bei Kindern<br />
Gehirntumoren<br />
Ihr Krebsrisiko<br />
Leukämie<br />
Multiples Myelom<br />
Krebs der Bauchspeicheldrüse<br />
Krebs der Leber und Gallenwege<br />
Hodgkin-Lymphom<br />
Strahlentherapie<br />
Hospiz- und Palliativberatung in Ihrer Praxis<br />
Hilfen für Angehörige<br />
Belle Madame<br />
Perücken<br />
Wigs</p>
<p>17.2. 14:14</p>
<p>Traum: Urlaub in Marokko, und mir fallen der Reihe nach die Goldzähne aus.</p>
<p>19.2. 10:20</p>
<p>Zwei Jahre.</p>
<p>73% derer, die Bestrahlung und Chemo hatten, sind tot, 90% derer mit Bestrahlung allein (UCLA, 2009).</p>
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		<title>Dreiundzwanzig</title>
		<link>http://www.wolfgang-herrndorf.de/2012/01/dreiundzwanzig/</link>
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		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 17:07:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[20.12. 13:36 &#8220;Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein.&#8221; Ja, gut. Aber mit seiner Prätention, seinem Mangel an Furcht vor Tabubrecherei, der Selbstinszenierung und dem Geplapper segelt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>20.12. 13:36</p>
<p>&#8220;Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird. Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein.&#8221;</p>
<p>Ja, gut. Aber mit seiner Prätention, seinem Mangel an Furcht vor Tabubrecherei, der Selbstinszenierung und dem Geplapper segelt Rousseau doch einige Galaxien weiter am uneinlösbaren Anspruch vorbei als der fast zeitgleich schreibende K.P. Moritz.</p>
<p>Ich erfinde nichts, ist alles, was ich sagen kann. Ich sammle, ich ordne, ich lasse aus. Oft erst im Nachhinein im Überschwang spontaner Selbstdramatisierung erkennbar falsch und ungenau Beschriebenes wird neu beschrieben, Adjektive getauscht, neu Erinnertes ergänzt. Aber nichts erfunden. Das Gefasel von der Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses und der Unzulänglichkeit der Sprache spar ich mir, allein der berufsbedingt ununterdrückbare Impuls, dem Leben wie einem Roman zu Leibe zu rücken, die sich im Akt des Schreibens immer wieder einstellende, das Weiterleben enorm erleichternde, falsche und nur im Text richtige Vorstellung, die Fäden in der Hand zu halten und das seit langem bekannte und im Kopf ständig schon vor- und ausformulierte Ende selbst bestimmen und den tragischen Helden mit wohlgesetzten, naturnotwendigen, fröhlichen Worten in den Abgrund stürzen zu dürfen wie gewohnt -</p>
<p>23.12. 19:00</p>
<p>Bei den Eltern. Mail eines anderen Glioblastoms, die ankündigt, die letzte zu sein.</p>
<p>Zwei Stunden im Regen spazierengegangen. Glasmoorstraße, Hofweg, Grüner Weg, wo ich vor 26 Jahren ging, in einer ähnlichen Nacht, Strommasten und Mond über mir, schreiend. Egal, alles entsetzlich egal.</p>
<p>24.12. 14:00</p>
<p>Die Bumerangs, die im Keller meines Vaters noch lagern, geworfen auf dem Sportplatz am Süd, wo ich auch Bretfeld zum letzten Mal begegnete. Fast alles über Tuning und Anstellwinkel vergessen, auch mit langem Rumprobieren nur die schlichtesten Geräte drei oder vier Mal gefangen. Nieselregen, böiger Wind.</p>
<p>Im kleinen Karree Fußball gespielt gegen meinen Vater, er gewinnt 20:19.</p>
<p>28.12. 19:19</p>
<p>Erinnerung: Mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Süd, wo ich jeden Dienstag das Mädchen, in das ich hoffnungslos verliebt war, aus der Ferne sehen konnte. Ich Handball, sie Volleyball. Sommerliche Wärme, große Aufregung, und dann plötzlich dieses Geräusch &#8211; Baustelle? Schutzblech lose? Zweig in den Speichen? Endlos lange Sekunden, um zu begreifen, daß das Klackern aus meinem Mund kam. Ich konnte die Zähne zusammenbeißen, dann war es weg, und wenn ich wieder locker ließ: Kastagnetten.</p>
<p>Schlotternde Knie, klappernde Zähne, markerschütternde Schreie: Der ganze Kosmos der Angst- und Panikreaktionen war mir immer viel weniger aus der Sprache, über die ich mir selten Gedanken machte, als aus Comics bekannt (Wasserpfütze zwischen den Füßen, Wackelstriche um die Knie, &#8220;klacker klacker klacker&#8221; neben den lose im Mund herumwürfelnden Zähnen), und mein Entsetzen, meinen Körper diese auf Entenhausen beschränkt scheinenden Phänomene unkontrolliert reproduzieren zu sehen, war jedesmal fast genauso entsetzlich wie das eigentliche Geschehen.</p>
<p>2.1. 2012 11:30</p>
<p>Nachsorgegespräch. Status epilepticus, Chemobrain, die offenbar nicht zu unterschätzenden Einflüsse der Psyche bei den durch Gabe von Zytostatika und noch lange nach der Gabe allein nicht erklärlichen Zustandsverschlechterungen des Krebspatienten.</p>
<p>Sie arbeiten? Dann arbeiten Sie weiter. Den ganzen Tag am Rechner? Was für ein Rechner? Macbook?</p>
<p>Sowohl mit dem Bildschirm als auch mit dem Zustand seines Patienten ist Dr. Badakhshi sehr zufrieden.</p>
<p>4.1. 22:36</p>
<p>Endlich wieder geschrieben, währenddessen die ganze Zeit Wulffs Selbstdemontage verfolgt.</p>
<p>Abends auf dem Weg von C. zu mir, aus der Burger-King-Ausfahrt hinter der S-Bahn Tiergarten kommt ein weißer Kleinwagen. Ich sehe ihn, ich könnte bremsen, aber mir scheint, er bremse auch, außerdem habe ich Vorfahrt. Doch er bremst nicht. Mitsamt Fahrrad und einer Drehung um die horizontale Achse schleudert es mich auf die Straße.</p>
<p>Nichts passiert, erster Gedanke, nichts gebrochen, elegant abgerollt.</p>
<p>Zwei Frauen steigen aus. Zusammen mit Passanten setzen sie mich auf den Bordstein. Ich spucke Blut, ich habe mir auf die Zunge gebissen. Sie wollen die Polizei rufen. Auf keinen Fall Polizei, keine Polizei, kein Krankenwagen, alles in Ordnung, sage ich, bestens. Ich will sofort weiter, den idiotischen Wulff in den Abendnachrichten sehen. Die Beifahrerin lacht die ganze Zeit hysterisch, hüpft über die Straße, faßt mich an und freut sich, daß mir nichts passiert ist. Ich bin so froh, ruft sie, ich bin so froh. Dann kommt die Polizei, man fährt mich ins Virchow-Klinikum. Ich kann das linke Bein nicht beugen. Reden Sie mit mir, sagt der Notfallmann. Wissen Sie, was ein Glioblastom ist? Nein, weiß er nicht. Er legt mir eine Halskrause an, ich schreie vor Schmerzen, er nimmt sie wieder ab.</p>
<p>Sieben Mal röntgen: Oberschenkel nicht gebrochen, nur riesige Prellung. Halswirbelsäule nicht luxiert, wie vermutet, dafür Schultereckgelenksprengung.</p>
<p>Nachts holt Lars mich ab, Gelächter (du schon wieder, hier schon wieder), und bringt mich zu C.</p>
<p>5.1. 14:33</p>
<p>Virchow-Klinikum will nicht operieren. Chemo, zu risikoreich, lohnt nicht mehr, behandeln wir konservativ. Arm ein paar Wochen fixieren, bleibt der eingeschränkt bewegungsfähig. Melden Sie sich morgen in unserer Sprechstunde.</p>
<p>Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich will das Handtuch werfen. Lange Diskussion mit C., dann Witze, dann Albernheit.</p>
<p>Anruf bei der Polizei. Ohne den Zettel mit der Vorgangsnummer, den ich beim Transport verloren habe, kann man nichts für mich tun. Sie können nicht rausfinden, wer mich da vom Fahrradweg gekegelt hat? Nicht ohne die Vorgangsnummer, die Ihnen gestern ausgehändigt wurde. Sie können das nicht sehen bei sich da? Nein. Himmel.</p>
<p>10.1. 18:21</p>
<p>Klinikum Friedrichshain operiert. Sonntag Einlieferung, fünf Stunden in der Aufnahme, Anfall, Stimmen, Licht. Montag OP, Aufwachzimmer, zwei Schmerzmittelinfusionen, eine dritte krieg ich nicht, weil ich angeblich schon zu atmen vergesse. Nachmittags über Boden und Schuhe gekotzt, Schwester läuft durch, die Nacht schweißgebadet und schlaflos. Dienstag ersten Arzt gesehen. In sechs Wochen kommt der ums Schlüsselbein gewickelte Draht in einer ebensolchen Operation wieder raus.</p>
<p>Normal lächerlich, normal alles aushaltbar, aber hier jeder kleinste Optimismus durchkreuzt vom Gedanken: Gesund entlassen sie dich in den Tod.</p>
<p>Drei Monate ohne Arm.</p>
<p>11.1. 19:00</p>
<p>Johann Holtrop, Johann Holtrop, Johann Holtrop. Cornelius, der die Nachricht überbringt, kann sich überhaupt nicht beruhigen. &#8220;Der charismatische, schnelle, erfolgreiche Vorstandsvorsitzende Dr. Johann Holtrop &#8230; Jahresumsatz &#8230; Boomzeit der 90er Jahre &#8230; schlechte Geschäftsergebnisse &#8230; unter Druck.&#8221;</p>
<p>Sätze wie &#8220;Zuerst kommt Holtrops Familie in den Blick, die der Schauplatz der reaktiven Depression nach der Entlassung ist&#8221; legen die Vermutung nahe, daß Goetz am Blurb wenigstens mitgewirkt hat. Suhrkamp peilt Juli an. Selten sah man Herrn Reiber ratloser. &#8220;Ein totaler Absturz ins wirtschaftliche Aus und das gesellschaftliche Nichts, so fürchterlich, wie sein früherer Aufstieg glorios gewesen war.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2012/01/Foto-am-11-01-2012-um-18.13.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2012/01/Foto-am-11-01-2012-um-18.13.jpg" alt="" title="Foto am 11-01-2012 um 18.13" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-2865" /></a></p>
<p>12.1. 14:02</p>
<p>Frisch aus dem Krankenhaus, Post von der Polizei: Frau Schmitz, die mich unter Zuhilfenahme ihres Autos über die Straße des 17. Juni geschossen hat, hat Anzeige gegen mich erstattet, tatsachenwidrige Schilderung des Unfallhergangs inklusive. Das mache man so, meint Steffi, auch als Zeichen an die eigene Versicherung, daß da wenigstens was versucht wurde.</p>
<p>Im Bett endlich eine Position gefunden, in der ich eine Weile ruhig liegen kann. Jede Nacht Alpträume, in denen ich nicht enden wollende Anfälle habe, vor meinen Freunden wegrenne, stumm bin inmitten italienischer Landschaften, aphasisches Erwachen.</p>
<p>13.1. 17:20</p>
<p>Meine entsetzliche Dankbarkeit, die dazu führt, daß ich mit Freunden spreche wie mit wohlgesinnten Behörden: Danke, danke nochmal, danke, vielen Dank.</p>
<p>14.1. 19:56</p>
<p>Zu Fuß den ganzen Weg zu C. gehumpelt, Fahrrad am Burger King abgeholt, fast unbeschädigt. Kette ab, Korb eingedetscht, Licht ist an und funktioniert, das hat der das Rad abschliessende Polizist hoffentlich notiert.</p>
<p>Einfahrt mit Schritten ausgemessen: Metallschiene der Burger-King-Ausfahrt, dann 8 m Gehweg, dann 2 m Fahrradweg (dort ich, vom Einsteinufer kommend in falscher Richtung), dann 3 m Gehweg, dann Strasse des 17. Juni.</p>
<p>19.1. 15:07</p>
<p>Das Unternehmen Carl Gross will mir einen Anzug schenken. Lustig. Vielleicht hätte ich mehr Zeit auf die Beschreibung des Alfa Spider verwenden sollen.</p>
<p>Der Hausarzt dokumentiert mein blauschwarzes Bein. Die zehn Kilometer zu C. und zurück jetzt trotzdem immer zu Fuß, auf der Flucht vor der Fatigue.</p>
<p>Seit Tagen werde ich die Melodie des deutschen Afrikakorps in meinem Kopf nicht los, medizinisch betrachtet ein Guido-Knopp-Schaden. Des Führers verwegene Truppen, vorwärts mit unserem Rommel. Immerhin singe ich nicht noch mit.</p>
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		<title>Zweiundzwanzig</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Dec 2011 16:55:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[20.11. 10:31 Der einfachste Weg zu gutem Stil: Sich vorher überlegen, was man sagen will. Dann sagt man es einfach, und wenn es einem dann zu einfach erscheint, kann das zwei Gründe haben. Erstens, die Sprache ist nicht aufgeladen genug von ihrem Gegenstand, oder der Gedanke ist so einfach, daß er einen selbst nicht interessiert. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>20.11. 10:31</p>
<p>Der einfachste Weg zu gutem Stil: Sich vorher überlegen, was man sagen will. Dann sagt man es einfach, und wenn es einem dann zu einfach erscheint, kann das zwei Gründe haben. Erstens, die Sprache ist nicht aufgeladen genug von ihrem Gegenstand, oder der Gedanke ist so einfach, daß er einen selbst nicht interessiert. In diesem Fall löscht man ihn. Was oft schwierig ist, denn das glaubt der Laie ja oft nicht, daß ihn die eigenen Gedanken nicht interessieren. Im anderen Fall schraubt man etwas rum, ist sich aber bewußt, daß mit Syntaxverkomplizierung und Thesaurus noch kein Text gerettet wurde. Wobei einfach jetzt nicht schlicht bedeuten muß. Wir alle kennen hochkomplizierte, verschachtelte Texte, die großartig sind. Aber solange man nicht bewiesen hat, daß man einfach kann, kann man auch nicht kompliziert. So sinngemäß mein Deutschlehrer in der fünften Klasse.</p>
<p>Jahre, nachdem ich die Schule verlassen hatte, fand ich einmal ein Aufsatzheft wieder, in dem Herr Suck mir seitenlang Stilfehler angestrichen hatte, plus Erklärung, wie es besser ginge, Kommentar insgesamt länger als der Aufsatz. Aber die Vier in Deutsch machte es mir schwer, ihn ernstzunehmen, und ich hielt ihn für das, wofür ihn die meisten anderen auch hielten: Einen aus dem Weltkrieg mit leichtem Tremor und permanentem Kopfschmerz zurückgekehrten, etwas irren Liebhaber von Literatur mit letalem Ausgang, einen Mann mit einem Faible für Schach und Marschmusik, der zitternd den Mittelgang auf und ab rannte, unaufmerksame Schüler mit ruckartigen 180-Grad-Drehungen und gebrüllten Fragen aus ihrem Mittagsschlaf weckte, der mit Tafelkreide warf, in der Sexta Kleist durchnahm und von Stil sprach. Der einzige Lehrer in meiner ganzen Schulzeit, der von Stil sprach. Und auch eine Ahnung hatte, wovon er da sprach, wie das Aufsatzheft beweist. Hätte ich auf ihn gehört, ich hätte zehn Jahre meines Lebens gespart.</p>
<p>Er starb, bevor mein erstes Buch erschien. Hat mich sehr geschmerzt.</p>
<p>Aber im Fünftklässler nur ein Gemisch aus Furcht, Verachtung und dem nicht faßbaren Gedanken: Wie einer leben kann mit einem permanentem Kopfschmerz, ohne sich umzubringen. In seinem Unterricht herrschte abolute Stille, wie bei sonst keinem.</p>
<p>Wobei, Fleischhauer. Da war es genauso still. Falls er zufällig noch lebt und ebenso zufällig hier mitliest: von Hammurabi über Solon bis zur Schlacht bei Leuktra kann ich das alles noch im Schlaf.</p>
<p>Erste Aufgabe in der ersten Geschichtsstunde meines Lebens: Wenn ein Jahr einem Zentimeter entspricht, wie lang muß ein Bandmaß sein, das die Dauer des Bestehens unseres Sonnensystems mißt? 45.000 Kilometer. Mehr als einmal um den Äquator.</p>
<p>Rechne aus: Die Länge der Strecke, die auf dem Bandmaß rot eingefärbt werden muß, um die Anwesenheit des Menschen auf diesem Planeten zu veranschaulichen? Zehn Kilometer. Erste Höhlenmalereien? Vor 300 Metern. Kreuzigung eines Mannes in Palästina? Zwanzig Meter. Dein eigenes Leben? Zehn Zentimeter.</p>
<p>Hätte mir damals einer gesagt, weitere 35 oder 36 kämen noch, was hätte ich getan? Hätte es mein Leben verändert? Die populäre, akademische, theologische und auch im Science Fiction gern und oft gestellte und immer wieder mit Nein beantwortete Frage, ob die Kenntnis des eigenen Todeszeitpunkts wünschenswert sei: Doch. Würde ich sagen. Doch, ist wünschenswert. Segensreich. Eine Belastung, aber eher ein Segen. Nicht für Kinder natürlich. Aber wenn machbar und mit Erreichen der Volljährigkeit: Besuch im Genlabor, dann ungefähr ausrechnen, dann planen, dann leben. Könnte man sich viel Quatsch ersparen.</p>
<p>20.11. 16:00</p>
<p>Mit C., Lars und Passig in Tyrannosaur, reiner Gewaltfilm, durchgeheult. Entweder stimmt mit mir was nicht mehr oder mit dem Kino, ich sehe nur noch gute Filme.</p>
<p>25.11. 12:21</p>
<p>Letzte Bestrahlung. Die dreiteilige Maske wird mir in einem Plastiktütchen mitgegeben, damit bei Bedarf weitergestrahlt werden kann.</p>
<p>Abschlußgespräch mit dem Arzt: Kein Schwindel? Keine Schmerzen, keine Nebenwirkungen? Nichts außer leichter Müdigkeit? Bei drei Antiepileptika, auf deren Beipackzetteln jeweils Müdigkeit an erster Stelle steht, vielleicht kein Wunder.</p>
<p>Und dann noch mal die Statistik, bitte?</p>
<p>Ja, wie gesagt, da zeigt das Bild so eine Linie, die langsam nach unten geht und dann immer weiter nach unten -</p>
<p>Ich meine, in meinem Fall jetzt speziell?</p>
<p>Nach fünf oder sechs Jahren Erfahrung mit dieser Methode, und dann machen Sie ja jetzt mit dem Temodal weiter, und bei Ihrem Alter und Allgemeinzustand, zehn bis zwölf Monate, würde ich sagen. In etwa.</p>
<p>Bis zum Tod oder bis zum Rezidiv?</p>
<p>Bis zum Rezidiv.</p>
<p>Das ist zuviel. Wenn man gern Gefühle hat, gegen deren Ausagiertwerden man nichts unternehmen kann, ist Hirnkrebs eine prima Sache. Den Arzt beeindruckt mein Herumgespringe wenig, der hat vermutlich schon anderes gesehen. Ich selbst hatte mir drei bis vier Monate zusammengegoogelt. Da könnte ich ja noch zwei Bücher schreiben, wenn ich wollte. Komischerweise will ich gar nicht mehr. Ich habe fast zwanzig Monate durchgearbeitet,  weil ich mußte. Jetzt muß ich nicht mehr. Also schreibe ich nicht mehr. Schon praktisch seit dem vierten November nicht mehr.</p>
<p>26.11. 18:00</p>
<p>Carnage, 8 Punkte. Ich mag das, wenn sie im Film so reden. Die Virtuosität, mit der eine friedliche soziale Situation unter vernünftigen, intelligenten Erwachsenen im Dialog über die Klippe geschoben wird, die technische Schwierigkeit, das glaubhaft zu machen. Hier und da holpert es, aber wie auch nicht, es wird ja das im Grunde Unmögliche versucht. Allein Waltz kann man alles in den Mund legen. Dieses sensationell schmierig-unschmierige Lächeln, während sich Winslet und Foster ohne Armefuchteln und Schreien längst nicht mehr zu helfen wissen. Woran erinnert das nochmal?</p>
<p>Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, mit fünfzehn oder sechzehn zum ersten Mal gesehen, prägender Film, wie man so sagt, unglaublicher Lichtblick damals, erster Ausblick auf eine von mir immer herbeigewünschte Zukunft. Die Vorherrschaft des Gedankens, die Geschwindigkeit des Denkens in einer Gesellschaft besoffener Zyniker, vom Ironieapparat  immer sofort wieder kassierte Sentiments und der gerade dadurch umso sichtbarer werdende, lächerliche und vielleicht auch wieder gar nicht so lächerliche Wille zum Drama, zum Pathos, raus aus der Konvention mit aller Gewalt, raus aus dem Leben, das ich bis dahin als einziges kennengelernt hatte, ein Astronom, der sein Teleskop zum ersten Mal in den Sternenhimmel richtet.</p>
<p>Film vor ein paar Jahren wiedergesehen, leider schlecht gealtert. Gegen das Gewollte und Unnatürliche der Eskalation können auch Taylor und Burton nicht anspielen &#8211; dachte ich &#8211; schrieb ich gerade. Zur Kontrolle einige Schnipsel auf youtube nachgeguckt, die Taylor, mein Gott, diese Stimme. Werd ich mir nochmal angucken müssen.</p>
<p>27.11. 13:00</p>
<p>Sonnigster November aller Zeiten. Trotzdem kalt, Baden mit Mütze. Wie schon die letzten Male der Schmerz im Nacken, der mich lähmt und nach einigen Metern umkehren läßt. Keine Ahnung, was das ist. Dem Restkörper macht die Temperatur nichts aus. Im Wasser stehen und hin und wieder untertauchen aber auch ganz schön.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/12/P1330872.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/12/P1330872.jpg" alt="" title="P1330872" width="500" height="548" class="aligncenter size-full wp-image-2329" /></a></p>
<p>29.11. 23: 49</p>
<p>Mit Kopfschmerzen erwacht, trotz Kaltduschen nicht aufgewacht, Tag im Bett verbracht, nichts gegessen. Zeitverzögerte Folgen der Strahlen vielleicht.</p>
<p>2.12. 20:00</p>
<p>Zwei Tore geschossen, eins mit der Hacke. Trotzdem unglücklich, sehe nur noch einen Korridor, Spielbewegungen gar nicht, zweimal mit Daniel zusammengeknallt. Auf dem dreihundert Meter langen Weg von der Halle bis zur Kneipe verlaufen.</p>
<p>5.12. 18:00</p>
<p>Thermen im Europa-Center, C., Julia, Holm, Ewers.</p>
<p>6.12. 16:30</p>
<p>Und was machen Sie jetzt? fragt Dr. Vier, dem ich Sand mitgebracht habe. Nichts. Was ich machen wollte, habe ich gemacht. Zwei Romane fertig, zwei weitere Romanruinen bleiben liegen. Ein Buch mehr oder weniger. Und die hoffnungsfroh mitgeteilte Zehnmonatsprognose des Strahlentherapeuten wird vom Gesichtsausdruck Dr. Viers auch nicht bestätigt. Könnte länger sein. Könnte auch deutlich kürzer sein.</p>
<p>Okay.</p>
<p>6.12. 19:45</p>
<p>Jane Eyre von Fukunaga. Gut, solide, aber meine Lieblingsszene fehlt, die niedrigste Instinkte befriedigende ausführliche Erhöhung Jane Eyres auf Kosten Miss Ingrams.</p>
<p>12.12. 22:11</p>
<p>250 mg Temodal, sieben Tage, dann sieben Tage frei und so weiter bis zum Ende. Oder bis das Knochenmark den Geist aufgibt, was vermutlich aufs selbe hinauskommt.</p>
<p>16.12. 13:14</p>
<p>Es schneit.</p>
<p>17.12. 14:26 </p>
<p>In meinen Mails fehlt hier und da das Wort &#8220;ich&#8221;, auch in Mails von anderen übersehe ich die drei fatalen Buchstaben immer mal. Keine Ahnung, was mein Gehirn da weiter rausmeldet. Ich hab&#8217;s ja begriffen.</p>
<p>Test, eins, zwei, drei, ich.</p>
<p>17.12. 19:45</p>
<p>Mit E. in Submarine. Immer noch die gleiche wie vor zehn Jahren. Kennt Depersonalisation als Folge schwerer Depressionen.</p>
<p>19.12. 12:49</p>
<p>Der nächste Schwachkopf in Nordkorea. Filmempfehlung: Team America.</p>
<p>Frisium 5 1-0-2<br />
Keppra 1500 1-0-1<br />
Lamotrigin 50 1-0-1<br />
Temozolomid 250 0-0-1</p>
<p>Die Halluzinationen im Sichtfeldausfall haben sich zurückgebildet, was nicht nur Vorteile hat. Ich laufe wieder vermehrt in Gegenstände, wo ich zuvor den Gespenstern ausgewichen bin.</p>
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		<item>
		<title>Einundzwanzig</title>
		<link>http://www.wolfgang-herrndorf.de/2011/11/einundzwanzig/</link>
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		<pubDate>Tue, 08 Nov 2011 09:18:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[21.10. 14:00 Zwei Tage nach der OP erster Spaziergang zum nahen Plötzensee, fast einmal rum. Keine große körperliche Schwäche, seelisch auch nicht. Das MRT zeigt keinen leuchtenden Saum, alles erwischt, was sichtbar war. 23.10. 16:00 Mit Freunden rudern auf dem See. Leider kann man mit den morschen Riemen nicht richtig durchziehen. Aber schön ist der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>21.10. 14:00</p>
<p>Zwei Tage nach der OP erster Spaziergang zum nahen Plötzensee, fast einmal rum. Keine große körperliche Schwäche, seelisch auch nicht. Das MRT zeigt keinen leuchtenden Saum, alles erwischt, was sichtbar war.</p>
<p>23.10. 16:00</p>
<p>Mit Freunden rudern auf dem See. Leider kann man mit den morschen Riemen nicht richtig durchziehen. Aber schön ist der Dunst am Ufer am Abend.</p>
<p>24.10. 7.12</p>
<p>Traum: Arbeit am Roman in einer Jahrhundertwende-Villa an der Ostsee. C., Lektor, Cornelius, alle da. Kurz vor Sonnenaufgang sehe ich eine Reihe nackter alter Männer und Frauen durch ein Tor hinter der Villa zum Strand hinuntergehen und im eiskalten Wasser baden. Sofort laufe ich zu meinen Freunden. Zwischen grauen Sandburgen stehen sie am Strand, trinken und feiern, in Gespräche versunken. Ein DJ legt auf.</p>
<p>Baden, rufe ich, man kann baden! Da taucht neben mir ein ganz in Schwarz, fast wie ein Schornsteinfeger gekleideter, hagerer Mann auf. Neben ihm sein kleiner, schweinsgesichtiger Junge, gekleidet wie der Vater. Beide strecken mir eine Hand entgegen. Wir kommen, Sie zu holen, sagen sie.</p>
<p>Die Plötzlichkeit ihres Auftauchens überrascht mich, und während ich noch überlege, ob aus der Formulierung des Holen-Kommens nicht auch ein Irgendwo-Hinbringen folgen müsse &#8211; im schlimmsten Fall in ein von mir immer abgestrittenes Jenseits &#8211; versuche ich, meine letzte Erkenntnis in die Welt hinauszuschreien: &#8220;Zwei Schwarze, sie kommen, und &#8230;&#8221; Aber meine Stimme ist schon auf stumm geschaltet. Noch stehe ich zwischen meinen Freunden, aber sie hören mich nicht mehr, ich bin für immer verschwunden im Dunkel.</p>
<p>In genau diesem Moment unterbricht die Morgenvisite den Alptraum. Die Fragen nach meinem Befinden kann ich nur stammelnd beantworten, der Stationsarzt fragt die Schwester: Ging es ihm sonst denn gut?</p>
<p>24.10. 15:00</p>
<p>Gespräch mit der Study Nurse, Möglichkeiten der Weiterbehandlung. Man bevorzugt Celebrex in Verbindung mit niedrig dosiertem Temodal, metronomisches Schema. Ich sehe die Urlaubsbräune auf ihrem Knie und denke: Ich will noch mal ans Meer.</p>
<p>24.10. 17:10</p>
<p>Dann mit dem Rad zu C. Das Davonstehlen aus dem Krankenhaus hier etwas einfacher als im Friedrichshain.</p>
<p>Der Alptraum vom Morgen hängt mir immer noch nach. Ich erzähle ihn C., vermutlich der einzige Mensch, der weiß, was in mir vorgeht; Natascha vielleicht auch. Und, wenn ich das richtig gelesen habe in ihrem Gesicht, die Study Nurse. Berufserfahrung.</p>
<p>25.10. 13:30</p>
<p>Strahlentherapeut Dr. Badakhshi, der wirkt, als ob er Studien zum Frühstück ißt, möchte mir stereotaktisch weitere 50 Gray zu den 60 Gray vom letzten Jahr noch hinzustrahlen in dreizehn Portionen à 3,8 Gray. Nicht großflächig diesmal, sondern mit einem Saum weniger Millimeter um das entfernte Rezidiv herum. Empfehle wegen Nebenwirkungen kaum einer, nur zwei Stellen in Deutschland, er sei eine davon. Nekrosen: klar. Aber Nekrosen sind für Muschis, so Badakhshi sinngemäß. Auf ein paar Millimeter mehr oder weniger komme es bei einem Hirn wie meinem jetzt auch nicht mehr an.</p>
<p>Ein Arzt, der offenbar gern bestrahlt. Und da ich ein Patient bin, der gern bestrahlt wird, sind wir uns rasch einig. Außerdem neigt er zum Temodal-one-week-on-one-week-off-Schema wie mein Onkologe auch.</p>
<p>25.10. 19:00</p>
<p>Besuch Joachim.</p>
<p>26.10. 16:24</p>
<p>Entlassung. Sage, daß mich jemand abholt und fahre mit dem Fahrrad nach Hause. Brötchen kaufen, Postkasten leeren.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/11/Foto-am-29-10-2011-um-10.40-4.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/11/Foto-am-29-10-2011-um-10.40-4.jpg" alt="" title="Foto am 29-10-2011 um 10.40 #4" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-2298" /></a></p>
<p>Als Folge der OP scheint sich mein Sichtfeld noch einmal verkleinert oder verändert zu haben. Dort, wo vorher nichts war, ist jetzt wieder etwas. Etwas Falsches allerdings. Persistierende Bilder, teilweise von der Gegenseite rübergespiegelt. Mal sieht es aus wie eine Wasserpfütze, die neben mir dahingleitet, dann wieder, als könne ich durch den Boden ins Untergeschoß sehen. Und von X-Ray-Man zu Moron Man ist es nur ein winziger Schritt. Einmal stehe ich an der Ampel, und auf der anderen Straßenseite, perspektivisch verkleinert, eine Frau. Im nächsten Moment ist sie lebensgroß an meiner Seite, und als ich loslaufe, geht sie fünf, sechs Schritte neben mir her. Mit der linken Hand wedle ich die Gespenster weg.</p>
<p>Vorteil Berlin: Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur Mittelfeld.</p>
<p>26.10. 16:59</p>
<p>Aus juristischen Gründen steht im Impressum meines Blogs meine Postadresse mit dem Zusatz &#8220;Keine Anfragen&#8221;. Keine Anfragen, für alle, die Schwierigkeiten haben, das zu verstehen, bedeutet: Keine Anfragen.</p>
<p>Wenn Sie sich von mir Antworten auf Fragen erhoffen, schreiben Sie mir nicht. Ich habe keine Zeit. Wenn Sie sich für den einzig richtigen Regisseur für die Verfilmung von Tschick halten, wenn Sie sich beschweren wollen, daß ich auf Ihren letzten Brief nicht reagiert habe, wenn Sie mir (es geht um Leben und Tod) das abermalige gründliche Studium Ihrer Website anraten, welche empfiehlt, getrocknete Apfelsinenkerne zu essen, mein Handy gegen ein Festnetztelefon auszutauschen, Energiesparlampen in Kopfnähe auszuweichen: Schreiben Sie mir nicht. Wenn Sie durch Ryke Geerd Hamer, grünen Tee und Himbeeren geheilt geworden sind, wenn Sie einen frankierten Briefumschlag beilegen wollen, wenn Sie Jesus oder achtundzwanzig andere namenlos bleiben müssende Exzellenzheiler kennen und schätzen gelernt haben: Freuen Sie sich an Ihrem Glück. Ich freue mich mit Ihnen. Aber schreiben Sie nicht. Und wenn Sie einem einstündigen Beitrag des Qualitätssenders ARD zur besten Sendezeit entnommen haben, daß Handauflegen nun kraniosakrale Therapie heißt und von Schulmedizinern erfolgreich gegen Hirnkrebs eingesetzt wird: Verlangen Sie Ihre GEZ-Gebühren zurück. Aber schreiben Sie nicht. Und schreiben Sie mir vor allem nicht, wenn Sie irre sind.</p>
<p>Sie sind irre, wenn Sie vor 1993 geboren sind und der Brief, den Sie mir schicken wollen, mehr als zwei DIN-A4-Seiten umfaßt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent. (Das traurige, fehlende Prozent ist ein Strafgefangener &#8211; Spanien, Drogen, 9 Jahre &#8211; der mir auf Grund einer Verwechslung schreibt. Grüße und viel Glück an dieser Stelle, aber ich war nie in Spanien.) Aber alle anderen Mentalhypnotiseure, Naturkostler, Homöopathen und Kokovoristen: Sparen Sie sich die Mühe. Um mir klarzumachen, daß Sie mein Blog nicht gelesen haben, gibt es subtilere Methoden, das mitzuteilen: Durch Schweigen zum Beispiel.</p>
<p>Wenn Sie hingegen mit dem Begriff &#8220;irre&#8221; nichts anfangen können, kann ich es für Sie auch noch einmal blumiger ausdrücken: ICD-10, F70-79. Persönliche Kennzahl suchen Sie sich. Danke für die Aufmerksamkeit.</p>
<p>26.10. 17:30</p>
<p>Und jetzt keine Mißverständnisse, bitte: Ich bekomme gerne Post. Mehr als neun Zehntel meiner Post kommt von Nichtirren. Freundliche Grüße aus Südamerika, Hongkong und Marzahn-Hellersdorf. Ein Familienfoto mit Rollstuhl in der Mitte, eine Einladung aus der Deutschen Botschaft in Kigali (&#8220;wenn Sie mal Urlaub in Ruanda machen&#8221;), ein Brief aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt &#8211; freut mich alles wahnsinnig. Hat mich wahnsinnig gefreut. Nur daß mir leider auch hier die Zeit zum Antworten fehlt. Danke nochmal.</p>
<p>26.10. 19:45</p>
<p>Melancholia, zehn von zehn Punkten. Und noch einen Zusatzpunkt fürs Happy End: Groß und grün und strahlend. So ist das, genauso. Noch nie so erlebte Übereinstimmung zwischen filmischer und subjektiver Realität. Urteil deshalb möglicherweise getrübt.</p>
<p>Aber einmal mit Charlotte Gainsbourg auf einer Terrasse sitzen, über kegelförmig geschnittene Bäume aufs Meer schauen und frühstücken. Oder noch besser stehen. Richtig Gainsbourg ist Gainsbourg ja erst, wenn sie steht.</p>
<p>28.10. 14:03</p>
<p>Natasha Little singt Purcell.</p>
<p>29.10. 16:00</p>
<p>Sonnenschein, Plötzensee, Stendhal. Drei oder vier Mal weht der Hauch mich an, die ersten Male kann ich ihn niederkämpfen, dann, während ich mit Julia im Restaurant sitze, Anfall. Auslöser die Musik im Hintergrund, Reggae, Textschleife.</p>
<p>Meine Haltung zerbröselt.</p>
<p>Aura, Aurora, wußte ich gar nicht, daß das zusammenhängt. Die Göttin der Morgenbrise, der Hauch, der Windhauch.</p>
<p>Schwer zu beschreiben. Hauch ist schon nicht ganz falsch, ein Windhauch im verängstigten Gehirn.</p>
<p>Am schlimmsten der Hall auf der Stimme, die sich selbst reproduzierenden Textbausteine, die ich für meine Gedanken zu halten geneigt bin.</p>
<p>Weht der Wind zu lange, folgen Depersonalisation und Derealisation. Dann schwindet alles dahin. Kein Ich, kein Ding, kein Gefühl. Was nicht anstrengend ist. Anstrengend ist das sich anschließende Wiedermaterialisierenmüssen, der graue Geschmack der Baumwipfel am Abend.</p>
<p>Seit zwei Wochen suche ich nach besseren Worten, vergeblich. Vielleicht, weil im zu beschreibenden Moment kein Beschreiber mit dabei ist.</p>
<p>Man steht am Eingang zur Hölle, sieht Feuer und Flammen, spürt keine Wärme und kratzt sich am Kopf.</p>
<p>Sehr korrekte und umfassende Schilderung der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Depersonalisation#Symptome">Symptome</a> auf Wikipedia.</p>
<p>29.10. 16:22</p>
<p>Dabei erstes klares Gefühl von Ich-Verlust in diesem Blog ja schon im Mai 2010, über ein Jahr vor dem ersten Anfall. Damals, wenn ich das richtig erinnere, noch eine Frucht angestrengten Nachdenkens.</p>
<p>Und noch früher: Beim Exorzismus mit Cornelius, als die Personalpronomen &#8220;ich&#8221; und &#8220;mich&#8221; um keinen Preis aufs Papier wollten.</p>
<p>30.10. 11:40</p>
<p>Interviewanfrage eines Journalisten, der einen Bericht vom Tod seiner Schwester anfügt. Lese ihn mit großen Unterbrechungen. Zum ersten Mal ein Eindruck davon, was das hier für eine Zumutung für meine Angehörigen und Freunde darstellen muß. Lange darüber nachgedacht, das Blog abzustellen. C. schüttelt den Kopf.</p>
<p>31.10. 6:50</p>
<p>Der Windhauch treibt mich schon vor Praxisöffnung zum Neurologen. Als ich nicht mal mehr das Wort Depersonalisation aussprechen kann, schiebt er mir eine Packung Kleenex rüber. Nächster Versuch:</p>
<p>Frisium 10 1-1-1<br />
Keppra 1500 1-0-1<br />
Lamotrigin 25 0-0-1</p>
<p>Neben einer langen Liste üblicher Nebenwirkungen listet Lamotrigin  die originelle Aussicht auf Tod durchs Lyell-Syndrom auf.</p>
<p>31.10. 11:15</p>
<p>In der Revisionsfassung hat ein externer Korrigierer an absolut entscheidender Stelle &#8220;Sieben&#8221; statt &#8220;Siebzehn&#8221; in den Text eingetragen, Primzahlenzerlegung. Lektor angerufen: Nicht da. Verlag angerufen: Druckmaschinen laufen seit heute morgen. Zusammenbruch.</p>
<p>Fünf Minuten später Rückruf, ein zweiter Externer habe es noch bemerkt und die Zahl in letzter Sekunde in die Siebzehn zurückverwandelt.</p>
<p>4.11. 15:45</p>
<p>Zwei Tage ohne Anfall, ohne Aura. Ob die neue Sicherheit in dieser Welt medikamenteninduziert oder nur eingebildet ist, egal. Neue randomisierte placebokontrollierte Studien scheinen die Wirkung des Lamotrigins bei Depersonalisation nicht zu bestätigen.</p>
<p>Heute morgen den nächsten Roman begonnen, Arbeitstitel: Mercer 5083. Science Fiction. Material gesichtet und zusammengekloppt, 55.000 Zeichen. Noch mal so viel, und es geht vielleicht als Novelle durch. Passig, der ich das Projekt vor zwei Jahren schon einmal gezeigt hatte, nannte es &#8220;reine Scheiße&#8221;. Und nennt es noch heute so.</p>
<p>&#8220;Roadmovies nie verstanden, spätestens nach drei Kapiteln weiß man, da kommt nichts mehr&#8221; war ihr Urteil zu den Plüschgewittern. &#8220;Warum schreibst du sowas?&#8221; zum Van-Allen-Gürtel, &#8220;auch nicht schlimmer als Plüschgewitter&#8221; zu Tschick. Und zu Sand: &#8220;Der Mittelteil ist Mist, dann wird es ganz gut.&#8221;</p>
<p>Und jetzt also reine Scheiße. Das sind selbst für Passig harsche Worte.</p>
<p>Aber irgendwas muß ich ja machen. Ich kann hier nicht rumsitzen. Noch zwölf rezidivfreie Wochen, und das Ding könnte fertig sein.</p>
<p>4.11. 20:00</p>
<p>Zum ersten Mal wieder Fußball in der Halle in Marzahn.</p>
<p>6.11. 20:00</p>
<p>Grizzly Man von Herzog. Wie Herzog der Frau am Ende rät, die Kassette mit den Schreien der von Bären gefressen werdenden Treadwell und Huguenard zu verbrennen: &#8220;Das dürfen Sie sich niemals anhören.&#8221; Kein Bild, kein Ton, nur der Gerichtsmediziner, der erklärt, was seiner Meinung nach auf dem Band zu hören gewesen war. Der Mann, der die Frau bittet, wenigstens sich selbst zu retten, das Gebrüll, und wie die Frau dem Bären mit der Bratpfanne auf den Kopf haut. Völlig wahnsinniger Film.</p>
<p>Als ich noch in Nürnberg studierte, hörte ich einmal in der Nacht einen Schrei, der mir durch Mark und Bein ging. Ich öffnete das Fenster und lauschte in Dunkelheit und Stille. Jemand, der es auch gehört hatte, rief die Polizei. Uniformierte stiegen in den Park hinunter, fanden aber nichts. In der Zeitung am nächsten Tag stand auch nichts. Nie wieder etwas Vergleichbares gehört; aber daß man einen bestimmten Schrei tatsächlich nicht mit den Ohren, sondern mit den Knochen hört, wußte ich bis da auch noch nicht. Mark und Bein.</p>
<p>8.11. 13:30</p>
<p>Erste von dreizehn Bestrahlungen à 3,8 Gray. Dreiteilige Maske, die den Kopf fixiert, zuletzt ein weißes Netz, das die Nase plattdrückt und das Öffnen der Augen verunmöglicht. Millimetergenau festgeschnallt auf einem per Fernbedienung herum geschwenkt werdenden Metalltisch. Trügen die Assistentinnen noch kleine Lederpeitschen, wäre man rechtschaffen verwirrt.</p>
<p>Im Gegensatz zum Clinac 3 macht Novalis nur unspektakuläre Geräusche. Woher das Gerät seinen Namen hat, kann mir keiner sagen. So bahnbrechend waren Novalis&#8217; naturwissenschafliche Entdeckungen dann ja auch wieder nicht. Etymologie? De novali, die Neuland roden? So kann man den Vorgang im Hirn da natürlich auch nennen.</p>
<p>Die von den Strahlen in freie Radikale gespaltenen Wassermoleküle zerschneiden die DNS in den Zellen, wodurch weitere Teilung verhindert wird. Da gesunde Hirnzellen sich beim Erwachsenen ohnehin nicht teilen, egal. Nur die Krebszellen, nicht wahr.</p>
<p>8.11. 15:45</p>
<p>Zweimal mit den Tagesthemen telefoniert. Nach meinen schlechten Erfahrungen zuletzt verlange ich eine Zusicherung, daß sich das Interview ausschließlich um Literatur drehen wird. Kein Problem. Das ist man mir auf Anfrage sogar schriftlich zu geben bereit. Und kein Schnittmaterial, ich fahre keine Rolltreppen rauf und runter: Auch kein Problem. Nur ein Studio, zwei Sessel, der Interviewer und Sie &#8211; und man darf mich für naiv oder vollkommen verblödet halten, aber erst in diesem Moment wird mir klar, worauf das hinausläuft. Denn selbstverständlich wird es eine Off-Stimme geben, und daß die Off-Stimme keinen klagenfurtporträtähnlichen Unfug wie &#8220;armer Hirnkranker schreibt sein letztes ergreifendes Buch&#8221; verzapft, kann und will man mir nicht garantieren. Weder schriftlich noch sonstwie. Zweimal fällt der Satz, man sei ein hochseriöser Sender, ein Qualitätsmedium, Herr Herrndorf, Sie kennen uns, wo kommen wir denn hin, wenn der Betroffene jetzt den Beitrag über sich selbst rückkontrolliert? Sowas hat man ja in hundert Jahren Öffentlich-Rechtlichem noch nicht gesehen! Stellen Sie sich vor, ein Politiker würde -</p>
<p>Ja, der hat aber auch ein Anliegen.</p>
<p>Sie haben auch ein Anliegen, Sie wollen Bücher verkaufen.</p>
<p>Ja. Nein. Jedenfalls nicht so dringend, daß ich dafür die hier diskret und offenbar für die meisten Journalisten zu diskret gezogene Grenze zwischen Blog und Marketing plattmachen würde. Danke und auf Wiederhören.</p>
<p>Überflüssig zu erwähnen, daß in der Qualitätsredaktion bis jetzt noch keiner das Buch durchgelesen hat.</p>
<p>Wieder zwei Stunden Lebenszeit sinnlos vertan. Jetzt ist endgültig Schluß. Dann doch lieber gleich RTL Explosiv, die müssen sich wenigstens nicht den ganzen Tag vormachen, einem vor Jahrzehnten schon in die Tonne gekloppten Rundfunkauftrag zu genügen.</p>
<p>Und jetzt Werbung.</p>
<p>9.11. 10:39</p>
<p>Erstmals im Auge des Drehkopfs der Maschine das in der Bleiabschirmung von beweglichen Lamellen gebildete Loch gesehen, in dem ich die mir vom MRT genau bekannte Form meines Rezidivs erkenne.</p>
<p>Während die Kanone um den Kopf herumwandert, höre ich, formen die Bleilamellen den zum dreidimensionalen Rezidivgebilde immer genau passenden Umriß, plus eines Sicherheitssaumes von einigen Millimetern, Abweichung maximal 0,7 Millimeter. Alles erfunden und konstruiert von einem Tier, das vor noch nicht langer Zeit damit beschäftigt war, Neandertalern mit Keulen die Schädel zu zertrümmern.</p>
<p>9.11. 11:30</p>
<p>Hinter dem Hochnebel die Sonne, eher ein Mond. Ausreichend kalt, meine Lieblingsbank auf dem Invalidenfriedhof unbesetzt zu finden. Einige Laubzusammenharker, einige Tote, ein Polizeiboot, das den Kanal hinunterfährt.</p>
<p>10.11. 14:38</p>
<p>&#8220;Mir fiel dazu ein: Die Medien sind der Stammtisch der Nation. Zu dem Atheisten fiel mir ein: Er hat keine Ahnung. Wer sagt, es gebe Gott nicht und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung.&#8221; Walser in der FAZ. Ich weiß nicht, warum der Mann mich immer so strapaziert. Nie ein Buch von ihm gelesen, aber jedes Interview eine Riesenstrapaze: &#8220;Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem &#8216;bekennenden&#8217;, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir.&#8221;</p>
<p>Über Gräber vorwärts! ruft von Seeckt von hinten mit einer Handvoll Dreck im Mund, und statt der siebenjährigen Elisabeth von Kottulinsky (1767–1774), die sich selbst nicht äußern will, spricht der Stein: Ein Kind guter Hoffnung, ihre Seele gefiel Gott wohl, darum eilte er mit ihr aus diesem bösen Leben, und versetzte sie frühzeitig, in die ewige Freude, und Seeligkeit.</p>
<p>C. sucht immer noch und immer wieder nach einer Wohnung für mich. Fünfter Stock, hell, Laminat, 2 bis 3 Zimmer, Dachterrasse. Toll, wenn man plötzlich Geld hat. Und deprimierend, was soll ich mit einer Terrasse? Es kommt kein Sommer mehr. Dazu die Formalitäten, der Bürokratiequatsch, die verlorenen Tage. Hier in meinem Hinterhofloch weiß ich wenigstens, wo alles ist. Sogar die Dusche funktioniert jetzt.</p>
<p>12.11. 20:05</p>
<p>Daß die Kunst, Rezensionen ohne Inhaltsangabe zu schreiben, so gut wie ausgestorben ist, daß alle Plot points mehr oder weniger kleinkariert der Reihe nach aufgelistet werden müssen &#8211; geschenkt. Aber daß es jemand schafft, den MacGuffin im ersten Satz zu verraten, Wahnsinn. Im ersten Satz. Hut ab. Respekt.</p>
<p>Auf der letzten Buchmesse, auf der ich war, kam ein Radio in Form zweier Frauen auf mich zu. Ihr erster Satz war, sie hätten das Buch nicht gelesen, und ihr zweiter, ob ich für die Hörer eine kurze Inhaltsangabe einsprechen könne. Als ich erklärte, Inhalt habe mich nie interessiert, guckten sie, als hätte ich versucht, ihr Auto mit Wasser zu betanken.</p>
<p>&#8220;Fatalerweise hat sich das Feuilleton dieser Form – nennen wir es besser Literaturbesprechung, denn Literaturkritik findet ja kaum noch statt – stilistisch und personell weitgehend angepasst. Man hat sich in den Redaktionen für eine Inflation von Starporträts in farbigen Bildern, eine Deflation von Kritik und die Renaissance des Adjektivs entschieden. Man schreibt nicht ausgehend von Problemstellungen, sondern von Themen und Persönlichkeiten oder ganz schlicht den eigenen Befindlichkeiten. Wichtig sind das Leben, die Individualität oder Geschichte eines Künstlers oder Genres. Das führt zu einem motivierten und intimen Verhältnis zwischen dem Schreibenden und dem von ihm Beschriebenen. Die Titelgeschichten handeln nicht mehr von den Konstruktionen der Literatur, sondern von Fame- und Fangeschichten. Der Journalist trifft den Autor, Künstler oder Schauspieler. Das ist schon der ganze Text. Den Anekdoten fügt man eigene Anekdoten hinzu. Meet &#038; Greet. Oft hat man den Eindruck, dass der Wille zum Interview die festangestellten oder freien Fragesteller so sehr beherrscht, dass sie ganz vergessen haben, was sie eigentlich fragen wollten.&#8221; (Harun Maye)</p>
<p>13.11. 17:15</p>
<p>Cronenberg, A dangerous method. Jung, Freud, Spielrein. Hingerissen von den Bildern, Jungs zunehmendem Schwachsinn, Freude an meiner eigenen gedankenlosen Konsumentenhaltung. Und schon wieder Viggo Mortensen nicht erkannt. Nach Herr der Ringe und Eastern Promises der dritte Film, wo Lars mir hinterher erklären muß, wo Mortensen war.</p>
<p>17.11. 17:00</p>
<p>Halt auf freier Strecke von Dresen, Geschichte eines Mannes mit Hirntumor, die mich, wie ich dachte, nachdem ich den Trailer gesehen hatte, kaltlassen würde. Zu weit ab vom eigenen Erleben.</p>
<p>Der Film beginnt mit einem Fehler: Mit nichts weiter als dem MRT in der Hand diagnostiziert der Arzt ein Glioblastom. Aber dramaturgisch natürlich völlig richtig: Denn sofort ist man drin, in der Hölle.</p>
<p>Lars, Marek und Julia neben mir, Cola und Snickers in den Händen, und dann erscheint auf der Leinwand der Wartesaal mit den roten Metallsitzen, auf denen ich wenige Stunden zuvor selbst noch gesessen und gewartet habe. Virchow-Klinikum, Südring 5, Untergeschoß. Die Ärzte sind Ärzte, die Schwestern sind Schwestern. Novalis dreht sich um Milan Peschels Kopf herum, und dann einmal ganz unter dem Metalltisch hindurch. Interessant. Kriegt man unter der Maske gar nicht mit.</p>
<p>Schlimmste Stelle: Der Besuch der Eltern direkt nach der Diagnose. Um Normalität bemüht, nehmen sie auf dem Sofa Platz und schildern die Herfahrt im Auto, eine ihnen den Weg versperrende Baustelle, die Schwierigkeiten, um die Baustelle herumzufahren, die glücklicherweise ausgezeichneten Autofahrfähigkeiten des Vaters usw. usf.</p>
<p>Ich habe es bisher immer vermeiden können, meinem Gegenüber mitten im Gespräch den Rücken zuzuwenden und schreiend wegzulaufen oder ihm ins Gesicht zu schlagen, aber daß das auch in Zukunft so bleibt, kann ich nicht garantieren. Ich sterbe, und du erzählst mir ungefragt deinen ganzen nicht enden wollenden, langweiligen Lebenslauf, Mädchen auf irgendeiner Party.</p>
<p>Ein Bekannter, der den Befund kennt, spaziert zur Tür herein und erklärt, was für riesige Fortschritte die Medizin in den letzten Jahren gemacht hat, Schwester, Brustkrebs, was die jetzt schon alles können, wirklich erstaunlich, das wird schon wieder. Und dann gute Besserung.</p>
<p>Ja, dir auch.</p>
<p>Und keiner stellt eine Frage. Keiner von diesen Herumschwallern stellt eine einzige Frage.</p>
<p>Janko, den ich kaum kenne, der beide Eltern durch Krebs verloren hat, kommt jedesmal beim Fußball auf mich zu und fragt, wie&#8217;s mir geht. Und dann sage ich, gut geht es mir, weiter nichts, und das ist eine solche soziale Wohltat, einfach die Meldung, daß er weiß, was da ist, daß da was ist, und daß ich weiß, daß er es weiß, und mehr braucht es gar nicht.</p>
<p>&#8220;Das Gute an diesem Film ist, dass er so scheiße ist, dass er einen überhaupt gar nicht erst berührt&#8221; schreibt ein Rüdiger Suchsland in der FAZ. Vielleicht auch mal das Hirn untersuchen.</p>
<p>Man kann sich, wie gesagt, allerdings auch Melancholia angucken, und nähert sich dann dem, was Dresen objektiviert, schlicht von der anderen Seite.</p>
<p>19.11. 15:13</p>
<p>&#8220;Ein herrlicher Ball!&#8221; sagte er zum Grafen. &#8220;Nichts fehlt hier.&#8221;<br />
&#8220;Es fehlt der Sinn&#8221;, gab Altamira zur Antwort.</p>
<p>19.11. 23:51</p>
<p>Mit Kathrin in Cheyenne, guter Film, dann trauriges Gespräch über unsere Urlaube in Fuerteventura und Sizilien, die ich so toll fand und sie, wie sich jetzt herausstellt, scheiße. Oder mein Verhalten, meine Asozialität in der zwanghaften Arbeitsfixierung, das Gestöhne vor dem Rechner den ganzen Tag und mein von mir selbst offenbar nicht bemerktes Desinteresse an allen anderen. Aber haben alle anderen nicht auch den ganzen Tag in ihre Rechner geschaut? Versucht, Klarheit über Mail zu bekommen, wie immer gescheitert.</p>
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		<title>Zwanzig</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Sep 2011 17:14:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[22.9. 23:59 &#8220;Heiliger Vater verursacht Ungläubigem epileptischen Anfall.&#8221; Schlagzeile, die man in der morgigen BZ vermutlich nicht lesen wird. Seit Tagen schon ist jeder Gullideckel auf dem Weg zur Mensa mit Metallstreifen versiegelt. In der Hannoverschen Straße das Haus der Deutschen Bischofskonferenz, ein Gebäude, das mir in all den Jahren nur aufgefallen ist, weil dort [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>22.9. 23:59</p>
<p>&#8220;Heiliger Vater verursacht Ungläubigem epileptischen Anfall.&#8221; Schlagzeile, die man in der morgigen BZ vermutlich nicht lesen wird.</p>
<p>Seit Tagen schon ist jeder Gullideckel auf dem Weg zur Mensa mit Metallstreifen versiegelt. In der Hannoverschen Straße das Haus der Deutschen Bischofskonferenz, ein Gebäude, das mir in all den Jahren nur aufgefallen ist, weil dort für gewöhnlich sehr breithüftige Männer in hochunmodischen Stoffhosen ein- und ausgehen und weiter nichts.</p>
<p>Jetzt die ganze Straße gesperrt, Polizei winkt mich zur Seite, bei Subway kann man mit Mensacard nicht zahlen, zurückrasen, Geld holen, essen, Mittagsschlaf fällt aus. Dann Versuch, zwischen kreischenden und blinkenden Polizeikonvois zur AOK durchzukommen, denn wenn man am Hirn operiert werden soll und möglicherweise nur noch eine zweistellige Zahl von Tagen zu leben hat, muß unbedingt ein Tag damit verbracht werden, sich ein rosarotes Papier vom Arzt ausstellen zu lassen, das dann auf die AOK-Geschäftsstelle gebracht und abgestempelt werden muß, wo dreißig Leute in einem stickigen Wartesaal warten und durcheinanderreden &#8211; Stimmen, Lichter, Piepsen, Baustellengeräusche &#8211; nächster Anfall. Draußen auf einer Bank versuche ich zu verstehen, was mir die Stimmen diesmal auf Englisch sagen. Papst töten? Den Nachbarn? Mich? Zerschossene Grammatik. Schließlich kommt eine freundliche AOK-Mitarbeiterin mit dem gestempelten Papier zu mir heraus.</p>
<p>Daß eine Gesellschaft es sich leisten kann, eine Millionenstadt einen Tag lang lahmlegen zu lassen durch den Besuch eines Mannes, der eine dem Glauben an den Osterhasen vergleichbare Ideenkonstruktion als für erwachsene Menschen angemessene Weltanschauung betrachtet, erstaunlich. Und herzlichen Dank. In hundert Jahren kennt dich kein Mensch mehr, römischer Irrer. Mich schon.</p>
<p>Wie Manie und Größenwahn sich zuverlässig zurückmelden, wenn mir der Arsch auf Grundeis geht. Zwei Seiten Beschimpfungen gelöscht wg. unoriginell.</p>
<p>23.9. 16:35</p>
<p>Versuch eines ruhigen Tages. Keine Arbeit, mittags Mensa, dann Schlaf. Dann Bumsmusik meines Nachbarn, dann Anfall.</p>
<p>23.9. 18:00</p>
<p>Kein Arzt erreichbar, Wochenende. Fußball. Mitspieler Daniel (HNO) ruft einen befreundeten Intensivmediziner an, der telefonisch zur Benzodiazepin-Erhöhung rät, da ich mit dem Keppra praktisch an der Grenze bin.</p>
<p>Drei Tore geschossen, aber in der Überzahlmannschaft. Keine Befriedigung. Immerhin: keine motorischen Defizite.</p>
<p>24.9. 13:32</p>
<p>Zum Nachbarn runter. Wie so oft öffnet er nicht. Aber die Musik wird leiser. Als ich wieder oben bin, wieder lauter. Ein, zwei Stunden kann ich mit Ohrstöpseln dasitzen, dann tut der Kopf weh und ich muß flüchten vor den Stimmen, die sich an den Rändern einnisten.</p>
<p>24.9. 15:55</p>
<p>Thermoskanne eingepackt, Badehose, Goetz&#8217; Klage, Rot und Schwarz.</p>
<p>Lieblingsgestalten der Weltliteratur: Julien Sorel.</p>
<p>In der Nähe der Fennbrücke gibt es eine Wiese, wo es ganz still ist. Und eine Bank, wo man sitzen kann wie alte Leute. In Ufernähe gebadet.</p>
<p>24.9. 21:45</p>
<p>Nächster Anfall trotz 20 mg Frisium. In der Nacht erwacht mit der gestammelten Zeile &#8220;Weser, Unterweser&#8221; auf den Lippen, keine Ahnung, ob Anfall oder nur Alptraum.</p>
<p>25.9. 14:00</p>
<p>Je höher die Dosis, desto wackliger. Traue mich nicht nach Hause wegen Nachbar und übernachte bei C. Nachmittags kein Anfall, aber ständig die Ahnung einer Ahnung. Zerrüttet mich.</p>
<p>25.9. 15:30</p>
<p>Liege am Plötzensee am Strand in der Sonne. C. und Lars stehen etwas abseits, und ich kann sehen, worüber sie sprechen.</p>
<p>Joachim hat Sand zur Hälfte gelesen und stellt die Frage, die ich mir auch schon lange gestellt habe: Was ist denn das nun eigentlich? Der Verlag hat es mal Richtung Thriller gelabelt, aber es ist ein weites Feld zwischen Unterhaltungs-, Schund- und Gesellschaftsroman, von Thor Kunkel bereits mäßig erfolgreich beackert.</p>
<p>26.9. 07:57</p>
<p>Drei Minuten vor der Öffnung der Praxis am Montagmorgen sitze ich bei Dr. Fünf vor der Tür. Sofort werden die Schutzschilde hochgefahren: Keppra 3000, Frisium 30.</p>
<p>28.9. 17:09</p>
<p>Leichtes Schwanken.</p>
<p>&#8220;Das sind die Löcher in der Kausalität. Es ist der fehlende Übergang von Ursache zu Wirkung. An diesen Stellen klafft das ganze Universum auf.&#8221; (Vogl-Interview zu Moby Dick)</p>
<p>29.9. 12:57</p>
<p>Musik. Gehe zum Nachbarn und schlage vor, ihn umzubringen. Oder die Musik leiser zu drehen. Eine friedliche Möglichkeit, eine unfriedliche. Biete an, wenn es am Geld liegen sollte, ihm die teuersten, drahtlosesten, luxuriösesten Kopfhörer zu schenken, die es gibt. Aber er will gar keine Kopfhörer. Die störten auf dem Kopf, und er wolle einfach nur seine Bumsmusik hören.</p>
<p>29.9. 18:30</p>
<p>C. sagt, sie habe keine Lust, mich im Gefängnis zu besuchen. Aber juristisch keine Gefahr, glaube ich. Maximal Klapse, und da ist es wenigstens ruhig. In den letzten Tagen oft mit Sehnsucht an den kleinen ziegelummauerten Hof gedacht, wo man mit freundlichen Irren Frühlingsblumen gucken, Dostojewskij lesen und Tischtennis spielen konnte.</p>
<p>1.10. 21:00</p>
<p>Die Sensation überwiegt die Konzeption, sagt Julia über Leben und Blog und händigt mir den Schlüssel zu dem Räumen der Foucault-Gesellschaft aus, damit ich ungestört arbeiten kann. Irgendeine obskure Soziologenvereinigung.</p>
<p>3.10. 10:19</p>
<p>Letzte Nacht angekommen, Julia und ihre Schwester kurz zu Besuch, Kathrin, fast wie Urlaub. Sitze jetzt im Schaufenster in der Manteuffelstraße und arbeite. Lese Xenophon und überlege, das bescheuerte Berkéwicz-Zitat in Sand durch ein ebenso bescheuertes von Sokrates zu ersetzen.</p>
<p>Foucault und der andere philosophische Jahrhundertmüll an den Wänden sagt mir wenig, aber die Dimension der Teekanne spricht eine klare Sprache: Hier wird gedacht, ordentlich gedacht, ein Denken in die richtige Richtung. Zwei-Liter-Teekanne, Stövchen, Darjeeling der Teekampagne. So und nicht anders geht Geist.</p>
<p>3.10. 12:09</p>
<p>Allerdings auch ein ein wenig staubiger, wenn nicht gar schmutziger Geist, wider den jetzt mit der Vampyrette mal entschieden gegen angegangen werden muß.</p>
<p>3.10 13:33</p>
<p>Lese meine eigenen Dialoge und stelle fest, daß ich das Mißverständnis für das Wesen der Kommunikation halte. Es werden Fehler gemacht, und die Fehler führen zu allem. Man könnte auch Zufälle sagen, aber das Wort Fehler ist mir lieber. Ich halte den Roman für den Aufbewahrungsort des Falschen. Richtige Theorien gehören in die Wissenschaft, im Roman ist Wahrheit lächerlich. Das Unglück, die neurotische Persönlichkeit, das falsche Weltbild, das falsche Leben. Das richtige Leben, das in den Abgrund führt. Das Böse. Die Zeit.</p>
<p>5.10. 21:59</p>
<p>Doku auf 3sat über André Rieder, psychisch Kranker, der sich mit Hilfe von Exit in der Schweiz das Leben nimmt. Wie zu erwarten, geht es ihm am besten von allen, Freunde und Bekannte leiden. Kein schlechter, aber auch kein guter Film. Das Entscheidende zeigen sie nicht.</p>
<p>In der anschließenden hochvernünftigen Diskussion &#8211; hochvernünftig in dem Sinne, daß in der ganzen Runde kein Trottel sitzt, was ich so im Fernsehen, glaube ich, überhaupt noch nicht gesehen habe &#8211; fällt das Wort Voyeurismus. Den man hätte vermeiden wollen. Vielleicht der einzige fragwürdige Satz. Denn warum nicht hingucken?</p>
<p>Eine halbe Stunde soll er gekämpft haben mit seinem Pentobarbital (falls es Pentobarbital war, nicht mal das sagen sie). Wobei es kein Kampf gewesen sei, wie die Gegenseite entgegnet, da von Beginn an bewußtlos. Die Frage, ob und inwieweit im Rahmen wissenschaftlicher Studien da schon Hirnstrommessungen etc. gemacht wurden, bleibt ausgespart.</p>
<p>5.10. 22:19</p>
<p>Das Wort Pietät für mich immer eine ähnliche Leerstelle wie Ehre oder Seele. Im Zusammenhang mit dem Tod sowieso absurd. Auf die Gefühle der Angehörigen muß Rücksicht genommen werden, klar, aber sonst? Ist der Vorgang nicht mindestens genauso interessant wie das umgekehrt oft so genannte Wunder des Lebens?</p>
<p>Erinnerung an den Mittelstufen-Geschichtsunterricht, Französische Revolution, die Terrorherrschaft: Das ganz und gar Unfaßbare, Unmenschliche der johlend, essend und strickend dem Schauspiel folgenden Masse.</p>
<p>Heute säße ich in der ersten Reihe, vermute ich, und ich glaube nicht, daß es Unmenschlichkeit wäre, die mich dazu triebe, sondern dasselbe, was mich in der neunten Klasse uneingestandenermaßen auch schon beschäftigte: Die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassende Darstellung der unbegreiflichen Nichtigkeit menschlicher Existenz. Im einen Moment belebte Materie, im nächsten dasselbe, nur ohne Adjektiv.</p>
<p>Und Pietät mein Arsch. Wenn mit Lebenden einmal so pietätvoll umgegangen würde wie mit Toten oder Sterbenden oder wenigstens ein vergleichbares Gewese drum gemacht würde.</p>
<p>Das Schlimmste in den letzten Jahren für mich immer: Die zusammengeschrumpelte, achtzig- oder neunzigjährige Frau zwischen Chaussee- und Invalidenstraße, ein kleines Becherchen vor sich auf dem Trottoir, durchaus nicht verwahrlost wirkend, keine mitgeführten Plastiktüten, vermutlich nicht mal obdachlos. Entschließt sich zu ihrer Tat, wenn ich das richtig sehe, nur sehr unregelmäßig und im Abstand einiger Wochen, wenn das Hartz IV oder was auch immer verbraucht ist.</p>
<p>Für gewöhnlich gebe ich Bettlern nichts, wenn ich nicht Portemonnaie oder Münzen griffbereit habe, aber wegen dieser Frau mußte ich schon einige hundert Meter zurücklaufen, die zieht mir völlig den Stecker. Vor allem das Gesicht, wo man sieht: unverschuldet, Altersarmut, unterste Hölle.</p>
<p>Bin mit meiner Argumentation noch nicht ganz am Stammtisch angekommen, aber die Unterkante wird schon sichtbar.</p>
<p>6.10. 15:30</p>
<p>Passig und Gärtner in meiner Küche zum Lektorat. Die beiden verbünden sich sofort gegen mich, schon nach kurzer Zeit führen sie mit 8:1 bei den Änderungen, gutes Zeichen, daß ich wie in jeder Schlußkorrektur wieder versucht habe, die alten und falschen von mir selbst längst mehrfach als falsch erkannten Varianten in veränderter Form wieder einzubauen. Raus damit, raus, alles raus.</p>
<p>Drin bleiben auf Wunsch des Autors verschiedene Anachronismen, Unwahrscheinlichkeiten, eine Enallage. Früher hätte mir alles vom fehlenden Komma bis zum Logikfehler schlaflose Nächte beschert, ich hätte mindestens noch einen Fluglotsenstreik eingebaut, um die drei fehlenden Tage, die Michelle braucht, um dem Polen im Flugzeug begegnen zu können, zu erklären. Aber heute: scheiß drauf.</p>
<p>Richtige Fehler, falsche Fehler. Wenn der 23. August 1972 ein Dienstag war: Katastrophe. Wenn an diesem Tag die Sonne schien, obwohl sie nicht schien: egal.</p>
<p>Moleskine, Inflektiv, Schnupperpreise, ja ja, ja. Alles egal. Mit einigem anderen haben sie mir den Perfektionismus rausoperiert.</p>
<p>Viel größeres Problem: Daß die Handlung keiner kapiert. Drei von fünf Lesern konnten den Amnestiker bisher nicht identifizieren, was etwa ist, als verriete ein Krimi den Mörder nicht. Und das ist keine Absicht. Riesige Verschwörungstheorien auffahren, Fäden ins Leere laufen lassen und am Ende keine Lösung haben, ist weder originell noch postmodern, sondern einzig und allein ein mächtiger Schmerz im Arsch.</p>
<p>Wahnsinnig Mühe darauf verwendet, alles wie ein Uhrwerk abschnurren zu lassen, aber Riesenproblem für jemanden, der noch nie richtig geplottet hat: die Informationsdosierung. Was sagt man dem Leser, um ihn auf die falsche Fährte zu locken, was sagt man, damit er das Gegenteil von dem annimmt, was man ihm zu insinuieren versucht, was sagt man am Ende überhaupt? Für Marcus eine zehntausend Zeichen lange Inhaltsangabe verfaßt, damit er durch den Dschungel findet.</p>
<p>Dafür neuer Witz: Die von Joachim vorgeschlagene Primzahlenzerlegung in den letzten Kapiteln.</p>
<p>7.10. 19:50</p>
<p>Nachmittags Rowohlt, Manuskript mit den letzten drei übersehenen Fehlern persönlich zum Verlag gefahren. Dort Gunnar Schmidt und zufällig auch Fest, den ich noch nicht kannte. Lustiges Gespräch über die Sportsfreunde der Sperrtechnik. Der Sohn ist Lockpicker.</p>
<p>Vom Verlag zum Fußball gerast und so gut gespielt wie lange nicht.</p>
<p>8.10. 2011 15:07</p>
<p>Arbeitsfreier Tag. Schätzungsweise der erste Tag seit zwanzig Monaten, an dem ich arbeiten könnte und es nicht tue. Alles fertig. Foto und Klappenzitat abgestimmt, die Schrift auf dem Cover wird noch ausgetauscht. Foto auf Wunsch des Autors mit abgewandtem Blick.</p>
<p>Tee trinken, Stendhal lesen, bißchen Blog, abwaschen, Wäsche machen, Staubsaugen.</p>
<p>Beim Aufräumen letztes Tagebuch entdeckt, das der Vernichtungsaktion entgangen war, begonnen am 28. Mai 2004, letzter Eintrag vom 17. Dezember 2009:</p>
<p>&#8220;Herrn Dames Aufzeichnungen von Reventlow. Schöne Beschreibung des Kosmikerkreises zu Beginn, die Aufbruchstimmung, das Mulmige der Gesellschaft. Die Libertinage, die so fortgeschritten ist, daß sie sich selbst nicht im geringsten erwähnenswert findet und ohne Abgrenzung gegen ein Außen auskommt. Alles im Netz zu Reventlow parallel gelesen, Fotos geguckt, Stationen ihres Lebens, Husum, Kloster Preetz &#8211; Lesegefühl wie in meinen Zwanzigern, wo ich zuletzt Heine, Dostojewskij, Storm auf diese Weise las. Der Roman flaut ab gegen Ende, zerstreut sich ins Tagebuchartige, aber die Melancholie der untergegangenen Bohème rührt mich sehr. Draußen erster Schnee liegengeblieben. Calvin auf seinen Brief nach einem Jahr noch immer nicht geantwortet. Arbeit hängt. Fühle mich wie eingesargt. Sehe niemanden. Nachts Panik.&#8221;</p>
<p>Und ab in den Müll.</p>
<p>8.10. 19:56</p>
<p>Auf dem Weg zu C. kleiner epileptischer Anfall, fünf Minuten, steige nicht mal mehr vom Rad. Innovation: Holms Stimme sagt Unterweser auf, im Chor dahinter Philipps Stimme.</p>
<p>9.10. 20:35</p>
<p>Mit Handschuhen und Mütze zum Plötzensee, zwanzig Minuten gebadet. Lars und Marek dabei. Lange fröstelnd in der Sonne, fast wie nach dem Schlittschuhlaufen früher. Steffi und eine Kanne Heidelbeertee.</p>
<p>Die Zeitspanne, in der ich in die Zukunft denke, oft keine zehn Sekunden mehr, teilweise regrediert auf den Gemütszustand eines Fünfjährigen. Und nicht nur den Zustand, auch das Benehmen. Da fahre ich mit dem Fahrrad das Nordufer entlang und freue mich wahnsinnig über Bäume und Autos und Licht. Dann taucht am Ende der Straße eine Kreuzung auf &#8211; und dann? Oh, ein neuer Weg! Mit neuen Bäumen, Autos, Licht. Weitere zehn Sekunden bis zur BEHALA Westhafen &#8211; und dann? Was kommt dann? Und so geht das Schritt für Schritt.</p>
<p>10.10. 7:30</p>
<p>Aufnahme im Virchow zum FET-PET. Bürokratie, noch mehr Bürokratie, endloses Herumgeirre. Haus 3, Haus 2, dann in den Fahrstuhl, in den 2. Stock, dann aus dem Fahrstuhl raus rechts, da ist eine Sitzgruppe, da anmelden. Name, Karte, Geburtsdatum, Größe, Gewicht, Vorbefunde? Wasser können Sie sich nehmen. Und da gehen Sie jetzt mal zu den Radiologen auf der anderen Straßenseite. Da lang. Nein, da lang. Den ganzen Tag.</p>
<p>Für jemanden mit Orientierungsschwäche ein ziemliches Problem. Fünfmal hintereinander kriege ich erklärt, auf welcher Seite des Fahrstuhls ich aussteigen muß, von wo aus gesehen da rechts ist, zuletzt drückt man für mich schon mal den Knopf mit der Doppel-0 und dreht mich an den Schultern in die richtige Richtung. Guten Tag, Dr. J., guten Tag. Und da warten Sie jetzt mal.</p>
<p>Wartebereich PET-CT</p>
<p>Radiologisches Zentrum</p>
<p>Feuerwehr!</p>
<p>Gefahrengruppe 1</p>
<p>Abklingraum mit Kühlzelle</p>
<p>01.01.25</p>
<p>31,41  m²</p>
<p>Entrauchung Anl. 9</p>
<p>Leichenkühlraum K-138</p>
<p>Scheibe einschlagen</p>
<p>Knopf tief drücken</p>
<p>Während die radioaktive Lösung in mich reinläuft, macht die Ärztin mir Hoffnungen. Ich wedle imaginäre Insekten von mir fort, nichts Hoffnungsmachendes, bitte, ich verliere sonst das Gleichgewicht. Habe mich mit dem Elend abgefunden und weiß, was es ist. Sieht ja jeder Laie.</p>
<p>Und das ist es dann auch. Also zweite GBM-OP.</p>
<p>Dann zurück zur Anmeldung, dann in die Kardiologie. Noch an ungefähr fünf weiteren Stellen Name, Alter, Größe, Gewicht und Vorbefunde. Zwei Stunden Wartezeit vor der Anästhesie, wir streiken gerade. Vielleicht wollen Sie da drüben was essen? Und in die Diagnostik müssen Sie auch noch: Alkohol, Zigaretten, Ernährung, Einkommen, ledig oder nicht? Alter, Gewicht und Größe nicht vergessen. Alles streng durchanonymisiert, wir erforschen nur, wie die Lebensumstände den postoperativen Verlauf beeinflussen. Und ob die Höllenbürokratie der präoperativen Phase den auf irgendwelchen mit August-Macke-Bildern zugekleisterten Krankenhausfluren halbtot hängenden Patienten in irgendeiner Weise schwächt, erforschen wir dann vielleicht in der nächsten Studie.</p>
<p>Es ist eine ganz sonderbare Verzahnung von hochmoderner Supertechnologie, Windows-98-Rechnern und einer aus dem 19. Jh. stammenden Buchenholzzettelkastenverwaltung, die einen jede Sekunde in den Wahnsinn treibt. </p>
<p>Schon mal Drogen genommen? &#8220;Nein&#8221; kann ich guten Gewissens nicht ankreuzen. Sofort spuckt der Rechner tausend Folgefragen aus, die erforschen wollen, wie sehr ich meinen Angehörigen mit meiner unkontrollierten Kokssucht auf die Nerven falle, was ich dagegen zu unternehmen gedenke und wie meine Einstellung zu frischem Obst ist. Bitte schieben Sie den Regler auf eine Zahl zwischen 1 und 5.</p>
<p>Name: Wolfgang Herrndorf<br />
Größe: 183<br />
Gewicht: 80<br />
Status: ledig<br />
Geschlecht: männlich<br />
Einkommmen: riesig</p>
<p>Alles gewissenhaft verschlüsselt unter der Kennziffer GG4674. Wenn man mir bitte mal bei nächster Gelegenheit einen Chip mit meinen persönlichen Daten unter die Haut schießen könnte.</p>
<p>Zurück in der Anästhesie beantworte ich die Fragen nach Größe, Alter und Gewicht zum letzten Mal für heute. Dann versuche ich den Weg zur Station allein zurückzufinden. Man darf sich von den häßlichen roten Bildern nicht täuschen lassen, richtig sind die häßlichen orangen.</p>
<p>OP-Termin nächster Mittwoch. Und jetzt nach Hause.</p>
<p>11.10. 13:46</p>
<p>Noch einmal das seltsame immer wieder und m.E. immer gleich während des Anfalls im Kopf herumgehende Lied durch Aufschreiben festzumachen versucht:</p>
<p>under while längst<br />
sonder surprised</p>
<p>Von Klang und Rhythmus her nicht weit entfernt von &#8220;An der Weser, Unterweser&#8221;. Aber keine Ahnung. Ich krieg&#8217;s nicht raus.</p>
<p>Falls doch nochmal irgendwas wie &#8220;Jesus Christus hat die Welt erlöst&#8221; erkennbar wird, melde ich mich wieder.</p>
<p>12.10. 14:44</p>
<p>Tschick jetzt Schullektüre auf Costa Rica, Bilder einer blauuniformierten Klasse, die unter Palmen sitzt und liegt und liest.</p>
<p>In Baden-Württemberg dagegen läuft der Buchverkauf so schleppend, daß jugendliche Straftäter zur Lektüre verurteilt werden müssen: Buch kaufen, lesen, fünfseitige handschriftliche Inhaltsangabe, und falls das nicht klappt, &#8220;kann ich bis zu vier Wochen Ungehorsamsarrest verhängen&#8221;. Richter Hamann, Amtsgericht Reutlingen.</p>
<p>Unglaublich gelacht beim  FAZ-Interview. Monika Kunz? Wer ist Monika Kunz? Mußte ich mir erstmal von Cornelius erklären lassen.</p>
<p>13.10. 14:30</p>
<p>Acht oder neun Grad, Sonne scheint, gebadet. Lars und Julia schaffen es bis zum anderen Ufer.</p>
<p>15.10. 12:02</p>
<p>&#8220;Middlesex hat viele postmoderne Elemente; es gibt viele Signale, dass die Geschichte vom Erzähler erfunden wird, aber kein unmissverständliches Bekenntnis zum Realismus. Die Liebeshandlung ist in viel höherem Maß ein realistischer Roman, hat aber einen dekonstruktivistischen Subtext. Aber ich bin gern ein Rekonstruktivist, wenn das bedeutet, dass ich immer noch Geschichten darüber schreibe, wie Menschen heute leben und fühlen.&#8221; Sagt Jeffrey Eugenides. Und fährt fort: &#8220;Wenn Rekonstruktivist hingegen einen Autor meint, der so tut, als hätte es das 20. Jahrhundert nicht gegeben, dann will ich keiner sein. Ich will den narrativen Pool des 19. Jahrhunderts zurück, aber nicht das 19. Jahrhundert.&#8221;</p>
<p>Im Gegensatz zu mir hat er vermutlich studiert. Aber Signale, daß die Geschichte vom Erzähler erfunden wird &#8211; Wahnsinn. Was werden sie als nächstes herausfinden?</p>
<p>16.10. 14:45</p>
<p>Eine Sache, die ich trotz hundertmaliger Stendhal-Lektüre wieder vergessen hatte: Die Travis-Bickle-Szene, der Bischof von Agde segnet den Spiegel. Zur Zeit des späten Goethe, unvorstellbar.</p>
<p>18.10. 12:45</p>
<p>Mit der schweren Tasche auf dem Fahrrad ins Virchow-Klinikum. MRT für die OP, dann Vierbettzimmer. Der links fragt, ob ich auch ein Bier will, der gegenüber gibt für den Rest des Tages das Fernsehprogramm telefonisch an seine Frau durch. Liege nur rum, kann nichts machen.</p>
<p>19.10. 11:00</p>
<p>Auf Tag und Uhrzeit genau folgt der ersten OP nach zwanzig Monaten die zweite. Wieder kein Beruhigungsmittel, bitte, ich will das sehen, die Gesichter, die Lampe, die Maske auf meinem Gesicht. Tief atmen.</p>
<p>Dann ist die Maske weg, und es sieht aus wie auf dem Jahrmarkt. Großes Gepiepse und Geblinke und Gerenne. Die Intensivstation, wie sich rausstellt, ist überbelegt, das hier nennt sich Aufwachzimmer. Die ganze Nacht über, die in Wahrheit ein Nachmittag ist, bin ich damit beschäftigt, vorübereilende Pfleger und Schwestern um Wasser anzubetteln. Immer wieder die Frage, ob ich wisse, wo ich sei. Einmal sage ich Buchenwald, aber der Witz zündet nicht richtig.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/09/Foto-am-20-10-2011-um-15.15.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2011" title="Foto am 20-10-2011 um 15.15" src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/09/Foto-am-20-10-2011-um-15.15.jpg" alt="" width="500" height="375" /></a></p>
<p>Ein Weißbekittelter meldet, es sei alles wunschgemäß verlaufen, dann tauchen der Reihe nach C., Kathrin und ein (wie sich später erweist) eingebildeter Cornelius auf, die sich abwechselnd als meine Lebensgefährten vorstellen, um eingelassen zu werden.</p>
<p>C. möchte nicht mit einem Hut verwechselt werden, Kathrin hat eine Pappschachtel im Arm, deren Inhalt sie mir nicht zeigt. Und jetzt vielleicht noch mal Wasser, bitte?</p>
<p>In der SZ wird später stehen, Passig habe die Bronzefigur uninspiriert entgegengenommen, und auf die Frage irgendeines Radios, ob dies der richtige Zeitpunkt für die Verleihung gewesen sei, weiß sie nichts zu sagen.</p>
<p>&#8220;Letztes Jahr&#8221;, erklärt sie, &#8220;als der Preis verliehen wurde, gab es Tschick noch nicht. Nächstes Jahr, wenn der Preis verliehen wird, wird es den Autor wahrscheinlich nicht mehr geben &#8230; insofern, ja, geradezu der ideale Moment. Aber das ist mir wie immer erst eine Minute später eingefallen.&#8221;</p>
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		<title>Neunzehn</title>
		<link>http://www.wolfgang-herrndorf.de/2011/08/neunzehn/</link>
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		<pubDate>Wed, 24 Aug 2011 15:27:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[23.8. 12:23 Bücher, in die ich mir Notizen gemacht hab, in der Badewanne eingeweicht und zerrissen. Nietzsche, Schopenhauer, Adorno. 31 Jahre Briefe, 28 Jahre Tagebücher. An zwei Stellen reingeguckt: ein Unbekannter. Erster Eintrag: &#8220;20. Mai 1983, Freitag. Letzter Schultag vor Pfingsten. Wunderschönes Wetter. Meine einzige Produktivität in der Schule war in Englisch (s.o.).&#8221; Verweis auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>23.8. 12:23</p>
<p>Bücher, in die ich mir Notizen gemacht hab, in der Badewanne eingeweicht und zerrissen. Nietzsche, Schopenhauer, Adorno. 31 Jahre Briefe, 28 Jahre Tagebücher. An zwei Stellen reingeguckt: ein Unbekannter.</p>
<p>Erster Eintrag: &#8220;20. Mai 1983, Freitag. Letzter Schultag vor Pfingsten. Wunderschönes Wetter. Meine einzige Produktivität in der Schule war in Englisch (s.o.).&#8221; Verweis auf Landschaftsgekritzel.</p>
<p>Testament gemacht.</p>
<p>23.8. 13:38</p>
<p>Anruf C.: Ich laß dich nicht allein.</p>
<p>23.8. 14:51</p>
<p>In der Mensa kann ich der Kassiererin nicht in die Augen blicken. Später das Licht durch eine Tür gesehen, von vorbeifahrenden Autos zerhackt. Wieder höre ich Stimmen in meiner Straße, wieder brauche ich lange, um festzustellen, daß ich allein auf der Straße bin. Der nächste Passant hundert Meter weit weg. Diesmal alles auf Englisch. Keine richtigen Sätze, kann mir nichts merken, verstehe die Struktur nicht. Hall ferner Lieder. Setze mich mit dem Rücken gegen ein Haus und warte, bis es vorbei ist.</p>
<p>Die Welt löst sich auf.</p>
<p>23.8. 18:37</p>
<p>Dr. Vier schickt mich telefonisch in die Charité. Kleider, Rechner, Zahnbürste gepackt, fröhlich auf den Weg gemacht. Die Straße, die Ampel, ein asiatisches Mädchen, schöner als alles, was ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe. In der Notaufnahme geweint. C. erscheint. Eine Breitseite Benzos und weiter mit Keppra. Interessanter Neurologe: &#8220;Wenn ich ein Glioblastom hätte, würd ich nach Hause gehen.&#8221; Wird gemacht, auf Wiedersehen.</p>
<p>Die hölzerne Sitzbank, wo ich ein Pinguin war.</p>
<p>24.8. 12:40</p>
<p>Inhalt der Badewanne nach unten geschafft. 5 mg Frisium abends und morgens bisher keine weitere Wirkung als angstfreies Herumrasen mit dem Fahrrad auf der Torstraße. Nochmal zur Notaufnahme, Unterlagen vergessen. Versuch, einen früheren Termin beim MRT zu kriegen, gescheitert. Versuch, irgendwo einen Termin beim Neurologen zu kriegen, gescheitert. Frisium reicht noch bis heute abend.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-23-08-2011-um-13.02-3.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1623" title="Foto am 23-08-2011 um 13.02 #3" src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-23-08-2011-um-13.02-3.jpg" alt="" width="500" height="375" /></a></p>
<p>Also zum Hausarzt, dort seelisch auseinandergebrochen. Weder ihm noch sonstwem in die Augen sehen können. Besonders die Sprechstundenhilfe mit ihrer Freundlichkeit, die kenn ich schon, Musterbeispiel praktischer Herzlichkeit, diskrete Empathie, kein überflüssiger Ton, da brechen bei mir jetzt alle Dämme. Danke, dankeschön, tut mir leid, danke, danke.</p>
<p>An der Tür ruft sie mich noch einmal zurück, weil ich den Zettel mit den Terminen vergessen hab. Ich muß rückwärts auf sie zugehen, beide Hände nach hinten gestreckt wie ein Exorzist, greife blind nach dem Papier.</p>
<p>24.8. 14:59</p>
<p>Unter Frisiumschutz Gefühl neuer Sicherheit. Furchtlos passiert der Held die blinkenden Autos, und auch die Sonne jetzt: kein Problem.</p>
<p>25.8. 8:30</p>
<p>Dr. Fünf schaut das letzte MRT an und winkt ab. Strahlenschaden links, ganz homogen, paßt doch genau, MRT Mitte September reicht völlig, Frisium 5-0-5, Keppra 1000-0-1000. Zweimal hakt er nach, woran ich erkannt hätte, daß die Stimmen in mir waren und nicht außerhalb. Die Entfernung der Leute zu mir und daß sie nicht die Münder bewegten.</p>
<p>&#8220;Und haben sie Mitteilungen gemacht?&#8221;</p>
<p>Wikipedia: Bei 95% der Rechtshänder befindet sich die dominante Hirnhälfte links, bei 2% rechts. Bei 3% ist das Sprachzentrum auf beide Hirnhälften aufgeteilt.</p>
<p>26.8. 15:39</p>
<p>Dorotheenstädtischer Friedhof. Mein letzter Besuch schätzungsweise bei meinem Einzug vor fünfzehn Jahren. Christlicher Unsinn, vaterländischer Unsinn. Dreißig Grad im Schatten. Schweiß läuft in die Schuhe, wenn man Heiner Müller auch im dritten Anlauf nicht findet. Brecht immer nett anzusehen, aber alles, was typographisch über Paul Dessau hinausgeht: lächerlich.</p>
<p>&#8220;Weitermachen!&#8221; steht bei Marcuse; was im ersten Moment ja erstmal irgendwie okay klingt. Aber dann doch auch eher wieder nicht. Als ob da einer das Konzept nicht verstanden hat.</p>
<p>Und was wünscht man sich selbst so? Hier ruht für immer? Für immer tot? Haut ab und besauft euch im Prassnik, ich zahl? Was ich vermutlich gut fände: Starb in Erfüllung seiner Pflicht.</p>
<p>26.8. 15:43</p>
<p>&#8220;Das ist das Grab von Tevfik Esenç. Er war der letzte Mensch, der die Sprache sprechen konnte, die sie Ubychisch nannten.&#8221; (Wikipedia)</p>
<p>26.8. 18:30</p>
<p>Beim Fußball drei Tore gemacht und endlich das Frisium identifiziert: Mit äußerster Gelassenheit trabe ich über den Platz, effektiver, weil wieder mutiger in der Abwehr, und mache unaufhörlich mir selbst komisch erscheinende Bewegungen mit den Armen, die wohl irgendwas zwischen Befriedigung über den Spielstand, Freude an Jörns Grätschen, latenter Homosexualität und Vorfreude auf die Z-Bar ausdrücken sollen.</p>
<p>Liebste Erinnerung an einen Sommer vor vielen Jahren: Gekickt wie immer, dann in der Bergstraße getrunken wie immer. Lebhafte Diskussion über das Spiel wie immer und schließlich nachts um eins wieder raus auf den Platz, um mit dem in der Nacht schwach weiß leuchtenden Ball noch eine Stunde lang die Frage zu beantworten, wer nun die bessere Mannschaft gewesen war. Dann im Humboldt-Hain ins Schwimmbad eingestiegen, außer uns nur noch eine türkische Kleinfamilie mit zehnjährigem Kind, fröhliches Geschrei schon von weitem. Die nicht bewässerte Wasserrutsche, ein vergessenes T-Shirt, Patrick, der übers Kassenhäuschen geschoben werden muß. Schwieriger Rückweg über den spitzen Zaun, dann in die nächste Kneipe und weitergetrunken bis zum Morgengrauen. Patrick, Stephan, Philipp, Per und ich.</p>
<p>Als Ludger und der mit den roten Haaren noch dabei waren, hatten wir einmal eine Mannschaft, in der die Hälfte Proust komplett gelesen hatte. Und wir hatten uns alle übers Kicken kennengelernt, nicht über irgendwas mit Geist.</p>
<p>27.8. 17:36</p>
<p>Wo kommt das blaue Auge denn her?</p>
<p>29.8. 2:01</p>
<p>Nächtlicher Klingelton: &#8220;Bitte beachten Sie, dass die Gültigkeit von Folgendem abgelaufen ist: Bonus-SMS on-net&#8221;, danach schlaflos bis zum Morgen. Ortel Mobile Drecksprovider.</p>
<p>29.8. 12:13</p>
<p>Traum: Die Leute, die jetzt im Haus meiner Großmutter wohnen, sind überrascht, mich zu sehen. Ich bin nur kurz da, sage ich. Aus allen Spiegeln blickt meine Mutter mir entgegen, aber im Raum kann ich sie nirgends entdecken. Ich trete mit einem Bein nach hinten. Warum trittst du mich? Weil ich nicht wußte, ob du da bist.</p>
<p>2.9. 12:04</p>
<p>Um sich den Traum jedes Autors (keine Klappe, kein Foto, typographisches Cover) zu erfüllen, reicht meine Auflagenzahl offenbar noch nicht. Divenhaftes Füßchenaufstampfen beschert mir immerhin ein TUI-Urlaubs-Prospekt-Motiv, Bild einer Sanddüne. Womit ich ganz zufrieden bin.</p>
<p>Und es geht doch nichts über einen Lektor, der die Nöte seines Autors versteht:</p>
<p>&#8220;wenn du willst, schreib ich dir noch einen fastpaced unputdownable high octane international male action spy thriller with flat characters and exploding helicopters and a chick with a gun klappentext.&#8221;</p>
<p>ein grausames massaker.<br />
ein mann ohne gedächtnis.<br />
eine erfindung, die die welt bedroht.</p>
<p>Der Verlag geht davon aus, einen Teil der Tschick-Leser mitnehmen zu können, kann man vergessen.</p>
<p>Über weite Strecken parallel geschrieben ist der im Wüstenroman Kapitel für Kapitel wiederholte und gegen Ende völlig aus dem Ruder laufende deprimierende Nihilismus ja eine direkte Reaktion auf die Freundlichkeit der Welt in Tschick. Bzw. umgekehrt. Denn eigentlich war Sand zuerst.</p>
<p>3.9. 18:30</p>
<p>Auf dem Markt vorm Bode-Museum verkauft Per Schatullen aus Thujaholz, an allen gerochen, Madeleine nix dagegen.</p>
<p>Erinnerung: Wie wir durch Slum und Handwerkerviertel von Essaouira laufen auf der Suche nach der großen Säge. Keiner weiß, was Säge auf Französisch heißt, und Pers unterarmabsägende Bewegung beschert uns immer hilfsbereitere, immer kenntnislosere Führer, die uns zu immer dunkleren Schuppen geleiten. Holzstaubvernebelte Baracken, Stalaktiten (sic) aus Thujaspänen, und inmitten all dessen Per, der ohne Mühe den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein seine Geschäfte abwickelt.</p>
<p>Hello, can I help you? My name is Abdul Fattah.</p>
<p>Wie Jochen am Ankunftstag das Zimmer nicht verläßt, weil er seine Tagebücher abtippen muß, wie er stöhnt, als ich ihm meine Eindrücke schildere, die er nun auch alle notieren muß. Wie ich erst nach einer Woche mitkriege, daß wir in dem Hotel sind, in dem Hendrix wohnte, bevor er Castles made of Sand schrieb. Die Castles am Horizont noch sichtbar. Wie Jochen uns joggend am Strand entgegenkommt in seinem notorischen adidas-T-Shirt,  wie er nach drei Tagen jedes Schild entziffern kann und anfängt mit den Leuten Arabisch zu reden, während ich gerade die ersten fünf Buchstaben gelernt habe. Wie wir auf der Fahrt in die Wüste in irgendwelchen Zehn-Hütten-Dörfern Champions League gucken. Wie wir gegen Pers Handwerker Fußball spielen am Strand, wie ich dabei erstmalig an einem unsichtbaren Gegenspieler hängenbleibe und fluchend von einem Foul ausgehe. Drei Monate vor der Diagnose.</p>
<p>Wie ich auf einer zwanzig Meter hohen Düne herausfinde, wie man, ohne Fußspuren zu hinterlassen, davonrennen kann: Auf der Leeseite bis zu den Knien versinkend, nachrutschender Sand löscht die Spur sofort (im Roman nicht verwendet).</p>
<p>Wie wir in Mhamid, hundert Kilometer hinter Zagora, am Ende der Piste, den Kindern einen Dirham versprechen für jeden deutschen Fußballer oder Verein, den sie aufzählen können. Der Beste bringt es neben Bremen, Ballack und Kahn auf immerhin so exotische Dinge wie Hoffenheim, Duisburg und Nürnberg. Redlich verdiente 15 Dirham.</p>
<p>Die Fahrt durchs Draa-Tal bei Sonnenuntergang, der Junge, der uns auf der Brücke aus Blättern geflochtene Kamele verkauft.</p>
<p>Wie Per Jochen fünf Euro bietet, wenn er einen Tag nicht &#8220;Ich&#8221; sagt.</p>
<p>Sagte Susanne. Sagte Viola. Sagte Pussy.</p>
<p>Der Tag im Riad. Der Ginster auf der Rollbahn.</p>
<p>4.9. 16:00</p>
<p>Am Plötzensee liest ein Mann ein Buch mit einem mir wohlbekannt vorkommenden, häßlichen Umschlag. Gerade hat er Herrlich, diese Übersicht aufgeschlagen. Mein erster Leser. Los, sag was, sag was zu deinem ersten Leser!</p>
<p>&#8220;Die schwächste Geschichte von allen. Würd ich überblättern.&#8221;</p>
<p>5.9. 11:00</p>
<p>Lektorat mit Marcus im Verlag. Anstrengend, befriedigend, deprimierend. Die Selbstzweifel. Was für eine stilistische Scheiße ich zu schreiben imstande bin.</p>
<p>6.9. 13:16</p>
<p>Und immer wieder vergesse ich die Sache mit dem Tod. Man sollte meinen, man vergesse das nicht, aber ich vergesse es, und wenn es mir wieder einfällt, muß ich jedes Mal lachen, ein Witz, den ich mir alle zehn Minuten neu erzählen kann und dessen Pointe immer wieder überraschend ist. Denn es geht mir ja gut.</p>
<p>6.9. 17:13</p>
<p>Leichtes Flackern hinterm Rechner. Bei geschlossenen Augen ein Pulsieren auf den Innenseiten der Lider. Denke, weiterarbeiten zu können, baue ein, zwei weitere Änderungen ein, und als ich sie mir vorzulesen versuche, kommt nicht mal Gestammel. Setze mich mit Stift und Papier auf den Boden, schaue auf die Uhr und versuche, den Anfall, der um 17:13 beginnt, zu protokollieren. Ein Satz, der mir aus meinem Roman zu stammen scheint, geht mir als Hall und Widerhall durch den Kopf. Kann den Satz nicht verstehen, kann ihn mir nicht merken, versuche ihn Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe zu notieren.</p>
<p>davor<br />
ein wenig<br />
z<br />
zu wenig wenig<br />
zuwenig zu</p>
<p>Um 17:22 Anruf bei C., nebenher Gesagtes fällt leichter. Bitte um Korrektur meiner Fehler, meiner Syntax, da mir nicht klar ist, ob meine Äußerungen überhaupt Nachvollziehbares enthalten.</p>
<p>Weser, Unterweser: Wieder hängt es an der zweiten Zeile, besonders problematisch das Subjekt, was macht es da? Es wird sein. An der Unterweser wird es sein. Was ist so verdammt schwierig daran?</p>
<p>Zahlen gehen, rechnen geht (9 Minuten seit Anfang), Telefonnummer im Kopf aufsagen, Tasten tippen geht, am schwierigsten das Gedicht.</p>
<p>Hast du schon was zu Mittag gegessen? Dann iß was, du Idiot.</p>
<p>Dr. Fünf angerufen, Frisium zurück auf 5 mg.</p>
<p>6.9. 18:25</p>
<p>Ravioli gekocht, <a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Film-am-06-09-2011-um-18.25.mov">Unterweser</a> aufgesagt, konzentriert auf die Mechanik des Sprechens.</p>
<p>6.9. 21:00</p>
<p>Eine Stadt voller Geräusche und blinkender Lichter. Hingucken, Kopf wegdrehen, wieder hingucken. Mit dem Rad zu C. Was Großstadt eigentlich bedeutet, ist einem als Nicht-Epileptiker vermutlich nicht klar.</p>
<p>7.9. 15:57</p>
<p>Nächster Anfall. Immer zur gleichen Zeit. Deutliche Vorboten, ich schaffe es, das Telefonat mit meiner Mutter rasch und höflich zu beenden, bevor das 16-Tonnen-Gewicht auf mein Sprachzentrum fällt.</p>
<p>7.9. 17:10</p>
<p>Versuch, weiterzuarbeiten. Wortfindungsstörungen. C. rät zur Ruhe.</p>
<p>8.9. 21:00</p>
<p>Vierundzwanzig Stunden Rechner nicht aufgeklappt. Zwischendurch Mensa, dann wieder Bett. Kein Anfall. Hätte man sich auch denken können. Hätte man mir aber auch sagen können. Größer als die Angst vor dem Anfall aber immer noch die Angst, nicht fertig zu werden.</p>
<p>9.9. 10:26</p>
<p>Firma Zischke repariert den Wasserhahn. Gewohnt, mir Satz für Satz laut vorzulesen, arbeite ich jetzt stumm, aus Furcht vor dem möglichen Hall auf der Stimme. Was schwierig ist. Klang beim Schreiben immer wichtiger als Inhalt. Erst Klang und Form, dann Inhalt.</p>
<p>&#8220;Allet klärchen?&#8221; Der Mann mit dem Seeadler auf dem Bizeps hat den Wasserdruck auf der Dusche etwa verdoppelt. Viel kommt immer noch nicht.</p>
<p>10.9. 20:06</p>
<p>Zum ersten Mal, glaube ich, fühle ich mich nicht nur wie ein Zombie, sondern sehe auch so aus.</p>
<p>Auflösung der Außenwelt als Nachwirkung der dauernden Anfälle und der Angst vor ihnen. Weiß natürlich, daß die Außenwelt sich nicht auflöst, daß es die Auflösungserscheinungen im Innern sind, die die Außenwelt auflösen, aber das Gefühl sagt, es ist das Außen, das dahinschwindet, und gegen das Gefühl kommt die Ratio nicht an. Ich laufe durch durchsichtige Straßen, zwischen kulissenhaften Häusern und Menschenmaschinen hindurch, die von einer Sekunde auf die andere verschwunden sein können; vielleicht schon verschwunden sind.</p>
<p>Wenn ich irgendwo Stimmen höre, drehe ich mich um und bin erst beruhigt, wenn sich jemand ein Handy ans Ohr hält und die Lippen bewegt.</p>
<p>11.9. 7:39</p>
<p>Traum: Neues MRT, neuer Arzt. Er drückt mir Formulare und zwei mit &#8220;pBarbital&#8221; überschriebene Broschüren in die Hand. Schöne Bilder mit viel Text, kann ich jetzt nicht alles lesen. Frage, ob es um die Schweizer Lösung geht, Pentobarbital. Ja. Bin verwundert, denn ich hatte dem Arzt gegenüber keine Absichten geäußert. Erinnere mich außerdem an X.s Recherche: Schmecke bitter, nicht jeder vertrage es, manche spuckten es aus und seien hinterher noch größere Wracks als zuvor.</p>
<p>Der Arzt stellt einen blauen Plastikbecher mit der tödlichen Lösung zwischen uns auf den Tisch. Nach einer Weile trinkt er ihn selbst. Ich tue, was ich umgekehrt an seiner Stelle von mir auch erwarten würde: nichts.</p>
<p>Der Mann fällt um, umklammert röchelnd seinen Hals. &#8220;Hilf mir&#8221;, fiept er, und ich setze mich zu ihm und halte seine Hand. &#8220;Hilf mir!&#8221; wiederholt er fiepend, und ich sehe mich nach einer zweiten Dosis für ihn um. Blaugesichtig schleppt er sich zum Papierkorb und kotzt ihn voll.</p>
<p>Währenddessen finde ich auf dem Grund des leergetrunkenen Plastikbechers zwei Tabletten in blutwässriger Lösung. Hat er den Wirkstoff gar nicht genommen? Unsicher geworden versuche ich, auf dem Handy die Polizei zu rufen, aber die Sprechstundenhilfe und ein überraschend aufgetauchter Bodyguard des Arztes halten mich davon ab. Ich versuche mich unauffällig in Richtung Ausgang davonzustehlen, von Sprechstundenhilfe und Bodyguard verfolgt, da kommt aus irgendwelchen Bäumen auf der gegenüberliegenden Straßenseite plötzlich ein Mann heruntergeturnt, sonnengebräunt und gesund, im ersten Moment erkenne ich ihn gar nicht wieder: Der Arzt.</p>
<p>War also alles nur Theater? Ein Test? Was ich von Anfang an schon vermutet hatte, bewahrheitet sich jetzt: Das Pentobarbital war für mich bestimmt.</p>
<p>Was tun? Auf Hilfe hoffen? Nichts? Fliehen? Mit der schweren Tasche auf der Schulter  stehen meine Chancen für eine Flucht nicht gut. Ich könnte die Tasche natürlich wegwerfen, aber da ist mein Macbook drin, mein Roman, meine Arbeit, mein ganzes Leben. Ich warte auf den richtigen Moment; dann renne ich mit dem Rechner in beiden Händen in den frühen Morgen hinaus, in den realen Morgen.</p>
<p>12.9. 11:45</p>
<p>Besuch bei Dr. Fünf und neuer Versuch: Frisium 5-0-5 und Keppra 1250-0-1250.</p>
<p>Dr. Fünf kommt aus einem Land, das auf der Rangliste der Pressefreiheit den letzten Platz einnimmt, hinter Turkmenistan und Nordkorea. Was es alles gibt.</p>
<p>14.9. 19:05</p>
<p>Leichter Anfall, Stimmen im Fernsehen, englische Stimmen im Kopf, C. angerufen, stockend sprechen geht, Unterweser geht nicht, andere Gedichte auch nicht, Brecht nicht, kein englisches Gedicht.</p>
<p>Experiment: Will ein neues Gedicht lernen, um zu schauen, ob das Hirn schlau genug ist, es anderswo abzuspeichern; und einen Prosatext. Weil, sitzt ja vielleicht nicht im selben Areal.</p>
<p>15. 9. 15:00</p>
<p>Morgens Arbeit, mittags MRT, dann geschlafen. Traum: Wir machen Urlaub am Nordpol. Sascha hat einen kleinen Baldachin aus Schnee gebaut, unter dem eine Wasserpfütze lauwarme Temperatur erreicht (&#8220;unser Bad&#8221;). Ich tauche unter der Polkappe hindurch und mache die anderen darauf aufmerksam, daß wir uns an der höchsten, obersten Spitze eines im All taumelnden riesigen Tropfens befinden, der wasserummantelten Erde, kleine Mikroben.</p>
<p>15.9. 19:53</p>
<p>Vor vielen Jahren hatte ich einmal eine Fledermaus in meiner Küche, die dort panische Achten unter meiner Lampe flog. Sie streifte meinen Kopf, stürzte ab und rutschte mit Mausgesicht und nackten Flügeln übers Linoleum. Beiderseits Panik, dann duckt der Wohnungsbesitzer sich, und das Tier rappelt sich auf und findet das Fenster.</p>
<p>In der Abenddämmerung des Hinterhofs dreht nun wieder eine ihre Runden.</p>
<p>16.9. 10:30</p>
<p>Freundliche Begrüßung durch Dr. Vier wie immer, aber während ich ihm in sein Zimmer folge, kann ich an seiner Körpersprache schon alles erkennen.</p>
<p>Das Glioblastom wächst, am Rand der alten OP-Narbe. Wahrscheinlich ist das auch die Ursache für die Anfälle. Aber der Tumor ist rechts, ist Sprache nicht links?</p>
<p>Drei Möglichkeiten: Temodal, neue OP, Strahlen. Mit der Strahlentherapeutin wurde schon gesprochen, es fällt der Satz: &#8220;Hier haben wir noch ein bißchen Platz zum Reinstrahlen gefunden.&#8221;</p>
<p>Aber man kann auch nicht unbegrenzt strahlen, dann Hirn tot. Oder Cyberknife, quasi verbrannte Erde. Gefällt mir technisch alles gut. Mittwoch Termin am Virchow-Klinikum, dann Konferenz, dann Entscheidung.</p>
<p>Im schlimmsten Fall, was passiert? Das nächste Jahr erleben Sie noch.</p>
<p>Und im besten Fall? Vielleicht noch mal wie nach der ersten OP.</p>
<p>Vorherrschendes Gefühl: Erleichterung. Endlich Klarheit. Der Feind tritt aus der Deckung, letzte Materialschlacht. Die Statistik gibt sechs Monate ab Rezidiv.</p>
<p>Telefonat mit C., die meine Mutter anrufen soll. Kann ich nicht.</p>
<p>Zu Hause an den Rechner: Arbeit. Maximal noch drei Tage, dann bin ich mit allen Korrekturen durch. Dann kommt nichts mehr von Bedeutung.</p>
<p>16.9. 18:00</p>
<p>Fußball. Blätter wehen über den Platz. Okayes Dribbling, ein Pfostenschuß, kein Tor. Der Eindruck, mein Sichtfeld sei weiter geschrumpft. Hebe zur Sicherheit den linken Arm, wenn ich in das Nichts dort renne.</p>
<p>17.9. 8:30</p>
<p>Traum: Passig steht neben meinem Nürnberger Schreibtisch. Ich führe mein Schwanken vor. In zwei Wochen ist es vorbei, sagt sie.</p>
<p>17.9. 10:53</p>
<p>Kleiner Anfall. Versuche mich an This Be The Verse von Larkin. Hier und da ein Wort, mehr nicht. Fuck, mum, dad. 17 Minuten, bis ich wieder halbwegs sprechen kann.</p>
<p>21.9. 13:30</p>
<p>Dr. J. im Virchow-Klinikum zeigt mir die Bilder. Ein 1,3 cm großes Glioblastom wächst von der Narbe Richtung Balken in den Bogen hinein. Wozu brauchte man den Balken nochmal? Weil er die Hälften verbindet? Weil man ohne ihn der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselt, ist? Aha.</p>
<p>Per Blickdiagnose gibt man mir einen Karnofsky von 100. Dr. J. stellt die Bilder der Konferenz vor. Professor Vajkoczy ordnet das nächste FET-PET an, dann mögliche Re-Resektion. Knapp am Balken, müßte noch gehen. Termin in drei Wochen. Am Plötzensee auf den Steinstufen in der Sonne gesessen und nachgedacht.</p>
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		<title>Achtzehn</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Aug 2011 17:50:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[27.7. 18:00 Mit G., die ein Astrozytom Grad II oder III hat, im Volkspark Federball gespielt und spazierengegangen. Unausgesprochen hängt ein &#8220;Kennst du ja&#8221; an jedem Satz. Gleiche Post-OP-Sache bei ihr, drei Tage ohne Schlaf, Stimmen im Kopf, Klapse usw. 28.7. 19:00 Allein am Plötzensee, dann mit C. The Social Network gesehen. Wie man aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>27.7. 18:00</p>
<p>Mit G., die ein Astrozytom Grad II oder III hat, im Volkspark Federball gespielt und spazierengegangen. Unausgesprochen  hängt ein &#8220;Kennst du ja&#8221; an jedem Satz. Gleiche Post-OP-Sache bei ihr, drei Tage ohne Schlaf, Stimmen im Kopf, Klapse usw.</p>
<p>28.7. 19:00</p>
<p>Allein am Plötzensee, dann mit C. The Social Network gesehen. Wie man aus zwei Nicht-Themen (Geld und Internet) mit brillanten Dialogen einen brillanten Film machen kann. Allein warum Zuckerberg zwischendurch als Arschloch tituliert wird, hab ich nicht verstanden, ist ja von Anfang an viel zu sympathisch.</p>
<p>29.7. 8:41</p>
<p>Traum: In den Baracken auf den Feldern, wo früher die Türken wohnten, ist jetzt eine Berlin-Mitte-Bar aus grobem Holz gezimmert. Mit Passig vor dem Rechner sitzend lese ich mein Blog und entdecke einen Fehler an der Stelle mit Lushins Verteidigung. Weil mir undeutlich bewußt ist, nicht in der realen Welt zu sein, versuche ich ihn mir mit Mnemotechnik einzuprägen und kratze die Worte &#8220;weiter nichts&#8221; mit einem Radiergummi vom Bildschirm. Erwachend bin ich sicher, daß die Worte im Text nicht vorkommen. Aber sie sind da und gehören tatsächlich gestrichen.</p>
<p>29.7. 22:27</p>
<p>An der Tür wird geklopft, ein warmes Brot liegt vor der Tür. Hallo? ruft der vierte Stock. Hallo, ruft das Treppenhaus zurück.</p>
<p>30.7. 16:45</p>
<p>Fahrt zu Lentz. Müggelsee. Nina Hoss. Im strömenden Regen kein Ufer.</p>
<p>31.7. 18:23</p>
<p>Passig korrigiert, will Unmengen rausschmeißen. Erfahrungsgemäß hat sie immer recht, und Gestrichenes vermißt man hinterher nie. Aber die Wochen Arbeit, die da drinstecken, und nochmal Wochen und Monate Recherche. Marek zumindest hat gegen das Cockcroft-Kapitel nichts einzuwenden, endlich Informationen, endlich Boden unter den Füßen. Kampf der Häuptlinge aber auch für ihn ein Fremdkörper. Lepidoptera schon draußen.</p>
<p>2.8. 15:37</p>
<p>Fahrt an die Ostsee. Zuerst ein Schwerbehindertenabteil für mich allein, dann kommt eine bettelnde Frau, die drei Euro verlangt, dann ein Mann mit pumpenden Kopfhörern. Flucht in den Großraum.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-04-08-2011-um-18.00-3.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-04-08-2011-um-18.00-3.jpg" alt="" title="Foto am 04-08-2011 um 18.00 #3" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-1598" /></a></p>
<p>4.8. 17:23</p>
<p>Jeden Morgen bei Sonnenaufgang baden. Tagsüber Volleyball, genauso gut wie letzten Sommer.</p>
<p>Die Vögel, die ich immer Raben genannt habe, sind Dohlen.</p>
<p>5.8. 18:45</p>
<p>Vier, fünf Sätze Volleyball, körperliche Erschöpfung. Am Tisch flackert das Teelicht, ich frage: Was ist das für eine Helligkeit? Meine Mutter bittet meinen Vater, das Licht zu löschen. Speichel sprudelt aus meinem Mund, die Sitzordnung am Tisch hat sich spiegelverkehrt. Ich stelle mich an die Böschung. Ich möchte etwas sagen und kann es nicht. Ich denke darüber nach, was ich sagen will, und weiß es nicht. Ich will eine Mitteilung über meinen Zustand machen. Ich will meine Dateien überarbeiten. Ich versuche, mich zu erinnern, was ich zuletzt gestrichen habe, und kann mich nicht erinnern. Zuerst glaube ich es noch zu wissen, dann bricht der ganze Roman in mir auseinander. Ich will an den Rechner, weil ich den Eindruck habe, er sei auch dort zerbrochen. In immer neuen Anläufen, etwas zu sagen, kommt nichts raus. Stärker als der Wille zu reden ein anderer Wille mit unklarem Ziel.</p>
<p>Meine Mutter sagt Epilepsie, ich streite es innerlich ab. Die Panik jetzt das größere Problem. Ich will ans Meer, und ich will allein. Mein Vater kommt hinterher. Die Häuser stehen auf der falschen Seite. Wir schauen über die See. Landzunge Göhren, Landzunge Sellin, einander zu ähnlich, um sagen zu können, ob sie die Plätze getauscht haben. Zurück im Haus esse ich mit großem Hunger. Immer noch kann ich nicht sprechen. Ich denke, vielleicht fällt es nicht auf. Ein Mensch, der wortlos ißt. Scham das vorherrschende Gefühl, Verwirrung. Im Zimmer oben Blick in die Dateien. Sie sind genauso zerschossen, wie sie mir in meinem Kopf erscheinen. Wikipedia: Epilepsie. Keine verwertbaren Informationen. Stiller Spaziergang mit Mutter die Uferpromenade lang. Nun erste Worte. Vom Teelicht bis hierhin etwa eine halbe Stunde. An Helligkeit und Speichel keine Erinnerung. Überlegung, den Arzt anzurufen. Aber wozu?</p>
<p>6.8. 7:15</p>
<p>Im nur hüfthohen Wasser gebadet, Vater am Strand. Er beharrt darauf, ich hätte mich überanstrengt. Versuch eines arbeitsfreien Tages.</p>
<p>Einstellungstest der Römischen Truppen: Durch ein drehendes Wagenrad auf eine helle Lichtquelle, für gewöhnlich die Sonne, schauen.</p>
<p>Meiner Mutter ein Gedicht von Georg von der Vring aufgesagt: An der Weser, Unterweser wirst du wieder sein wie einst. Durch Geschilf und Ufergräser dringt die Flut herein, wie einst.</p>
<p>7.8. 10:39</p>
<p>Heute früh Regen, leerer Strand, Schwimmen. Arbeitsunfähig. Angst vor erneutem Anfall, fühle mich vage in eine etwas papierene Welt hinausgebaut.</p>
<p>Hätte man mir vorgestern Zettel und Stift in die Hand drücken können? Motorisch war ja alles in Ordnung. Ist aber niemand drauf gekommen, auch ich nicht.</p>
<p>Dieser Scherbenhaufen im Innern bei gleichzeitiger Unfähigkeit zu sprechen, das ist nicht meine Welt. Auch wenn man da möglicherweise noch zwei Gemüsestufen über dem Apalliker rangiert, aber das ist nicht meine Welt. Menschliches Leben endet, wo die Kommunikation endet, und das darf nie passieren. Das darf nie ein Zustand sein. Das ist meine größte Angst.</p>
<p>Meine Mutter hat einen riesigen Grashüpfer in einer Schale gefangen. Das graue Haus da rechts neigt noch immer zur Unsichtbarkeit. Grün und rot sind stabiler.</p>
<p>9.8. 11:00</p>
<p>Häuser, Bäume, Landschaften. Lange nachgedacht, wie man das formulieren soll. Die Durchscheinigkeit der Dinge und das durch die Dinge durchscheinende Nichts. So ungefähr.</p>
<p>Kein ganz neues Gefühl, aber eingekleidet in neue optische Varianten.</p>
<p>Keine Arbeit.</p>
<p>Kurzer Besuch beim Neurologen der Insel. Spricht von Narben und elektrischen Blitzen, stellt sonst nichts fest. Levetiracetam, vier Tage morgens eine, dann morgens und abends eine, dann in Berlin zum Arzt. Und schwimmen Sie vielleicht nicht allzu weit hinaus.</p>
<p>9.8. 16:32</p>
<p>Schwerer Regen in den Kiefern. Keine Wellen.</p>
<p>10.8. 11:56</p>
<p>Arbeite Passigs Kürzungen ein, fällt unendlich schwer.</p>
<p>Weiter starke Unsicherheit, als sei der Schädel ein Sieb und scheine Licht herein und hinaus.</p>
<p>11.8. 7:38</p>
<p>Kalt. Regen. Gebadet.</p>
<p>11.8. 10:29</p>
<p>Oft weiß ich nicht, wie es mir geht, und frage mich es auch nicht. Aber an der Geschwindigkeit, mit der die Zeit vergeht, merke ich es. Es ist seit drei Minuten 10:29, das bedeutet konzentrierte Arbeit.</p>
<p>12.8. 19:30</p>
<p>Der zwölfte August in meinem Kalender ist eingekastet, grabsteinförmig, mein Todestag, errechnet in der Woche nach der OP aufgrund der ersten von Passig runtergeladenen Statistiken, siebzehn Komma irgendwas Monate. Der Nachmittag vergeht mit einem langen Strandspaziergang im Regen nach Sellin runter und zweimaligem Baden im 15 Grad kalten Wasser. Herrliche Wellen, herrlich alles.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-13-08-2011-um-20.48-2.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-13-08-2011-um-20.48-2.jpg" alt="" title="Foto am 13-08-2011 um 20.48 #2" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-1596" /></a></p>
<p>16.8. 10:02</p>
<p>Seit vier Tagen in Berlin, immer noch nicht beim Arzt gewesen. Aber langsam Beruhigung. Fahre schon wieder auf der Torstraße Rad, schwimme im Plötzensee an der Nichtschwimmerleine lang, vielleicht kauf ich noch einen Helm.</p>
<p>17.8. 10:21</p>
<p>Unter der Dusche gepinkelt hat sicher jeder schon mal, unter der Dusche Zähne geputzt die meisten. Aber beim Duschen Tee getrunken? Auch schön.</p>
<p>17.8. 14:00</p>
<p>Besuch bei Dr. Vier. Ein Anfall kann Zeichen einer Verschlechterung sein, kann aber auch einfach ein Anfall sein. Wir belügen uns gegenseitig. Ein guter Arzt. Tagesdosis hochgesetzt auf 1 Gramm.</p>
<p>17.8. 19:30</p>
<p>Langes Telefonat mit G. Vorboten und Auslöser, mit und ohne Aura. Bei ihr ist es ja nur die Hand. Bestattung, Gefühle der Angehörigen, die Frage, was übrigbleibt in Gedanken und wie lange. Die Seele (sie hat eine, ich nicht), das Zeitfenster, in dem man lebt und plant (bei mir zuletzt von einem Tag zusammengeschnurrt auf irgendwas zwischen zwei Stunden und fünf Minuten, bei ihr etwas länger). Die Unfaßbarkeit, in genau dieser Sekunde zu leben, während andere nicht leben. Gedanken beim Schuhekauf und die Wette, wer auf des anderen Grab pinkelt.</p>
<p>Seltsam, mit jemandem zu sprechen, der dasselbe weiß wie man selbst.</p>
<p>Man wird nicht weise, man kommt der Wahrheit nicht näher als jeder, aber in jeder Minute beim Tod zu sein, produziert eine Form von Erfahrungswissen.</p>
<p>18.8. 18:57</p>
<p>Am Plötzensee im Bootshaus. Schön könnte es sein, und schön könnte man arbeiten, aber nicht heute. Erst ein Rentnerehepaar, das sich über das Topthema der Menschheit verständigt, das Sichtbare: &#8220;Da hat er was in seinem Rucksack, glaub ich, der hat was in seinem Rucksack, ja, da ist was drin, sieht ganz schön schwer aus, ist schwer, ist bestimmt was drin, jetzt geht er die Treppe rauf, siehst du, er geht die Treppe rauf.&#8221;</p>
<p>Die Frau schwingt Restflüssigkeit aus ihrem Bierglas, rollt es eine Minute lang in ein Handtuch, und sie räumen das Feld für zwei Freundinnen, die von dem in Notwehr agierenden Stenographen ebenfalls nichts mitkriegen. &#8220;Das kannst du deuten, wie du möchtest, warum glaubst du, daß ich dir hier so eine Szene mache, du und ich, wir sind völlig verschieden, ich möchte irgendwie eine Entschuldigung, ich hab ihr doch mehrfach eine Chance gegeben, ein drittes Mal tue ich das nicht, die lacht sich doch einen, die ist mir wirklich egal, die Vorstellung, aber Scheiße bleibt Scheiße, das ist eine ganz andere Liga, eine ganz andere Liga, du wirst es niemals wirklich wissen, wird einfach nicht gelingen, wird nicht gelingen.&#8221;</p>
<p>Die Sonne über dem See.</p>
<p>Jetzt dachte ich schon, sie umarmen sich, aber es ist nur die eine, vergraben in ihre Frisur. Die andere ist fort.</p>
<p>Klobenutzung kostet schreiend eingeforderte 50 Cent.</p>
<p>19.8. 12:34</p>
<p>Passig ein problematisches Kapitel geschickt, und sie hat keine Korrekturen. Wahnsinn. Ich schreibe seit zehn Jahren mit der Passig-Schere im Kopf, seit einiger Zeit dreht außerdem die Marcus-Gärtner-Schaufel meine Sätze um, wenn ich noch ein paar Jahre übe, mache ich beide arbeitslos.</p>
<p>Und Passig hält insgesamt den Daumen hoch. Hat sie vorher noch bei keinem Buch gemacht.</p>
<p>19.8. 19:30</p>
<p>Fußball, nachdem ich fast verschlafen habe. Läuferisch gut.</p>
<p>21.8. 23:48</p>
<p>Mit Joachim und Marek am See, dann im Bootshaus. Langes Gespräch über Tagebücher und Liebeskummer. Draußen läuft Musik, Seventies, ein Hall auf der Chorstimme. Der Hall liegt plötzlich auch auf meiner Stimme. Ich will die anderen fragen, ob sie das auch hören, kann aber vor Angst nicht sprechen. Maximal eine Silbe, dann Hall, dann Abbruch. Ich halte meine Hände nach vorn. Ich nehme ein Tavor. Marek führt mich fort von den fatalen Melodien. Im Park höre ich die Stimmen der Leute, die nah und fern rund um den See sitzen, aber ich kann niemanden sehen. Sind überhaupt Leute da?</p>
<p>Pantomimisch deute ich an, daß ich ein Notizheft und einen Stift brauche. Auf den eilig herbeigeholten Block schreibe ich: &#8220;Ich habe einen epileptischen Anfall habe ich <del>den einen</del> bekommen. Du mußt dich nichts damit angekommen. letzten Mal war es 20-30 minuten. Ich kann nicht sprechen an.&#8221; Grammatik zerschossen, Schriftbild normal.</p>
<p>Marek hält meine Hand. Ich deute an, daß das Schlottern meiner Beine kein Teil der Epilepsie, lediglich Folge der Angst ist. Nach einer knappen Viertelstunde ist es vorbei. Für mein Zeitgefühl drei Minuten. Teilamnesie. Ich schlage vor, das nächste Mal kleine Oliver-Sacks-Experimente durchzuführen.</p>
<p><a href="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-22-08-2011-um-14.48-2.jpg"><img src="http://www.wolfgang-herrndorf.de/wp-content/uploads/2011/08/Foto-am-22-08-2011-um-14.48-2.jpg" alt="" title="Foto am 22-08-2011 um 14.48 #2" width="500" height="375" class="aligncenter size-full wp-image-1597" /></a></p>
<p>Marek begleitet mich nach Hause. Ist der Roman jetzt eigentlich fertig? Wird er noch fertig? Geht es schrittweis in die Grube? Bin ich eigentlich noch mit C. zusammen? Ich weiß es alles nicht, und nichts davon interessiert mich. Alle seelische Energie ist verbraucht. </p>
<p>Die auf dem Block notierten Sätze entsprechen ziemlich genau der Struktur meiner Gedanken währenddessen.</p>
<p>Später in der Nacht erwache ich, weil der Fernseher läuft, Filme über die Maueröffnung. Das interessiert mich wieder. Großartige Zeit. In den Achtzigern hatte ich keinen Fernseher. Ich mußte mich bei Eva einladen, um zum ersten Mal die Bilder zu sehen. Aber wie alle Linken, die ich damals kannte, also alle, stand sie der Sache ganz gleichgültig gegenüber.</p>
<p>22.8. 17:48</p>
<p>Spanische Jugendliche am Plötzensee werfen sich einen Ball zu, immer die gleichen Rufe und Antworten. Plötzlich höre ich sie, bevor sie rufen, plötzlich sind sie in meinem Kopf, plötzlich kann ich spanisch. Ich wage nicht zu testen, ob ich noch reden kann. An der Weser, Unterweser. Ich komme nicht mal bis Weser. Ich sehe auf die Uhr. Ich drehe mich vom Rücken auf den Bauch. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei.</p>
<p>Dann baden, scheiß auf den Anfall. Mein Leben.</p>
<p>23.8. 9:38</p>
<p>Von Elina geträumt, die in einem Garten voller absurder Insekten wohnt. Dazwischen kleine Plastilinfiguren, die Insekten täuschend ähnlich sehen. Mein eingebildeter Begleiter zieht eine Waffe und zielt auf die falschen Insekten. Ich halte ihn ab mit dem Verweis auf den wahren Mörder, der hinter der Tür warte, eine Mörderin, eine mir unbekannte Frau. Die Frau greift mit der Faust unter ihr Kinn und zieht sich eine Maske vom Gesicht wie Fantômas, darunter nochmal dasselbe Gesicht.</p>
<p>In meinen Träumen fehlt die Passig-Schere noch.</p>
<p>23.8. 11:08</p>
<p>Anruf bei Dr. Vier. Dosis auf 1,5 Gramm erhöht. MRT auf Mitte September vorgezogen. Kann sein, daß es jetzt losgeht, kann auch sein, daß es ein Ödem ist. Aber irgendwas ist wohl.</p>
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		<title>Siebzehn</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Jul 2011 19:37:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Herrndorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Struktur]]></category>

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		<description><![CDATA[10.7. 5:56 Beim Erwachen spüren, wie man vor einer Zehntelsekunde noch nicht wach gewesen war, und sich wünschen, nicht wach geworden zu sein, danach schlaflos. Stundenlang über die Steuererklärung nachgedacht. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ein panische Angst vor der Steuererklärung. Auch vor anderen Kleinigkeiten, die gemacht werden müssen. Die eigentlich nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>10.7. 5:56</p>
<p>Beim Erwachen spüren, wie man vor einer Zehntelsekunde noch nicht wach gewesen war, und sich wünschen, nicht wach geworden zu sein, danach schlaflos. Stundenlang über die Steuererklärung nachgedacht. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ein panische Angst vor der Steuererklärung. Auch vor anderen Kleinigkeiten, die gemacht werden müssen. Die eigentlich nicht gemacht werden müssen, aber die nicht zu machen einen solchen Schritt aus der Richtung des Lebens heraus bedeutet, daß man gleich aufhören könnte. Seltsame Verlagerung.</p>
<p>11.7. 15:06</p>
<p>Feststellung: Der Grad der Behinderung (GdB) beträgt 100. Begründung: Bei Ihnen liegen folgende Funktionsbeeinträchtigungen gemäß § 69 Abs. 1-3 SGB IX vor: a) Erkrankung des Gehirns</p>
<p>13.7. 15:53</p>
<p>Ein vier mal vier Zentimeter großes Areal links ist verdächtig auf Tumor, beharrt der Mann vom MRT. Der Mann vom PET sieht nichts. Dr. Vier sieht Strahlenschäden. Jetzt will die Strahlentherapeutin der Charité noch mal gucken, ob in den Bereich auch ausreichend hineingestrahlt wurde.</p>
<p>15.7. 13:03</p>
<p>Schwere Erkältung. Erster ruhiger Tag seit langem. Ich arbeite nicht mehr, ich trinke Tee mit Honig, liege die ganze Nacht wach, schaue Stunde für Stunde Dokumentationen über Dinosauriereier, Expeditionen in die Wüste Gobi, die Donau, den Piltdown-Menschen und das Taung-Kind. Das vor zweieinhalb Millionen Jahren gelebt hat, für drei oder vier Jahre. Dann kam ein Greifvogel.</p>
<p>Schwer vorstellbar, daß es in weiteren zweieinhalb Millionen Jahren die Menschheit noch gibt. Oder? Aufgewachsen als Kind der Achtziger, mit dem Club of Rome auf der einen, dem Atomkrieg auf der anderen Seite, war ich immer sicher, daß es in spätestens zwei, drei Jahrhunderten vorbei ist. Ein bißchen länger wird es wohl gehen &#8211; aber nochmal zweieinhalb Millionen Jahre? Und werden die Werke von Karl Philipp Moritz dann noch irgendwo sein? Die Arnolfini-Hochzeit? Wird noch jemand da sein, der eine Erinnerung hat an die kurze Blüte der europäischen Kultur? Gibt es den Sandsteinhaufen der Cheops noch? Und meine Initialen, die ich als Zwölfjähriger auf dem Plateau der Pyramide eingekratzt habe? Wird auch der Schädel von Taung noch irgendwo sein? Plattgedrückt unter neuen Erdschichten, darauf wartend, ein zweites Mal ausgegraben zu werden, mit einem kleinen Metallschild daneben, das von der Erstentdeckung kündet? Werden die Kakerlaken bis dahin lesen und schreiben gelernt haben? Wird dieses Stück Hirnschale sie genauso rühren wie mich? Wird jemand unsere Abwesenheit bemerken?</p>
<p>Dieser Mist verstopft seit Stunden mein Hirn.</p>
<p>16.7. 13:46</p>
<p>Die Zukunft ist abgeschafft, ich plane nichts, ich hoffe nichts, ich freue mich auf nichts außer den heutigen Tag. Den größeren Teil der Zeit habe ich das Gefühl, tot zu sein. Nur wenn ich Fieber habe und Kopfschmerzen, wenn ich wie jetzt krank im Bett liege, wenn ich die Nacht nicht schlafen kann, merke ich, daß ich alles noch vor mir habe.</p>
<p>Lektüre: DeLillo, Weißes Rauschen, mein Lieblingsbuch von ihm. Seine Haltung der Kulturwissenschaft gegenüber, dem Supermarkt, der Zeit, dem Neuen &#8211; wenn man das liest, kommt einem deutsche Literatur vollkommen absurd vor. Ein Kosmos ausschließlich verständiger und intelligenter Menschen, ein Riesenspaß. Und das sonderbar humorlose Dahingleiten seiner Assoziationen, das ich nicht begreife.</p>
<p>Ein bißchen wie in der Malerei. Bei aller Bewunderung und Ehrfurcht, die ich Holbein oder van Eyck entgegengebracht habe &#8211; vor ihren Bildern konnte ich noch immer sehen, was das war. Der zarte Schmelz um die feuchte Reflektion auf dem unteren Augenlid des Herzogs von Sowieso, wahnsinnig, wahnsinnig toll, aber ich wußte, wie das gemacht war.</p>
<p>Bei Vermeer wußte ich das nie. Da stand ich vor den Bildern wie ein Idiot. Und ein bißchen so ist das auch bei DeLillo. Ich kann das hundert Mal lesen und begreife die Mechanik dahinter nicht. An meinen eigenen Texten ist jederzeit genau ablesbar, wo ich parallel DeLillo gelesen habe, da schleichen sich dann versuchsweise diese Assoziationssplitter ein, die ich im zweiten Korrekturgang immer wieder rausstreichen muß. Weil, in meiner Prosa haften die nicht, und es ist erbärmlich, ich kann seit Jahren nicht herausfinden, warum.</p>
<p>20.7. 11:19</p>
<p>Die Strahlentherapeutin ruft an, hat sich aber nur verwählt. Auf meine Bilder habe sie auch schon geguckt, ja, aber es sei nicht trivial, sie wolle noch einen Kollegen hinzuziehen, sie melde sich morgen. Zwei Wochen Warten mittlerweile, und immer noch keine Klarheit. Wie soll einer da arbeiten?</p>
<p>21.7. 16:35</p>
<p>Ergebnis: Sie wissen nicht, was es ist. Eine Gliose, vier Zentimeter, kann Strahlenschaden sein oder sehr niedriggradiger, langsamwachsender Tumor, scheint aber in beiden Fällen wurscht, da es keine Probleme macht, gebe so Regionen im Hirn, die man nicht brauche, könne man jahrelang unbehandelt lassen.</p>
<p>23.7. 18:43</p>
<p>Vorläufige Version des Wüstenromans zusammengeschraubt und an die ersten Korrekturleser geschickt. Danach sofort Gefühl der Leere. Was als nächstes? Ich weiß es nicht.</p>
<p>23.7. 18:51</p>
<p>Amy Winehouse.</p>
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